"Beim Yeti handelt es sich um einen grossen Schneebären"

- Der Begriff "lebende Legende" ist bei Reinhold Messner berechtigt: Keiner verkörpert den Alpinismus und die Höhenkletterei so wie der 68-jährige Südtiroler. Doch Messner ist mehr als nur ein Extrembergsteiger: Er ist auch Museumsbetreiber, Bestsellerautor, Filmemacher und Marketinggenie. "persönlich" hat ihn in seiner Heimat getroffen.

Herr Messner, Sie haben sich einmal als "ängstlichen Menschen" bezeichnet. Ist dies nicht ein bisschen viel Koketterie?

Überhaupt nicht. Alle Menschen sind ängstlich, nur äussert sich die Angst bei jedem anders. Ich glaube sogar, dass ich ein besonders ängstlicher und auch vorsichtiger Mensch bin. Diese Eigenschaften haben mir letztendlich auch geholfen zu überleben. Was ich betreibe, ist kein Heldentum, sondern lediglich der Versuch, in Extremsituationen zu überleben.

Viele Ihrer Kollegen leben nicht mehr.

Leider ja. Sie sind nicht mehr im Spiel, was sehr zynisch klingt, gleichzeitig aber wahr ist. Mehr als die Hälfte meiner früheren Bergsteigerkollegen ist heute tot. Der Tod meines Bruders Günther 1970 am Nanga Parbat ist meine schrecklichste Erfahrung.

Sie schreiben in Ihrer Biografie, dass das Ausloten von Extremsituationen Ihr Lebensziel sei.

Die Grenzgänge sind ein Teil meines Lebens. Der Schlüssel meines Erfolges ist, dass ich mein Leben nicht geplant habe. Ich habe es gewagt und bin immer wieder umgestiegen. Ich war Kletterer, anschliessend Höchstbergsteiger, später Grenzgänger in der Horizontalen, bevor ich über den Yeti und die heiligen Berge geforscht habe. Heute bin ich vor allem als Museumsbetreiber im Südtirol aktiv. Meine Tätigkeiten hatten immer mit der Wildnis zu tun, waren aber total verschieden. Ich habe stets nach Ideen gesucht, die ich anschliessend in die Realität umsetzen konnte. Zuerst, indem ich das Ganze skizzierte, indem ich die passenden Mitarbeiter und Geldgeber suchte, dann kam die Tat. Die Kombination von allem ist meine wirkliche Stärke. Eigentlich bin ich ein Ideenverwirklicher. Es wäre doch lachhaft, wenn ich in meinem Alter Extremtouren statt Kultur- und Sozialarbeit unternehmen würde.

Das Ortles-Museum befindet sich auf fast 2000 Metern Höhe und ist Ihrer berühmtesten Figur gewidmet: dem sagenumwobenen Yeti, welchen Sie angeblich gesehen haben. Existiert nun der Yeti oder nicht?

Ich war immer der Ansicht, dass im Himalaya keine Neandertaler oder "Urmenschen" existieren und all diese Geschichten totaler Humbug sind. Trotzdem haben sie die Einheimischen weitererzählt. Anfang der Siebzigerjahre war ich erstmals in der Gegend, 1986 war ich im Osten von Tibet auf der Spur der Sherpa. Auf dieser Reise begegnete ich einem Riesenbären und stellte fest, dass es sich um jenes Ungeheuer handeln muss, welches die Einheimischen als Yeti bezeichnen.

Was haben Sie genau gesehen?

Ich habe das Vieh nicht gesehen, sondern lediglich seinen grossen Schatten. Später habe ich auch seine Fussspuren entdeckt. Während eines Jahrzehnts habe ich mich danach mit der Yeti-Frage auseinandergesetzt. Die Geschichte ist sehr simpel: Ich habe nachgewiesen, dass die Yeti-Legende eine zoologische Basis hat. Beim Yeti handelt es sich ursprünglich um einen grossen Schneebären, der bis zu vierhundert Kilo schwer werden kann und mit einem einzigen Nackenschlag einen Yak-Stier erschlagen kann.

Wie beurteilen Sie die heutige Bergsteigerei?

Es erschreckt mich, wie unbedarft und verantwortungslos viele junge Menschen die Berge benutzen, konsumieren, hochklettern. Dabei gab es am Ortler, dem höchsten Gipfel Südtirols, dieses Jahr schon mehrere Tote.

Der junge Messner agierte höchstwahrscheinlich ähnlich.

Ja, auch wir waren dumm. Doch dies entschuldigt unvernünftiges Handeln nicht. Ich selbst habe die berühmte Ortlerwand dreimal durchstiegen. Nur, es haben sich die klimatischen Verhältnisse seither geändert, und alles ist brüchig geworden. Durch die Erwärmung lösen sich Eismassen, welche die Grösse eines Hochhauses erreichen können und gegen die man keine Chance hat. Doch es gibt keine Instanz, die den Durchstieg der Wand verbieten würde. Gut so, wir müssen uns selbst beschränken.

