Frau Walser, innert weniger Tage kommen zwei Filme, die Sie produziert haben heraus: "Der letzte Weynfeldt" und "180 Grad". Wodurch unterscheiden sich diese?
Abgesehen davon, dass die beiden Filme punkto Inhalt und Machart komplett verschieden sind, ist sicherlich der wesentlichste Unterschied, dass "der letzte Weynfeldt" ein Fernsehfilm (koproduziert mit dem Schweizer Fernsehen SF und dem ZDF) ist und "180°" von Anfang an für das Kino im In- und Ausland konzipiert wurde. Das erste ist weiter eine Adaption des gleichnamigen Romans von Martin Suter und kann daher entsprechend von dem vergangenen und immer noch präsenten Bucherfolg profitieren, während "180°" von Grund auf selber entwickelt wurde und zuerst lernen musste, auf eigenen Beinen zu stehen, das Interesse der Öffentlichkeit zu wecken. Ansonsten sind beides Filme, die liebevoll, qualitativ hochstehend und unter Schweizer Regie realisiert wurden. Das Schweizer Fernsehen hat übrigens auch einen entscheidenden Beitrag zum Kinofilm geleistet.
Sind die Unterschiede zwischen einer Fernseh- und einer Filmproduktion gross?
Der Arbeits- und Zeitaufwand - geschweige denn das geforderte Herzblut - ist bei jedem Film - ob für Fernsehen oder Kino - gleich gross, um nicht zu sagen enorm. Qualität sollte in jedem Fall immer an erster Stelle stehen, denn der Konkurrenzdruck ist immer gross, sei es durch andere Senderangebote oder durch die unzähligen Kinofilme, die gleichzeitig um die Gunst der Zuschauer werben. Unterschiede gibt es höchstens in der Tatsache, dass ein Fernsehzuschauer schneller von einer Geschichte gepackt werden muss und man im Kino länger Zeit hat, die Menschen in seinen Bann zu ziehen, wenn man sie denn überhaupt erst einmal zu einem Kinobesuch inspirieren konnte. Im Kino hat man zudem die Gewissheit, dass eine Ton- und Bildqualität auf Toplevel gewährleistet ist, während man nie weiss, auf welchem Bildschirm der Zuschauer zuhause seinen Film geniesst; die Geschichte steht deshalb vermutlich mehr als das Gesamterlebnis im Vordergrund - wobei es gerade auch der Fernsehfilm "der letzte Weynfeldt" schafft, alle Sinne zu befriedigen.
Von den Handlungen sind die beiden Filme sehr gegensätzlich. Der eine handelt im noblen Zürcher Kreis 1, der andere im Langstrasse-Milieu. Hatte dies auch Auswirkungen auf die Produktion?
Das hatte es schon. Wenn man bedenkt, dass "Der letzte Weynfeldt" in der Vorweihnachtszeit vorwiegend rund um die Bahnhofstrasse gedreht wurde, kann man sich vorstellen, dass da die Aufnahme- und Produktionsleitung organistorische Hochleistungen vollbringen musste. Allein einen Fahrzeugpark von rund 20 Fahrzeugen inkl. LKWs in Drehnähe zu parkieren war schwierig und kostspielig. Adrian Weynfeldts nobler Welt musste zudem mit wertvollen Requisiten und edlen Kostümen gebührend Rechnung getragen werden, was natürlich viel mehr Aufwand und Kosten verursacht, als wenn man auf vorhandenes oder beim Nachbar ausgeliehenes Material zurückgreifen kann. Die Hilfsbereitschaft aller Anwohner, Drehortbesitzern und der städtischen Behörden war aber bei beiden Filmen sehr gross und bewundernswert.
War die Finanzierung der beiden Filme schwierig?
Die Finanzierung eines Filmes ist immer schwierig, denn jeder Geldgeber hat gewisse Ansprüche, die erfüllt werden wollen und die bisweilen mit den Wünschen anderer Finanzierungspartner im Widerspruch stehen oder zumindest mit diesen nur schwer zu vereinen sind. Oft gilt es deshalb sinnvolle Kompromisse zu finden und offene und enge Kommunikation ist dabei immer oberstes Gebot. Wenn mehrer Länder involviert sind, dann gilt letzteres umso mehr. In den beiden aktuellen Fällen hatte ich das Glück, dass alle wichtigen "Filmstellen" der Schweiz, also das Schweizer Fernsehen, das Bundesamt für Kultur sowie die Zürcher Filmstiftung von Anfang an hinter den Projekten standen und die Filme nicht nur finanziell sondern auch aktiv unterstützten.
Wer spielt mit?
Es ist immer wieder eine Freude, wenn man die Chance hat, seine Filme sowohl mit altvertrauten Gesichtern als auch mit jungen, frisch entdeckten Talenten zu besetzen und damit eine Mischung kreiert, die auf der Leinwand echte Emotionen versprüht. Die Besetzung der Rolle des Adrian Weynfeldts durch den Schweizer Theaterstar Stefan Kurt war sicherlich ein Glücksgriff. Er spielt die Rolle Weynfeldt mit jeder Faser seines Körpers. Nicht minder überzeugend sind an seiner Seite die Deutsche Marie Bäumer, die man aus bekannten Filmen wie "Die Fälscher" oder "Der Schuh des Manitus" kennt, oder der aus "Strähl" bekannte Roeland Wiesnekker. In "180°" hatte ich neben dem Wiedersehen mit mir bestens bekannten Darstellern das Vergnügen, ganz jungen Schauspielern eine erste Bühne zu schaffen oder grosse Namen zu verpflichten, mit denen ich noch nie gearbeitet habe. Besonders gefreut hat es mich, dass ich für "180°" eine meiner persönlichen Favoritinnen verpflichten konnte, die ich seit meiner ersten Filmtätigkeit überhaupt kenne: Sophie Rois, die ich damals beim Dreh zu "Die Manns - Ein Jahrhundertroman" kennen lernte, brilliert mit ihrer sensiblen Darstellung einer Mutter, die am Verlust ihrer eigenen Tochter zu verzweifeln droht.
Sie sind die jüngste Filmproduzentin der Schweiz. Was sind Ihre nächsten Projekte?
Den Altersbonus kann ich langsam aber sicher nicht mehr wirklich anbringen. (Lacht). Es gibt längst Jüngere und ebenso aktive und mutige und das ist auch richtig so. Nach den doch über elf Jahren, die ich in der Filmindustrie tätig bin, weiss ich vor allem eines: ein guter Produzent muss vorwärts schauen. Er muss mindestens immer vier, fünf Projekte in Entwicklung und Finanzierung haben, die für die wirtschaftliche Kontinuität der Firma im Folgejahr sorgen werden. Neben den alltäglichen Aufgaben oder gar der Durchführung von Dreharbeiten ist das immer eine Gratwanderung, die immer wieder ihre Tribute fordert. Dass ich mich jetzt in Den kommenden zwei Wochen vor allem um die zwei jüngsten "Kinder" der C-FILMS kümmere, ist aber auch klar. Denn wenn ein Film sein grosse Reise vor die Zuschauerschaft antritt, ist das immer auch ein Moment, der unbedingt genossen und mit den Mitarbeitern zelebriert werden soll und Kraft und Energie für neue Projekte schenkt.
(Interview: Matthias Ackeret)