"Ich mag das hehre Konzept des Heldentums"

Oliver Stone - Interview mit dem Meisterregisseur.

Oliver Stone ist dreifacher Oscar-Preisträger und gehört zu den umstrittensten amerikanischen Regisseuren. Anlässlich der dritten Auflage des Zurich Filmfestivals konnte er am Samstag im Zürcher Kaufleuten ein Goldenes Auge für sein Lebenswerk entgegennehmen. Nadja Schildknecht und Karl Spoerri, Mitinitianten des Festivals, sprachen für „persönlich rot“ mit dem Meisterregisseur. Ein Ausschnitt aus dem Interview:

Von “Alexander” bis “Platoon”, von “Wall Street” bis “Looking for Fidel” – Sie haben sehr unterschiedliche Filme gemacht. Wann ist ein Thema interessant genug, um ein Oliver-Stone-Film zu werden?

“Ich habe keinen bewussten Standard, abgesehen von meinem Interesse. Wenn das geweckt ist, kommt der Rest von allein – er wächst mit der Neugierde. Wenn ich etwas spannend finde, möchte ich das auch anderen vermitteln. Und das ist doch der beste Standard!”

Sie machen immer Filme über Helden.

“Ja, bis zu einem gewissen Grad stimmt das. Ich mag das hehre Konzept des Heldentums. Ich würde aber gleichermassen sagen, dass meine Filme vom Krieg handeln – egal ob im Sport wie in ‘Any Given Sunday’ oder in der Finanzwelt wie in ‘Wall Street’. In ‘WTC’ geht es um zwei Männer, die versuchen, in einem Loch zu überleben. ‘Alexander’ zeigt Krieg im grossen Massstab.”

Sie waren immer ein sehr politischer und kontroverser Regisseur. Wann machen Sie einen Film über die Präsidentenfamilie Bush?

“Wir werden sehen. Bush ist natürlich eine interessante Figur, aber wie in ‘Nixon’ wäre das ein schwieriges Unterfangen. Der Film spielte 1995 wahrscheinlich mein schlechtestes Box-Office-Ergebnis für einen grossen Film ein. Die Leute wollten einfach keine Charaktere wie Nixon sehen, die negativ behaftet sind. Das heisst aber nicht, dass ich vor zu kontroversen Themen zurückschrecke. Wenn ‘Nixon’ zehn Jahre später herausgekommen wäre, hätte er sicher mehr Menschen ins Kino gelockt. Eben wegen der Ähnlichkeiten zu Bush.”

Gibt es noch Geschichten, die Sie verfilmen möchten?

“Ich bin derzeit an Plänen für einen Film mit dem Titel ‘Pinkville’ beschäftigt. Es geht um das Massaker in My Lai in Vietnam 1968. Das ist eine unglaubliche Geschichte – und der Blickwinkel, aus dem wir sie erzählen, ist auch ungewöhnlich. Mehr will ich dazu aber noch nicht verraten. Ich hoffe, der Film wird realisiert. Dieses historisch wichtige Ereignis wurde noch nie wirklich beleuchtet.”

Gibt es einen Unterschied zwischen Ihrer Generation von Regisseuren und den Filmemachern heute?

“Ich finde, dass heutzutage viele junge Leute, zumindest im Filmbusiness, ‘post-ironisch’ sind in dem Sinn, dass sie zynischer und abgestumpfter sind, weil sie medial so grosser Gewalt ausgesetzt waren, dass ihr Realitätssinn ein anderer ist. Sie sind mit viel Gewalt aufgewachsen, aber keiner echten, einer Art ‘hippen’ Gewalt wie in Calvin-Klein-Inseraten, wo der ‘Heroine Chick’ proklamiert wird. In ‘Geboren am 4. Juli’ habe ich versucht zu zeigen, wie eine Kugel, welche die Wirbelsäule verletzt, ein ganzes Leben zerstören kann. Er zeigt, dass Gewalt real ist.”

Nach so vielen Erfolgen – haben Sie noch Träume?

“Ich lebe immer mehr in der Gegenwart. Was war, ist vorbei. Ich hatte viel Glück im Leben, ein gutes Leben. Ich habe mehr gesehen, als ich jemals erwartet hätte. Doch wie jeder habe auch ich Stürme in meinem Leben erlebt, die ich nicht erwartet hätte. Als ich als damals 19-jähriger Schriftsteller über die Welt schrieb, war ich bloss ein romantischer Träumer. Es ist erstaunlich, wie viele von diesen Träumen tatsächlich wahr geworden sind. Und dass ich es geschafft habe, ein abenteuerliches und buntes Leben zu führen.”

(Interview: Nadja Schildknecht und Karl Spoerri / Foto: Keystone, Zurich Film Festival)