Würde dies etwas nützen?

Ich weiss es nicht. Ich plane jedenfalls einen Appell, in dem ich von der Besteigung des Ortlers durch die Nordwand, der grössten Eiswand der Ostalpen, abrate. Die Besteigung der Eigernordwand war in den 1930er-Jahren auch verboten, weil es immer wieder zu tödlichen Unfällen kam. Doch damals waren das bergsteigerische Können und die Ausrüstung noch nicht auf dem jetzigen Stand. Heute ist die Eigernordwand ein besserer Sonntag- vormittagspaziergang, der von Ueli Steck in zweieinhalb Stunden bewältigt wird.

Was halten Sie von Ueli Steck?

Ueli Steck ist für mich ein grossartiger Bergsteiger mit enormem Talent. Wir mögen uns. Er ist sehr schnell und konditionsstark. Er ist auch interessiert an der Historie des Alpinismus. Ich glaube aber, dass es nicht nötig war, den Everest über eine Piste zu besteigen. Dies ist Tourismus und hat mit Alpinismus wenig zu tun. Doch höchstwahrscheinlich war der Druck der Sponsoren zu gross, und er musste es machen. Weil der Everest der höchste Berg der Welt ist. Alle glauben, sie seien nur richtige Bergsteiger, wenn sie den allerhöchsten auch bestiegen hätten. Ich sehe dies ganz umgekehrt.

Sind die Sponsoren für die Bergsteigerei so wichtig?

Sie sind für unser Abenteuer grundwichtig. Als Bergsteiger benötigte man bereits vor fünfzig Jahren Geld für die Reisen, also einen Sponsor. Es gibt kaum eine Tätigkeit, die so kostspielig ist wie das Bergsteigen und im Vergleich zu anderen Sportarten ein Schattendasein führt.

Am Mount Everest hat es dieses Jahr bereits sehr viele Tote gegeben. Erschreckt Sie dies?

Überhaupt nicht. Ich schüttle nur den Kopf, wenn ich diese Bilder sehe. Wie gesagt, ist die heutige Everest-Tour bergsteigerisch völlig wertlos. Ein selbst bestiegener Sechstausender mit oder ohne Sauerstoffgerät ist viel wertvoller als der Everest.

Alle wollen Messner sein.

Ja, aber Pistenbesteiger sind nie Messner. Diese Heerscharen, die auf den Everest pilgern, bringen mich zum Schmunzeln. Ich bin 1980 mutterseelenallein und ohne Sauerstoffgerät auf den Everest gestiegen und anschlies- send wieder heruntergekommen. Es war eine vollkommen andere Welt als das Konsumbergsteigen von heute. Das heutige Rudelverhalten ist die Perversion des klassischen Alpinismus. Damals war ich völlig auf mich zurückgeworfen, niemand hat mir eine Piste gebaut oder den Sauerstoff nachgetragen.

Der soeben verstorbene Kurt Felix hat Sie 1989 mit einem unvergesslichen Beitrag mit der versteckten Kamera reingelegt, als er einen Kiosk am Matterhorn installierte. Rückblickend, wie reagieren Sie darauf?

Rückblickend war das eine tolle Sache, und ich bin Kurt Felix und dem Walliser Hotelier und Extremskifahrer Art Furrer für diese Idee wirklich sehr dankbar, denn sie zeigte plakativ, wie weit die Zerstörung und Kom- merzialisierung der Alpen gehen könnte. Ich wundere mich heute noch, wie einfach man mich überhaupt reinlegen konnte. Zu viele Indizien im Vorfeld waren suspekt und hät- ten eigentlich alle Warnsignale zum Leuchten bringen sollen. Doch ich ignorierte sie.

Beispielsweise?

Beispielsweise hat man mich damals mit einer schönen Gage gelockt, die Siegerin eines Preisausschreibens auf das Matterhorn zu begleiten. Das hatte ich vorher noch nie gemacht. Dann entpuppte sich die Siegerin als ausgezeichnete Bergsteigerin, die schon mehrere Male auf dem Matterhorn war. Warum nimmt sie dann an einem solchen Preisausschreiben teil? Wie gesagt, ich war wirklich ein bisschen naiv. Die Bergsteigerin war übrigens die Frau von Art Furrer, ich schätze die beiden sehr.

Sie geben auch noch Managerkurse.

Nein, ich gebe keine Kurse. Ich halte Vorträge auch vor Managern. Ich spreche dabei über Erfahrungen. Dabei kann ich aber nicht sagen, was richtig oder falsch ist. Die letztinstanzliche Wahrheit haben wir nicht. Diese lässt sich nur durch Versuch und Irrtum finden. Wenn wir sie hätten, wären wir keine Menschen.

Interview: Matthias Ackeret

Das vollständige Interview lesen Sie in der aktuellen "persönlich"-Printausgabe.