Julian Schmidli, was bedeutet Männlichkeit für Sie in der heutigen Zeit?
Es gab wohl noch nie so viele Konzepte davon, was einen Mann ausmacht, wie heute. Ich persönlich erlebe Männlichkeit völlig anders als zum Beispiel die Generation meiner Eltern. Dieses Buch war für mich in gewisser Weise auch ein Vehikel, um diese Frage zu ergründen. Dabei wurde mir klar: Unabhängig von allem wird man als Mensch in das Setting geworfen, das einen automatisch definiert. Ich hatte als kleiner Bub grosse Probleme damit, mich als männlich zu definieren. Alle diese klassischen Attribute in Superheld-Manier haben mir nicht entsprochen. Heute habe ich einen anderen Zugang zu diesem Wort gefunden. Ich versuche Männlichkeit umzudeuten und sehe es als Stärke, ein emotional zugewandter Mann zu sein, der seine Beziehungen und Freundschaften pflegt, ohne dass dabei meine Männlichkeit schrumpfen würde.
Im Roman «Zeit der Mauersegler» erzählen Sie die Geschichte einer Freundschaft von zwei jungen Männern und ihrem Roadtrip in den Balkan. Wie entstand die Idee, dieses Buch zu schreiben?
Vor rund zehn Jahren sind in meinem Leben zwei Sachen zusammengekommen. Ich bin gerade in den Journalismus eingestiegen und wollte anfangs vor allem lange Reportagen schreiben. Während dem Studium habe ich dann aber gemerkt, dass mich auch der Datenjournalismus interessiert. Da brauchte ich ein anderes Ventil, um trotzdem weiterschreiben zu können. In derselben Zeit habe ich mit drei Freunden eine Reise in den Balkan gemacht. Wir waren alle Mitten in den 20ern und haben prägende Sachen durchlebt. Alle haben mit sich gehadert, aber wir haben nie eine Sprache dafür gefunden. Erst im Nachhinein habe ich erfahren, was bei allen in dieser Zeit so los war. Da kam bei mir die Frage auf, warum wir als Freunde unser Leben gegenseitig nicht erleichtern konnten. Männerfreundschaften waren für mich ein Mysterium. Aus dem Gedanken heraus wollte ich ihre Rolle für jemanden wie mich ergründen.
«Das Buch war für mich immer ein Hobby»
Sie haben zehn Jahre lang an dem Buch gearbeitet. Das ist aussergewöhnlich lange. Wie sah dieser Prozess aus?
Das Buch war für mich immer ein Hobby. Der Job kam zuerst und ich habe immer mindestens 80 Prozent gearbeitet. Wenn ich bei der Arbeit jeweils grössere Projekte abgeschlossen habe, habe ich drei oder vier Wochen Ferien gemacht und mich dem Buchprojekt gewidmet. Ich flog nach Israel oder fuhr ins Tessin, um zu lesen und zu schreiben. Dieses Schreiben in Phasen hat in den Prozess hineingewirkt.
Inwiefern?
Da standen hundert Seiten der Geschichte, doch wenn ich acht bis zehn Monate später weiterschreiben wollte, stand ich an einem anderen Punkt. Ich hatte mich als Mensch weiterentwickelt und wollte dann etwas ganz anderes schreiben. Ich habe sicher fünf bis sechs Versionen des Buches, die zum Teil sehr unterschiedlich sind. Das Buch war für mich wie eine Spielwiese zum Ausprobieren, was man mit einem Longformtext alles machen kann. Im Journalismus gibt es viele Regeln, die in der Literatur nicht gelten. Diese neuen Möglichkeiten haben mich interessiert. Für mich war bis ganz spät nie klar, dass daraus einmal ein Buch wird, das andere lesen können.
Und wann hat sich das geändert?
Der Bescheid vom Kein & Aber Verlag kam an meinem Geburtstag im Jahr 2019. Zu diesem Zeitpunkt war das Buch zu 80 Prozent fertig. Einen Monat später wurde ich Vater von Zwillingen. Ich ging in Elternzeit. Dann kam die Pandemie. Für die letzten 20 Prozent brauchte ich also nochmals dreieinhalb Jahre.
Das Buch basiert auf Ihren eigenen Erfahrungen. Wie viel von der Geschichte ist wirklich passiert, wie viel ist Fiktion?
Die Geschichte besteht aus Legosteinen aus meinem Leben. Ich habe sie aber auseinandergenommen und neu zusammengesetzt – und auch noch einiges dazu erfunden. Es sind wohl eher die extremeren Sachen, die ich dazugedichtet habe.
Können Sie ein Beispiel machen?
