Herr Madeo, Sie werden die Schweiz am Cannes International Film Festival, das diesen Monat stattfindet, in der Sparte «Producers on the Movie» repräsentieren. Was bedeutet das für Sie?
Es ist eine grosse Ehre, sowohl für mich persönlich als auch für mich als Vertreter der Schweiz, die ja nicht jedes Jahr am grössten und wichtigsten Filmfestival der Welt mit dabei ist. Ich freue mich auf eine intensive und produktive Woche.
Wissen Sie schon, was Ihre Aufgabe sein wird?
Zum einen geht es um die Bekanntmachung handverlesener internationaler Filmproduzenten, zum anderen um die konkrete Arbeit. Das heisst, zunächst nutzt die European Film Promotion die grosse Bühne des Cannes Film Festivals, um die Arbeit dieser ausgewählten Filmproduzenten, welche ja meistens im Hintergrund agieren, hervorzuheben. Dann tauschen sich die Produzenten aus und leiten, wenn irgendwie möglich, gemeinsam die Entwicklung und Finanzierung neuer internationaler Co-Produktionen in die Wege.
Die Selektion für das «Producer on the Move»-Team erfolgt nach strengen Kriterien. Sie mussten sich gegen harte Konkurrenz durchsetzen. Weshalb hat sich die Jury für Sie entschieden?
Jedes Land schlägt jährlich einen Kandidaten vor, und für dieses Jahr hat die Filmpromotionsagentur Swiss Films mich empfohlen. Die eigentliche Selektion der Kandidaten erfolgt dann durch eine Jury der European Film Promotion nach einem Punktesystem. Dabei muss man als Produzent bestimmte Erfolgskriterien erfüllen: Man muss im Hauptwettbewerb eines A-Festivals wie etwa Cannes, Berlin, Venedig oder Locarno teilgenommen haben, muss eine Auszeichnung an einem A-Festival gewonnen sowie im eigenen Land den offiziellen Filmpreis für den «Besten Spielfilm» erhalten haben. Zudem muss man Oscar-Erfahrung vorweisen sowie mit internationalen Koproduktionen, Kinostarts im Ausland, weltweiten Verkäufen und dergleichen punkten.
Für Sie sind solche Auszeichnungen, roter Teppich und Blitzlichtgewitter keine Fremdwörter, Ihre Filme waren auch schon im Rennen um den Oscar (persoenlich.com berichtete) und die Golden Globes. Ist das Filmfestival in Cannes trotzdem noch etwas Spezielles?
Man macht ja Filme weder für den roten Teppich, noch für die Filmpreise. Man arbeitet über Jahre im stillen Kämmerlein und meistens im allerkleinsten Team. Insofern ist die Teilnahme an solch grossen Film-Events sehr wohl speziell, immer wieder von Neuem.
«Der Kreis» mit Produzent Ivan Madeo (l.) wurde 2015 als «Bester Schweizer Spielfilm» ausgezeichnet und war gleichzeitig der offizielle Schweizer Oscar-Beitrag.
Woran arbeiten Sie derzeit?
Ich und meine zwei Partner bei Contrast Film stehen mitten in der Postproduktion eines neuen Kinospielfilms: ein aufwühlendes, düsteres Psychodrama mit dem Titel «Der Läufer». Darin zeichnet Regisseur Hannes Baumgartner das Psychogramm eines jungen erfolgreichen Sportlers, der aufgrund diverser Schicksale immer mehr die Kontrolle über sich verliert und allmählich zum brutalen Serientäter wird. Der Film geht der Frage der Ursache von Gewalt nach und will auf subtile Weise aufzeigen, dass Gewalt kaum je monokausal entsteht, sondern meistens einem komplexen Hintergrund entspringt und deshalb auch zwingend differenziert betrachtet werden muss.
Einige Ihrer bisherigen Produktionen wie das Schwulendrama «Der Kreis» (2014) oder «Heimatland», ein Film über die Schweiz im Ausnahmezustand (2015), sorgten für Diskussionen. Wird das «Der Läufer» auch wieder tun?
Da der Film auf wahren Begebenheiten basiert, kann es durchaus sein, dass er für kontroverse Diskussionen sorgen wird. Aus Respekt vor den Betroffenen haben wir die letzten drei Jahre alles Mögliche getan, um mit ihnen und ihren Angehörigen frühzeitig in Kontakt zu treten und sie – falls gewünscht – ins Gespräch über einzelne kritische Drehbuchpassagen einzubeziehen. Aber eigentlich hoffe ich natürlich, dass der Film am Ende wegen seiner künstlerischen Qualität für Gesprächsstoff sorgen wird.
Wann findet die Premiere statt?
Bald, an einem tollen Festival. Mehr darf ich im Moment nicht sagen.
Sie haben Psychologie studiert. Inwiefern ist dies hilfreich bei Ihrer Arbeit?
Beim Drehbuchschreiben sucht man immer Filmfiguren, die möglichst abnormal, pathogen agieren. Figuren, die Probleme haben und in Konflikte geraten, aus denen sie irgendwie herausfinden müssen. Da die Klinische Psychologie ihren Blick auf das Dysfunktionale in der menschlichen Psyche richtet, ist man da dramaturgisch nicht schlecht gerüstet. Und beim Produzieren von Filmen hat man es dauernd mit kreativen, verrückten, spannenden Menschen zu tun, die alles andere als der Norm entsprechen: Regisseure, Autorinnen, Kameramänner, Schauspielerinnen können einen in der Zusammenarbeit ziemlich herausfordern. Und andere Produzentenkollegen sowieso (lacht).
Vom 17. bis 28. Mai finden die 70. Internationalen Filmfestspiele in Cannes statt. Dort sind auch vier Filme mit Schweizer Beteiligung zu sehen. «Le venerable W.» wird im Rahmen der Séances Spéciales gezeigt und «L'intrusa» ist für die Quinzaine des Réalisateurs selektioniert. «Sicilian Ghost Story» mit Sabine Timoteo und «Avant la fin de l'été» eröffnen die Parallelsektion Semaine de la Critique sowie ACID, die Sektion des französischen Verleihverbandes.
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07.05.2017 15:28 Uhr
04.05.2017 10:23 Uhr


