"Bei einem guten Film tut der Zuschauer fünfzig Prozent selbst dazu"

Franka Potente - Sie füllt die europäische Nische in Hollywood: Die deutsche Schauspielerin Franka Potente hat schon mit den ganz Grossen des Filmgeschäfts gedreht. Nach Streifen mit Johnny Depp, Elijah Wood und Steven Soderbergh, ist sie derzeit in dem in Malawi abgedrehten Film "Baba's Song" des deutschen Regisseurs Wolfgang Panzer zu sehen. Im Gespräch mit "persoenlich.com" erklärt die 35-Jährige, wie sie sich auf ihre Rollen vorbereitet, wie wichtig Rhythmus ist und wie man sich einen Gastauftritt in einer der beliebtesten Arztserien angelt.

Frau Potente, sind Sie ein rhythmischer Mensch?

Das habe ich bis vor kurzem jedenfalls gedacht, ja. Aber letztens habe ich in New York versucht mit einem kubanischen Bekannten Salsa zu tanzen. Es endete in einem Desaster. Er hat immer nur gesagt: "Du musst mich führen lassen! Du musst mich führen lassen!" – Ansonsten tanze ich nach eigener Einschätzung eigentlich ganz okay. Zudem habe ich früher im Orchester Geige gespielt.

Sie haben also eine Beziehung zu Rhythmus.

Ja. Bei afrikanischer Musik finde ich mich zum Beispiel immer ganz gut ein. Ich hab früher auf der Schauspielschule in New York das Fach African Dance belegt. Das lag mir sehr.

Und mit diesen Kenntnissen konnten Sie bei den Dreharbeiten in Malawi glänzen?

Nein, da stinkt man natürlich immer ab! Aber ich glaube, wichtig ist ja beim Tanzen, dass man sich ein Stück weit verlieren kann und nicht unbedingt strikt irgendwelchen Regeln folgt. Und gerade der afrikanische Tanz ist da auch gar nicht so streng. Der ist ja vor allem Ausdruck von Lebensfreude.

Sowohl "Lola rennt", der Film, der Sie berühmt gemacht hat, wie auch "Baba’s Song" haben Rhythmus irgendwie zum Thema. Beim einen ist es die besondere Schnitttechnik, beim anderen ist Musik eines der Hauptthemen.

Stimmt. Aber der Rhythmus ist generell eine der Hauptkomponenten eines Films. Film ohne Rhythmus geht gar nicht. Der muss im Drehbuch schon drin sein. Wichtig ist, dass er in einer sinnvollen Verbindung steht zum Inhalt.

Wie erzeugt man diesen Rhythmus?

Da gibt es ganz verschiedene Möglichkeiten. Der wird neben dem Schnitt auch dadurch erzeugt, wie und wann welche Figuren auftauchen. Habe ich habe eine Figur, die sehr aktiv die Geschichte vorantreibt, baue ich diese in bestimmten Abständen immer wieder ein. Dann kann man auch mal den Rhythmus anziehen oder verlangsamen.

Haben Sie je in einem schlecht rhythmisierten Film mitgespielt?

Ja. "Bourne Supremacy", die Fortsetzung von "Bourne Identity", war mir persönlich viel zu schnell geschnitten. Ich lasse Bilder gerne ein bisschen länger auf mich wirken. Aber das ist subjektiv.

Hat man als Schauspieler während dem Drehen denn eine Idee vom Rhythmus?

Mal mehr, mal weniger. Es gibt Regisseure, die den Schauspielern während dem Dreh eine Idee vom Gesamtkonzept geben wollen. Mich stört das eher. Wenn ich an einer bestimmten Szene arbeite, dann will ich nur darüber sprechen. Der Rest ist Vorarbeit.

Muss man dafür selber Recherche betreiben?

Ganz unterschiedlich. Von manchen Regisseuren wird man mit tonnenweise Informationen eingedeckt, von anderen gar nicht. Letztendlich muss man sowieso seinen eigenen Zugang finden. Das läuft nicht immer über Research. Meine Rolle in "Baba’s Song" ist relativ klein. Da kommt man halt einfach vor. Aber vorher, für den Che-Guevara-Film von Steven Soderbergh habe ich eine historische Figur gespielt. Das war auch eine kleine Rolle, aber ich hab unheimlich viel Research gemacht. Ich musste dann aber merken, dass mir das überhaupt nicht weiterhilft. Schlussendlich habe ich das auf ganz wenige Pinselstriche reduziert. Das war eine Frau, die mit ganz vielen Männern alleine im Dschungel gesessen hat und nicht wusste, was los ist, fertig. Der Zauber eines guten Film ist doch, dass ich als Zuschauer meine Assoziationen auf die Figuren projizieren kann. Bei einem guten Film tut der Zuschauer fünfzig Prozent selbst dazu.

Zurück zum Rhythmus: Was hat die Stadt Los Angeles für einen Rhythmus?

Schwierig zu sagen. Der Rhythmus einer Stadt hat ja auch viel mit dem persönlichen Erleben zu tun. Und in Los Angeles wird das immer wieder durch Autofahrten völlig zerschnitten. Das Leben dort ist nicht so dicht, weil man immer alles genau planen muss. Der Verkehr gibt einem den Tagesablauf vor. Deshalb hat die Stadt für mich keinen homogenen Rhythmus. Ausserdem war ich in letzter Zeit viel häufiger und länger in New York.

Muss man denn nicht Teil der Hollywood-Society sein, um Rollen zu bekommen?

Nein, man muss gar nichts. Jeder sollte einfach das tun, was ihm entspricht. In dieser Glitzerwelt muss man sich doch nicht bewegen, wenn man nicht will.

Aber muss man nicht vor Ort sein, wenn man will, dass einen die grossen Regisseure anrufen?

Das ist ein stückweit schon so. Ich glaube, es kommt einfach darauf an, was man will. Ich bin jetzt 35, schreibe nebenbei Bücher und führe Regie. Mir gefällt mein Leben und ich fühle mich wohl in der europäischen Nische, die ich in Hollywood ausfüllen kann. Ich bin nicht scharf drauf, all meine Energie da reinzustecken, um die Hauptrolle in einem amerikanischen Blockbuster zu ergattern. Das würde auch nie klappen. Aber ich habe gerade erst wieder in LA gedreht, und es hat mir wahnsinnig Spass gemacht.

Was haben Sie gedreht?

Ich durfte bei zwei Folgen von "Dr. House" mitspielen.

Als Patientin?

Nein, nicht als Patientin. Ich darf da leider nichts drüber sagen. Man muss da immer so Vertraulichkeitspapiere unterschreiben. Ich wollte das unbedingt machen, weil ich die Serie total gerne mag. Deshalb hab ich die Produzenten angefragt.

Und das funktioniert?

Ja, manchmal. Ich hab natürlich auch Agenten dort, die mich zu vermitteln versuchen. Und natürlich wollen die immer, dass man möglichst lange dort bleibt. Aber im Moment gefällt mir New York einfach besser.

 

(Interview: Adrian Schräder)