Herr Canciani, die Kurzfilmtage feiern dieses Jahr ihr 30-jähriges Jubiläum. Gab es ein Ereignis, das Ihnen besonders in Erinnerung geblieben ist?
Das sind unglaublich viele Erinnerungen! Ich selbst bin seit 2009 im Verein, und über all die Jahre haben sich unzählige besondere Momente angesammelt. Am stärksten in Erinnerung bleiben mir diejenigen, die mit grossen Emotionen verbunden sind. Etwa als wir zum 100-jährigen Jubiläum von Disney ein Programm zeigten und von kleinen Kindern bis zu Urgrosseltern alle Generationen gemeinsam im Kinosaal sassen. Es sind aber auch die ernsteren Momente, die mich bewegen. Wenn wir bei einem Filmgespräch Einblicke in völlig andere Lebensrealitäten erhalten, wenn ein ganzer Kinosaal gemeinsam innehält, berührt ist oder zum Nachdenken angeregt wird.
Was hat sich seit den Anfängen am meisten verändert?
Die Professionalisierung hat sich über all die Jahre stetig weiterentwickelt. Das betrifft sowohl unsere Organisation als auch die inhaltliche und künstlerische Auseinandersetzung mit dem Kurzfilm. Die technischen Möglichkeiten haben sich enorm erweitert und eröffnen Filmschaffenden immer neue Wege. Das widerspiegelt sich allerdings nicht zwangsläufig in der Qualität und noch weniger in der Originalität der Filme. Aber es erweitert das Spektrum, was wieder äusserst spannend ist. Was sich hingegen sehr positiv entwickelt hat, sind die technischen Möglichkeiten unserer Spielstätten. Hier hat sich enorm viel verändert, sodass wir die Filme heute in bestmöglicher Bild- und Tonqualität präsentieren können.
Vor einem Jahr ist der historische Hauptsponsor der Kurzfilmtage, die ZKB, ausgestiegen. Was war der Grund für das Ende der Zusammenarbeit nach so vielen Jahren?
Bei der Bank hat es auf mehreren Ebenen personelle Wechsel gegeben und die Strategie der Engagements wurde angepasst. Der Kurzfilm, der früher explizit Teil der Strategie war, wird nun nicht mehr berücksichtigt. Somit fehlte die Grundlage, die Partnerschaft zu erneuern, was wir sehr bedauern. Denn das Format – das zeigen auch unsere Besucherzahlen – erfreut sich wachsender Beliebtheit und ist gerade in turbulenten Zeiten ein starkes und passendes künstlerisches Mittel, um aktuelle gesellschaftliche Themen zu verarbeiten und zu verhandeln.
Sie bezeichneten den Abgang als «existenzielle Herausforderung». Wie geht es den Kurzfilmtagen jetzt?
Der Abgang konnte nicht eins zu eins durch eine neue Partnerin ersetzt werden. Die dadurch fehlenden Mittel konnten vorerst vielmehr durch einen Mix aus zusätzlichen Eigeneinnahmen, Sparmassnahmen, Stiftungen und privaten Spenden ersetzt werden.
War es leicht oder schwierig, neue Partner zu finden?
Die Zeit, die wir zur Verfügung hatten, um den Fehlbetrag zu ersetzen, war sehr sportlich. Entsprechend haben wir uns auf die Finanzierungsmöglichkeiten konzentriert, welche die grössten Erfolgschancen aufwiesen. Und die haben wir zu diesem Zeitpunkt nicht primär im Kultursponsoring gesehen.
«Die Sponsoringbudgets sind zuletzt eher gesunken als gewachsen, insbesondere im Kultursponsoring»
Warum?
Die Sponsoringbudgets sind zuletzt eher gesunken als gewachsen, insbesondere im Kultursponsoring. Gleichzeitig hat sich der Wettbewerb um diese Mittel deutlich verschärft. Insbesondere grosse Institutionen können durch umfangreiche Partnerschaften beträchtliche Sponsoringmittel an sich binden. Dadurch konzentrieren sich die verfügbaren Mittel zunehmend auf wenige grosse Akteure. Dabei bieten gerade kleinere und spezialisierte Kulturveranstaltungen für Unternehmen einen besonderen Mehrwert: Sie erreichen spezifische Zielgruppen, ermöglichen glaubwürdige Partnerschaften und schaffen eine Nähe zum Publikum.