Auf unserer Balkanreise sind wir damals in Sarajevo einem Typen begegnet, der an einer Untergrundorganisation beteiligt war. Dabei ging es weniger um Fluchthilfe, sondern wohl eher um nationalistische Tendenzen gegenüber von Serbien. Danach habe ich mich immer gefragt, wer der Typ wohl genau war. Daraus ist im Buch eine komplett fiktive Untergrundorganisation entstanden, die teils doch Parallelen zur echten Welt hat. Ich denke, alles in meinem Buch könnte so passiert sein, aber lange nicht alles ist in meinem Leben so passiert.
Es ist auch die Ich-Perspektive, die das Buch sehr persönlich macht. Was hat Sie an dieser Art der Erzählung gereizt?
Mich hat speziell die Form des sogenannten unzuverlässigen Erzählens interessiert – ein Erzähler, der nicht immer gerade ist und auch einmal Sachen beschönigt. Diese allmächtige Erzählstimme, die nicht immer die Wahrheit sagen muss, gibt es im Journalismus nicht. Mit dem Buch wollte ich das Innenleben eines gefühlvollen Mannes und die Reaktion der Aussenwelt darauf zeigen. Dafür schien mir diese Art von Storytelling geeignet.
«Ich finde eigentlich, dass meine Arbeit für sich selber sprechen sollte»
Sie arbeiten seit mehreren Jahren als Datenjournalist bei SRF. «Zeit der Mauersegler» ist Ihr Debütroman. Wie finden Sie sich in der neuen Rolle als Autor zurecht?
Damit hadere ich zum Teil. Es gibt Menschen, die nur vom Autorin oder Autor sein leben. Und für mich ist es aktuell eher ein Hobby – und trotzdem werde ich verlegt. Das ist mir in der Aussenwahrnehmung natürlich etwas unangenehm. Gerade wenn man weiss, wie prekär die finanzielle Situation in der Schweiz für Autorinnen und Autoren ist. Was mir hingegen einfach fällt, ist die öffentliche Sichtbarkeit. Bei SRF erreichten meine Beiträge zum Teil ein Millionenpublikum. Von dem her wird das Buch wohl meine Arbeit mit dem kleinsten Publikum werden. Und das ist auch völlig ok.
Das steht und fällt ja auch mit der Vermarktung durch den Verlag. Wie stark bringen Sie sich da ein?
Als Journalist bei einem grossen Medium findet meine Arbeit natürlich sein Publikum. Da bin ich etwas verwöhnt. Als Autor hingegen komme ich da jetzt erst rein. Ich finde eigentlich, dass meine Arbeit für sich selber sprechen sollte. Mir persönlich wichtig ist es, dass die Buchhandlungen von meinem Buch wissen. Es soll die Leserinnen und Leser am liebsten über Mund-zu-Mund-Propaganda erreichen. Aber darum kümmert sich hauptsächlich der Verlag. Nächste Woche präsentiere ich das Buch in Berlin. Und im Oktober gibt es eine Lesung im Literarischen Club in Zürich.
Das Buch ist seit einigen Tagen auf dem Markt. Welche Feedbacks haben Sie bisher erhalten?
Die Leserinnen und Leser von einem Newsartikel reagieren definitiv anders als bei einem Buch. Jemand sagte mir, er habe das Buch in einem Rutsch durchgelesen. Andere sagen, dass sie sich in meiner Welt sehr wohlgefühlt hätten. Es ist schön zu spüren, dass das was man bezweckt hat, auch angekommen ist.
«Die Klaviatur der Gefühle eines Buben ist deutlich kleiner als diejenige eines Mädchens»
Sie haben viele Jahre an diesem Buch gearbeitet und auch viel Persönliches einfliessen lassen. Wie hat Sie diese Arbeit verändert?
Die Beschäftigung mit diesem Thema hat mich stark beeinflusst. Ich habe viel Forschung gelesen, wie unterschiedlich Männer schon als Kind behandelt werden. Eine Studie beweist zum Beispiel, dass Menschen ein schreiendes Baby je nach Geschlecht anders einordnen. Ein Mädchen trösten sie früher, weil sie glauben, es hat Angst. Einen Buben ordnet man eher als wütend ein. Unsere Welt ist diesbezüglich stark codiert. Die Klaviatur der Gefühle eines Buben ist deutlich kleiner als diejenige eines Mädchens. Unsere Gesellschaft macht das so, von Natur aus wäre das anders. Das hat mich in meiner Rolle als Vater sehr beeinflusst und ich versuche diesbezüglich ein anderes Vorbild zu sein.
Der Roman «Zeit der Mauersegler» umfasst 272 Seiten und ist im Kein & Aber Verlag erschienen.