«Die vielen Anwesenden machen mir Mut»

Carolin Emcke - Bis auf den letzten Platz besetzt war die Augustinerkirche in Zürich, als Carolin Emcke aus ihrem Buch «Gegen den Hass» las. Mit dem Literaturwissenschaftler Thomas Strässle sprach die Publizistin unter anderem über Profiteure des Hasses. Zudem adressierte sie ihre Kritiker.

von Michèle Widmer

So voll wie an diesem Abend war die Augustinerkirche wohl schon lange nicht mehr. Bis auf den letzten Platz waren die Bänke besetzt, mehrere der 550 Zuschauer verfolgten das Gespräch stehend. Der Grund für den Menschenauflauf in der Zürcher Altstadt am Dienstagabend war Carolin Emcke. Die 49-jährige Philosophin und Publizistin gilt als eine der wichtigsten deutschen Intellektuellen der Gegenwart. Im Oktober wurde sie mit dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels geehrt. Davor erschien ihr aktuellstes Buch «Gegen den Hass» (S. Fischer Verlag), in welchem sie den Hass analysiert und welches viel Beachtung fand.

Zwei Mal musste das Literaturhaus für die Lesung eine grössere Lokalität suchen. Am Schluss verfolgten rund 550 Zuschauer in der Augustinerkirche die Veranstaltung. Durch das Gespräch führte der Schweizer Literaturwissenschaftler Thomas Strässle. Er gehört zum Kritikerteam der SRF-Sendung «Literaturclub». In der 75-minütigen Diskussion sprachen die beiden darüber, von wem der vieldiskutierte Hass ausgeht, wer davon profitiert und welche Lösungsansätze es gibt. Zwei Mal las Emcke mehrere Seiten aus ihrem aktuellsten Werk vor.

«Ich blende sie nicht aus»

«Man kann nicht präzise hassen», sagte Emcke zum Beginn der Veranstaltung. Denn wer hasse, schaue nicht genau hin und erkenne nicht. Der Hass suche die Nähe. Dabei verhalte es sich ähnlich wie bei der strukturverwandten Liebe. Man könne ja auch einfach weggehen, wenn einem etwas nicht passe. Das tue man aber nicht. Zudem sprach sie über Gruppierungen wie den IS und fragte sich: «Wie ist es möglich, dass junge Menschen in Europa bereit sind, für ihn sein Leben wegzuwerfen? Warum schafft es unsere Gesellschaft nicht, ihnen ein attraktiveres Angebot zu machen?»

Emcke sprach in der Augustinerkirche auch ihre Kritiker an, die ihr vorwerfen, Probleme wie zum Beispiel die Zuwanderung in ihren Aussagen auszublenden. «Ich blende sie nicht aus», sagte sie. «Ich stelle fest: Ja, wir haben ein Problem. Gehen wir es jetzt gemeinsam an.»

«Ich habe keine Antwort auf die Probleme»

Ob sie das grosse Interesse an ihrem Buch und am Thema freue oder doch eher beunruhige, fragte sie Strässle zum Abschluss. «Die vielen Anwesenden machen mir Mut», sagte Emcke. «Es zeigt, dass das Thema und die Entwicklung der Gesellschaft viele umtreibt, genau wie das bei mir der Fall ist.» Sie fügt an: Viele würden denken, sie hätte eine Antwort auf die Probleme. Das habe sie aber nicht. Emckes diesbezügliche Ratlosigkeit kümmerte die Anwesenden wenig. Das Publikum belohnte Emcke am Schluss mit Standing Ovations.

Emcke lebt als freie Publizistin in Berlin und schreibt unter anderem für die «Zeit» und die «Süddeutsche». Von 1998 bis 2006 war sie in der Auslandsredaktion des «Spiegels» tätig und berichtete aus vielen Krisengebieten. Seit 2004 moderiert sie in Berlin die monatliche Diskussionsveranstaltung «Streitraum» an der Schaubühne.