Bedeuten die neuen Partnerschaften auch eine Neuausrichtung? Musste das Konzept angepasst werden?
Wir überprüfen unser Angebot, im Sinne der Publikumsentwicklung, laufend. Neu ist, dass bei allen Überlegungen – und vor allem im Hinblick auf Kommunikationsmassnahmen – die Auswirkungen auf die Attraktivität gegenüber potenziellen neuen Partner:innen berücksichtigt werden.
«Das Narrativ von stetig sinkenden Kinoeintritten ist in den Medien sehr präsent»
Ist die Finanzierung nun mittelfristig gesichert?
Für die nächsten zwei bis drei Jahre sieht es gut aus. Um die Institution darüber hinaus nachhaltig aufstellen und vor allem auch weiterentwickeln zu können, fehlen aber noch Ressourcen.
In einer Zeit, in der alle Institutionen um Aufmerksamkeit kämpfen müssen, spüren Sie die Konkurrenz von Streaming und Co. in den Besucherzahlen?
Unsere Zahlen sind weiterhin steigend – sowohl im Kino wie online. Der Kommunikationsaufwand ist aber in den vergangenen Jahren stetig gestiegen.
Und wie gehen Sie vor, um dagegenzuwirken?
Das Narrativ von stetig sinkenden Kinoeintritten ist in den Medien sehr präsent. Dabei geht oft vergessen, dass es durchaus auch positive Entwicklungen gibt. Was die Filmfestivals betrifft, sind die Besuchszahlen insbesondere in der Schweiz erfreulich. Ich glaube, das liegt auch daran, dass bei Festivals das gemeinsame Erlebnis im Vordergrund steht. Es geht nicht nur darum, einen Film zu sehen, sondern um das kollektive Erlebnis im Kinosaal, die Begegnungen in den Gängen, die Gespräche nach den Vorstellungen und natürlich auch die Partys.
Der Kurzfilm wird oft auch als Experimentalformat genutzt. Bewerben sich viele KI-Filme für eine Aufnahme ins Programm?
Bis anhin fragen wir bei den Einreichungen nicht explizit, ob ein Film mithilfe von KI produziert wurde. Das wird sich allerdings ab 2027 ändern. Die Frage, was überhaupt ein KI-Film ist, lässt sich nicht so einfach beantworten. Eine Filmproduktion umfasst zahlreiche kreative und technische Prozesse, von der Konzeption über das Drehbuch und die Bildgestaltung bis zur Postproduktion. KI kann in all diesen Bereichen auf unterschiedliche Weise eingesetzt werden.
«Interessant und auch komplex wird die Diskussion, was dann eben ein KI-Film ist und wo ziehen wir die Grenze»
Sind Kurzfilme, deren Bilder mit KI generiert wurden, ästhetisch interessant?
Bislang ist ihr Anteil an den Einreichungen verschwindend klein. Es gibt allerdings durchaus spannende Arbeiten, die mit KI generierte Bilder verwenden und sich gleichzeitig kritisch mit der Technologie auseinandersetzen. Häufig spielen sie bewusst mit ästhetischen Fehlern, Brüchen oder der eigenwilligen Bildlogik von KI-Systemen und stellen diese in einen grösseren gesellschaftlichen Kontext. Mich persönlich interessieren vor allem neue Wege des filmischen Ausdrucks, sei es in der Ästhetik, im Storytelling oder in der Entwicklung neuer filmischer Formen. Wenn Technologien wie KI dazu beitragen, neue Möglichkeiten zu erschliessen und künstlerische Grenzen zu verschieben, finde ich das spannend.
