Spiderman ist ein gefallener Held. Ihm fällt alles ein wenig schwerer als anderen Superhelden. Nie wurde das so deutlich wie in der Bühnenversion, wo der Spinnenmann von der Bühne stürzte. Nun ist die teuerste Broadway-Show aller Zeiten endlich flugreif. "Spiderman, Turn Off the Dark" ist vor der nach etlichen Verzögerungen nun auf den 14. Juni angesetzten Uraufführung bekannter als manches Stück danach. Die vielen Pannen haben das ihrige dazu beigetragen, und wenn es sich nicht um Personenunfälle handeln würde, man könnte eiskaltes Marketing-Kalkül vermuten.
Auf dem Spiel steht die Investition von 65 Millionen Dollar. Im Dezember stürzte ein Schauspieler vor den entsetzten Preview-Zuschauern aus neun Metern in den Orchestergraben. Für einen weiteren Aufschub sorgte die Forderung des Arbeitsamts nach einer Überprüfung der Sicherheit. Als die Produzenten kurz vor der für Mitte März angesetzten Premiere zum bisher letzten Mal ein Verschiebedatum bekannt gaben, wurde auch gleich die Regie ausgewechselt. Für Julie Taymor, die neun Jahre an dem Projekt gearbeitet hatte, übernahm Philip William McKinley. Zudem gab es kleinere inhaltliche Änderungen.
Das mehrmalige Verschieben der Premiere liegt auch am eigenen Anspruch an das Spektakel: Spiderman soll sich wie seine Comic-Vorlage in die Lüfte erheben. Die Akteure werden an Drähten hängend durchs Foxwoods-Theater geschwenkt; unwillkürlich zieht man den Kopf ein, wenn die Bösewichte über einem kreisen und kreischen. Wo der Sensationstrieb stärker als der Wunsch nach Sicherheit wird, lässt sich eine Parallele zum Unfall in "Wetten, dass" im Herbst 2010 nicht von der Hand weisen. Die Chorus-Girls, eher schon als Trapez-Akrobatinnen zu bezeichnen, weben ein Netz, in dem sie auf einer Schaukel vor- und zurück übers Publikum wippen.
Für die Regie der an den Cirque de Soleil erinnernden Show holte man Julie Taymor, die an derselben Strasse schon den pompösen "Lion King" inszenierte. Sie holt aus jeder Szene das Maximum an Melodrama heraus. U2-Sänger Bono und Gitarrist The Edge verhelfen dem Spiderman mit einem bombastischen Soundteppich zum Abflug. Richtig komisch ist das Stück freilich nie, dafür ist "Die Spinne" trotz knallbunter Farben ein zu düsterer Stoff. Im Gegensatz zu anderen "Superhelden" bleibt Peter Parker, auf den die Fähigkeiten einer radioaktiven Spinne übertragen werden, der ewige Verlierer.
Mehr als einmal gerät er in Versuchung, seine Geheimidentität als Weltenretter für ein "normales" Leben aufzugeben. Dieses ikonografische Bild der Comic- Historie - Peter hat sein Kostüm der Abfalltonne anvertraut - hat Taymor direkt übernommen. Verloren aber geht die Doppelbödigkeit der Vorlage, in der die Verwandlung in den Spinnenmann Parabel auf die Pubertät ist: dem Teenager, dessen Körper sich für ihn unerklärlich verändert, erfüllen die neuen Superkräfte den Tagtraum, Schulhof-Grobiane auf die Plätze zu verweisen und Mädchen zu beeindrucken. Statt jedoch die Rolle mit einem Bücherwurm-Typen zu besetzen, der über sich hinauswachsen kann, tritt der hippe Reeve Carney an. "Spiderman, Turn Off The Dark" zeigt zudem, dass der Broadway seine Rolle als Stofflieferant für Hollywood eingebüsst hat. (sda)