Deutsche Theater wollen Unesco-Label

Weltkulturerbe - Aktion gegen die Abwärtspirale.

Mehr als eine PR-Massnahme: Der Bühnenverein will für die deutsche Theaterlandschaft das Label als Weltkulturerbe. Hintergrund ist der quälende Überlebenskampf der Theater. 350 Millionen Euro jährlich machen die Einsparungen aus - dabei ist ein Ende nicht in Sicht.
 
Auf der Suche nach der Zukunft: Die deutschen Theater wollen die Abwärtsspirale immer weiterer Finanzkürzungen durchbrechen. Bei der Jahrestagung des Deutschen Bühnenvereins erregte ein Vorschlag von Präsident Klaus Zehelein Aufmerksamkeit. Die weltweit einzigartige deutsche Theaterlandschaft solle in die Liste des immateriellen Unesco-Weltkulturerbes aufgenommen werden.
 
Die Vollversammlung gab grünes Licht für das Vorhaben. Dafür müssen aber noch zahlreiche Hürden genommen werden - Ausgang offen. Denn selbst wenn die nationale Unesco-Kommission zustimmen sollte, müsste noch die internationale Unesco ihr Votum geben.
 
Dem Bühnenverein geht es nicht darum, wie Kritiker meinten, mit Hilfe des Weltkulturerbe-Status letztlich nur eine Besitzstandswahrung anzustreben. Solche Interpretationen versuchten Bühnenvereinspräsident Klaus Zehelein und Geschäftsführer Rolf Bolwin auszuräumen.
 
Nein, es gehe nicht um die Rettung einzelner Theater, sondern um die in seiner Vielfalt weltweit einzigartige, historisch gewachsene deutsche Theaterlandschaft mit öffentlichen und privaten Theatern und freien Gruppen. Er wolle die Aufmerksamkeit auf die Theater fokussieren, so Zehelein.
 
6'000 Stellen gingen verloren
 
Rund 350 Millionen Euro müssten die deutschen Bühnen und Orchester jedes Jahr mehr ausgeben, hätte es die Kosteneinsparungen der vergangen Jahre nicht gegeben. Die hatten ihren Preis: 6'000 feste Stellen sind weggefallen. Kurzfristige Verträge dagegen sind von 8'000 auf über 22'000 gestiegen.
 
In einer Resolution fordert der Bühnenverein, der als Arbeitgeber fungiert, mehr Geld, um die Mitarbeiter der Theater angemessen bezahlen und ihnen faire Arbeitsbedingungen bieten zu können.
 
Und dann ruft die Arbeitgeberseite auch noch dazu auf, die Künstler sollten sich gewerkschaftlich in der Genossenschaft deutscher Bühnen-Angehöriger organisieren - statt dem Unmut nur im Internet Luft zu machen.
 
Eine Zukunftsperspektive mit wachsender Bedeutung sehen viele Theater in Sozialarbeit. Schulen und Sozialeinrichtungen können als Sozialisationsinstanzen ihre Aufgabe nicht mehr schaffen. Simon Rattle hat mit den Berliner Philharmonikern schon 2003 gezeigt, wie erfolgreich Kulturarbeit mit Jugendlichen sein kann - die preisgekrönte Doku "Rhythm Is It!" zeugt davon.
 
Zusammenarbeit klappt nicht
 
Das Bundeswissenschaftsministerium hat das auf fünf Jahre angelegte Programm "Kultur macht stark" gestartet - das Volumen beträgt 230 Millionen Euro für Kulturprojekte mit Jugendlichen. Der Bühnenverein findet dies eigentlich sehr gut. Was aber Zehelein und andere ärgert: Mit Kulturstaatsminister Bernd Neumann oder Kultur- und Schulpolitikern wurde gar nicht darüber gesprochen.
 
Die Zusammenarbeit mit der Schulbürokratie ist, wenn man Zehelein oder der früheren Berliner Kultursenatorin Adrienne Goehler zuhört, aus Sicht der Theater inakzeptabel.
 
Unter dem Label Ganztagsschule werde vormittags Unterricht und nachmittags Betreuung der Kinder verstanden. "Ein bisschen malen, tanzen oder spielen mit den Kindern für 13,50 die Stunde wie in Baden-Württemberg - das wollen wir für die Künstler nicht", sagte Zehelein.
 
"Theater ist praktische Sozialarbeit", löste der Intendant der Berliner Festspiele, Thomas Oberender das vermeintliche Spannungsverhältnis auf. Er meinte damit, dass Theater zur Identitätsfindung und Selbstvergewisserung beitragen.
 
Ob die institutionellen Formen der Theater Zukunft haben, scheint ungewiss. Oberender verwies darauf, dass viele Theater heute öffentliche Mittel nur noch für die Deckung der Betriebskosten erhalten, aber für inhaltliche Projektarbeit stets Drittmittel einwerben müssen. (sda)