Im Journalismus ist Transparenz bei KI geboten, in anderen Kunstformen wird der Einsatz kontrovers diskutiert. Wie gehen Sie mit KI-Filmen um? Sind sie gekennzeichnet?
Interessant und auch komplex wird die Diskussion, was dann eben ein KI-Film ist und wo wir die Grenze ziehen. Wenn ich mein Drehbuch von einer KI gegenlesen und kritisch hinterfragen lasse, ist das bereits ein KI-Film? Was, wenn ich mir auf Grundlage meines eigenen Drehbuchs ein Storyboard generieren lasse? Oder wenn ich sämtliche Bilder selbst drehe, anschliessend aber einzelne Elemente mithilfe von KI verändere oder ergänze? Diese Fragen zeigen, wie schwierig eine eindeutige Definition und damit auch eine sinnvolle Kennzeichnung ist.
Wie sieht es aus mit den Urheberrechten?
Das ist derzeit eine der grössten Herausforderungen. In diesem Bereich herrscht momentan eine Art «Wild Wild West». Wir wissen häufig nicht, auf welchen Werken die KI-Modelle trainiert wurden, was die Referenzen sind und welche Leistungen dahinterstehen. Das unterscheidet sich beispielsweise vom Sampling in der Musik oder der Arbeit mit Found Footage im Film, wo die Referenzen offensichtlich sind und wo die Verwendung fremden Materials mittlerweile urheberrechtlich geregelt ist. Ich gehe davon aus, dass es hier in den kommenden Jahren stärkere Regulierungen geben wird, gerade weil auch wirtschaftlich mächtige Akteure wie grosse Musiklabels, Filmstudios oder Bildagenturen betroffen sind. Wie diese Lösungen aussehen werden, ist noch offen. Ich vermute allerdings, dass finanzielle Vergütungsmodelle eine wichtige Rolle spielen werden.
«In einer Welt, in der immer mehr Inhalte produziert werden, braucht es Menschen und Institutionen, die auswählen, einordnen, hinterfragen und Orientierung bieten»
Wird es in 30 Jahren nur noch KI-Kurzfilme geben?
Das glaube ich kaum. KI wird eine von vielen Möglichkeiten sein, Filme zu gestalten, und möglicherweise werden daraus auch ganz eigene ästhetische Ausdrucksformen entstehen. Ich bin aber überzeugt, dass Filmschaffende weiterhin die unterschiedlichsten Mittel und Techniken nutzen werden, um ihre Geschichten zu erzählen und ihre künstlerischen Vorstellungen umzusetzen. Film war schon immer ein Medium, das sich durch technische Entwicklungen verändert hat. Neue Technologien haben bisherige Ausdrucksformen aber selten vollständig verdrängt, sondern das Spektrum vielmehr erweitert.
Stellt es keine Gefahr dar, dass es so einfach ist, Filme mit KI zu generieren?
Sollte der Umgang mit KI über längere Zeit weitgehend unreguliert bleiben, werden wir vermutlich mit noch viel mehr mittelmässigen oder schlicht schlechten Inhalten überschwemmt werden. Umso wichtiger wird in Zukunft die kuratorische Arbeit sein. In einer Welt, in der immer mehr Inhalte produziert werden, braucht es Menschen und Institutionen, die auswählen, einordnen, hinterfragen und Orientierung bieten. Damit wächst nicht nur die Bedeutung, sondern auch die Verantwortung von Filmfestivals.
Auf was freuen Sie sich bei der Jubiläumsausgabe besonders?
Die meisten unserer Jubiläumsaktivitäten haben bereits im Vorfeld des Festivals stattgefunden. Während der Festivaltage selbst gibt es aber natürlich zahlreiche Höhepunkte, auf die ich mich besonders freue. Allen voran die Weltpremiere des neuen Projekts von Dino Brandão, das wir zur Eröffnung präsentieren. Die Verbindung von Film, Musik und Tanz verspricht ein aussergewöhnliches Erlebnis zu werden.
Die Kurzfilmtage Winterthur finden von Dienstag bis Sonntag statt. Das Programm finden sie hier.