Frau Wernli, wie kamen Sie auf die Idee, beim Springsteen-Konzert Schilder mit «My Hometown» hochzuhalten?
Ich war bereits beim Springsteen-Konzert in Paris. Dort habe ich auf der Setliste gesehen, dass er ausschliesslich die gleichen Songs spielt und keine Wünsche zulässt. Das war früher anders, da konnte das Publikum Lieder wünschen, die der Boss mit der E-Street-Band dann spontan interpretierte. Plötzlich hatte ich die Idee, man könnte dies beim Zürcher Konzert wieder ändern.
Und wie kamen Sie auf die Idee mit den Plakaten?
Wir mussten uns irgendwie bei Springsteen bemerkbar machen – am besten so, wie auf den vergangenen Tourneen: mit Plakaten. Da er ein solch grosser Star ist, kann man ja nicht einfach das Management anrufen und seine Wünsche äussern. Kartons und Plakate schien mir deshalb die beste Möglichkeit. Wir machten bei SRF 3 eine Aktion, bei der unsere Hörerinnen und Hörer ihre Wünsche anmelden konnten. Ich selbst hätte für «Tougher Than The Rest», mein absolutes Springsteen-Lieblingslied, plädiert. Schliesslich einigte sich die Mehrheit auf «My Hometown». Das letzte Mal hatte Springsteen den Song in der Schweiz vor dreissig Jahren bei seinem Auftritt im Zürcher Hallenstadion live gespielt.
Waren Sie damals dabei?
Leider nicht, obwohl ich ein riesiger Springsteen-Fan bin und ihn schon an den verschiedensten Orten der Welt gesehen habe. Für mich ist er mein Musikgott. Auch bei SRF 3 finde ich immer einen Grund, ein Stück von Springsteen zu spielen. Im Leutschenbach weiss man dies mittlerweile (lacht).
Wie haben Sie Ihre Aktion koordiniert?
Wir haben im Vorfeld im Radio eine echte Springsteen-Community gebildet und ständig über unsere Aktion gesprochen. Ich habe mir überlegt, wie wir ihn während des Konzerts überraschen können. Schliesslich einigten wir uns auf Plakate mit der Aufschrift «My Hometown», die wir während des Konzerts nach dem zweiten Song alle gleichzeitig hochhalten wollten. Viele Hörerinnen und Hörer bastelten Plakate im A3-Format. Kurz vor dem Konzert teilte mir das Management mit, dass man nur A4-Plakate zulassen werde. Für mich ein Schockerlebnis. Ich befürchtete bereits, dass die meisten ihre Plakate zu Hause lassen würden. Aber es kam vollkommen anders: Viele kopierten den Text auf A4 runter oder malten neue, kleinere Plakate. Sogar Stefan Buck, Frontmann von Hecht, kam mit einem Plakat ans Boss-Konzert.
Wie viele Plakate waren im Stadion?
Zwei-, dreihundert. Ich weiss es nicht genau. Ich stand fast zuvorderst an der Bühne und hielt nach dem zweiten Song rund eine Stunde lang immer wieder meinen Karton in die Höhe. Aber ich war mir immer weniger sicher, dass uns Springsteen überhaupt wahrnahm. Er spielte ein Stück nach dem anderen und hatte die Augen dabei meist geschlossen.
Doch plötzlich passierte es?
Ja, völlig überraschend. Eine Frau in der ersten Reihe hat gehört, wie Gitarrist Steve van Zandt seinem alten Kumpel Springsteen zuflüsterte: «Was nun, Bruce?» «Play ‹My Hometown›», antwortete dieser, «people have spoken!» Dann spielten sie «My Hometown». Es war Magie pur, ein Hühnerhautmoment, einer der schönsten in meinem Leben. Die Bühne leuchtete im Abendlicht, die US- und die Schweizer Fahne flatterten im Wind. Ich werde diesen Moment nie mehr vergessen. Unterdessen haben auch Medien im Ausland über die Aktion berichtet. In den Niederlanden zum Beispiel, in Chicago, in Alabama oder sogar in New Jersey, der Heimat von Bruce Springsteen.