«Ich bin ein spiritueller Atheist»

Alberto Venzago - Der Starfotograf Alberto Venzago versteigerte in Zürich seine Voodoo- Bilder. Ein Gespräch über Religion und seine Arbeit.

von Matthias Ackeret

Herr Venzago, Sie versteigerten am Samstag in Zürich Ihre Voodoo-Bilder. Wie muss man sich dies vorstellen?
In den 90er Jahren habe ich über 13 Jahre lang in Benin, Westafrika einen Film über die Nachfolge eines spirituellen Leiters in einem Voodoo-Kloster gedreht. Wim Wenders ist mein Produzent. Danach kehrte ich zurück und hab einen Bildband fotografiert.

Eine Ausstellung entstand. Sie reiste rund um die Welt.
Nach 13 Jahren kehrt die Photo-Ausstellung «Mounted By The Gods» nach dem gleichnamigen Film zurück nach Zürich. Die Ausstellung startete in Köln zur Photokina und war im Jahre 2003 die grösste Fotoausstellung der Schweiz. Ein Teil dieser Bilder werden nun bei Hammer Auktionen in Zürich versteigert.

Was ist dann eigentlich Voodoo?
Voodoo ist eine animistische Volksreligion die ihren Ursprung in Westafrika hat und durch die Verschiffung der Sklaven in die «neue Welt» gebracht wurde.

Also ein fauler Zauber?
Diese Bemerkung ist unfair. Ist die unbefleckte Empfängnis Marias ein fauler Zauber, die Dreieinigkeit Gottes? Ich denke, wenn so viele Menschen an bestimmte Götter und deren Kraft glauben, muss etwas dahinter sein.

Glauben Sie selbst daran? Oder ist es gar Ihre Religion?
Ich bin ein spiritueller Atheist. Als Hardcore-Katholik erzogen, habe ich die ganze Kirchenlaufbahn mitgemacht, Ministrant, gregorianischer Choral, Kirchenorchester. Ich bin fasziniert von den Ritualen. Sei es in der Katholischen Kirche, bei den Yakuza (japanische Mafia) oder eben hier in Afrika bei den Voodoonsi.

Was haben Sie von Voodoo gelernt?
Ich habe Respekt vor dem Andersartigen gelernt. Ich sehe Unbegreifliches und suche aber nicht nach Erklärungen. Ich bin gelassener und offener geworden. Nur die Faszination bleibt.

Sie haben jahrelang in einem Voodoo-Kloster fotografiert und gefilmt. Wie ist der Kontakt zu den Voodoo-Pristern?
Ich habe über eine Zeitperiode von 14 Jahren im Mahou-Lissa-Kloster in Ouidah fotografiert und gefilmt. Das Wunderbare an Langzeitreportagen ist, dass ich meine Protagonisten über so lange Zeit als Freunde gewinnen konnte. In diesem Falle ein ganz besonderer Glücksfall: Gounon, der auserwählte hohe Priester und Nachfolger des Voodoo-Clans Segbolissa in Ouidah, Benin ist über all die Jahre nicht von meinem Radar verschwunden. Er ist ein Freund geblieben. Ich nehme Anteil an seinem Leben und bin verängstigt, dass seine Kultur einfach ausradiert wird, weil sie keinen Platz mehr in unserer materiellen Welt hat. Geldspenden gehören dazu: Der Lebensstandard in Benin ist so gering, sie brauchen unsere Hilfe.

Gab es für Sie auch einmal eine gefährliche Situation?
Wenn die Tänzer in Trance fallen, sind sie nicht mehr sich selbst und werden zu einer Gottheit. Wenn man sie dabei berührt, kann man sterben. Das war bei einigen Drehs nicht ungefährlich. Glücklicherweise verlief alles glimpflich ab.

Welche Bilder und Gegenstände versteigern Sie?
Es handelt sich dabei um 25 Filmstills, die stark vergrössert wurden – alles Unikate. Daneben gibt es noch 25 Hasselblad-Fotografien und wunderschöne Relikte aus dem Kloster. Ich gebe den grössten Teil meiner Sammlung an die Auktion. Ausser ein paar Grisgris. Behalten werde ich sicher den Beschützer gegen Flugzeugabstürze und denjenigen für die ewige Errektion.

Aber wird diese Kunstauktion nicht gefährlich?
Nein, überhaupt nicht. Wir haben vergangene Woche im Kloster ein Orakel mit Tieropfern und Tänzern legen lassen. Am nächsten Morgen kam die Antwort aus Afrika per What's-App: Alles klar.

Wird die Voodoo-Religion überleben?
Es gibt immer mehr eine Vermischung von Christentum und Voodoo, Anamistisches vermählt sich mit christlichem Gedankengut, Rituale werden voneinander kopiert. Es ist nicht ungewöhnlich, wenn eine Familie am Sonntagmorgen zur Kirche geht und in der Nacht an einer Voodoo-Zeremonie teilnimmt. Alles ist möglich.


Die Versteigerung fand am Samstag, 16. Juli, um 19 Uhr, bei Hammer Auktionen, Baslerstrasse 71, in Zürich-Altstetten statt. Zuvor gab es um 15 bis 17 Uhr eine Filmvorführung vom Venzago-Film «Mounted By The Gods», danach von 17 bis 18 Uhr ein Podiumsgespräch mit Alberto Venzago, dem Priester Andreas Kaliber und dem Kunsthändler Jean David, das von Matthias Ackeret, Verleger und Chefredaktor von «persönlich» moderiert wurde. Die Ausstellung mit den Bildern ist noch bis Ende Monat zu sehen.

Alle Details finden Interessierte hier.