Herr Fischer, rückblickend gesehen, hat sich die deutsche Politik seit Ihrem Abgang stark verändert?
Ja, momentan herrschen wirklich verrückte Zeiten. Dieser professionelle Akt der Selbstzerstörung, wie wir ihn bei der FDP als Regierungspartei seit eineinhalb Jahren erleben, ist einzigartig. Obwohl ich doch sehr lange in der Politik war, kann ich mich an eine solche Erosion, wie sie Herr Westerwelle vorangetrieben hat, nicht erinnern. Selbst das Ansehen des neuen FDP-Parteivorsitzenden Rösler wurde bereits vor Amtsantritt von seinen Parteifreunden zerstört. Dass liberale Politiker zu einem solchen Chaos fähig sind, ist eigentlich unvorstellbar.
Woran liegt das?
Ich stelle in der deutschen Politik einen grossen Verlust strategischer Orientierung zugunsten umfragegetriebener Taktik fest. Dies sieht man vor allem in der Europapolitik. Es wird aber auch bei der Libyen- Ent scheidung im Sicherheitsrat deutlich, wo wir uns von unseren wichtigsten westlichen Partnern vollkommen isoliert haben. Die Aussenpolitik, wie sie Deutschland momentan betreibt, ist eine Farce. Das Signal, welches dadurch ausgestrahlt wird, registrieren unsere Partner mit sehr viel Misstrauen.
Welches Ereignis wird die deutsche Gesellschaft nachhaltiger verändern: die Libyen-Geschichte oder die Nuklearkatastrophe in Japan?
Eindeutig die Nuklearkatastrophe. Wir wollten schon während unserer Regierungszeit aus der Kernenergie aussteigen und haben die entsprechenden Gesetze beschlossen. Es war von unseren Nachfolgern ein sehr grosser Fehler, diese wieder infrage zu stellen. Wir waren auch ohne die Ereignisse in Japan der Ansicht, dass die Kernkraft eine sehr gefährliche Energiequelle darstellt. Ich glaube, die Kanzlerin als Ostdeutsche hat den Mobilisierungsgrad der Kernkraft unterschätzt und das Ganze viel zu technokratisch gesehen. Mittlerweile ist die grosse Mehrheit der Deutschen unserer Ansicht. Atomkraft ist nicht sauber, sicher und billig, wie von den Befürwortern ständig behauptet wird.
Nach dem Unfall in Tschernobyl dauerte diese Verunsicherung nicht besonders lange an, und die Kernkraft wurde auch nicht ab geschafft.
Das ist richtig. Wir Grünen machten damals den Fehler, uns viel zu ultraradikal zu gebärden. Den endgültigen Durchbruch schafften wir erst nach 1998 in der rot-grünen Regierung mit dem Atomausstiegsgesetz.
Gibt es ein grünes Lebensgefühl?
Was ist das? Ich lebe so, wie ich lebe. Ich finde es jedenfalls gut, dass viele Errungenschaften, für die wir Grüne uns in den letzten 30 Jahren eingesetzt haben, mittlerweile zum Mainstream geworden sind und auch von der Industrie mitgetragen werden, wie die aktuelle Kernkraftdebatte zeigt.
Zu Beginn Ihrer Karriere galten Sie als radikal. Wann wurden Sie ein sogenannter Realopolitiker?
Die Terroranschläge der RAF öffneten mir die Augen, dass man Probleme nicht auf der Strasse, sondern im Parlament lösen muss. Das war das Ende der revolutionären Dekade. Sie gelten als sehr überzeugter Europäer.
Wie beurteilen Sie den momentanen Zustand der EU?
Sehr schlecht. Momentan findet in Europa ein Prozess der Renationalisierung statt. Dies ist keine Strategie, sondern geschieht einfach. Ich glaube aber, dass man die wirtschaftlichen Probleme wie auch die Bewältigung der Zuwanderung nur gemeinsam lösen kann, ansonsten brechen alle Widersprüche vollends auf.
Bedauern Sie nicht manchmal, dass Sie nicht mehr in der aktiven Politik vertreten sind?
Überhaupt nicht.
Keine Gelüste? Sie gelten immer noch als einer der populärsten deutschen Politiker.
Ich bin zahlendes Mitglied der Grünen Partei. Das ist eigentlich alles. Aber ich verfolge die aktuelle Politik immer noch mit grösstem Interesse. Gleichzeitig bin ich froh, dass ich die Last und Verantwortung, die ich als Aussenminister hatte, los bin und mich meiner Beratungs- und Rednertätigkeit widmen kann.
Welcher Politiker überrascht Sie momentan am meisten?
In Europa sehe ich keinen, der mich wirklich beeindruckt. Obama war eine sehr positive Überraschung. Er hat es geschafft, aus einer misslichen Situation sehr viel herauszuholen.
Sie treten am 7. Juni am Alpensymposium in Zürich auf. Der Titel Ihres Referats lautet "Wie viel Schweiz braucht Europa?". Fürchten Sie sich vor der "Verschweizerung" der Welt?
(Lacht.) China läuft sicher nicht Gefahr zu "verschweizern". Wenn Europa "verschweizert ", wird es uns entsprechend gehen. Die Schweiz hat sicher einen Sonderstatus, der aber nur so lange funktioniert, wie er ein Sonderstatus bleibt. Würde sich Resteuropa wie die Schweiz gebärden, hätte die Schweiz grosse Probleme. Wenn es der EU schlecht geht, wird dies die Schweiz langfristig auch zu spüren bekommen.
Würden Sie als Schweizer der EU beitreten?
(Lacht.) Diese Frage ist unwichtig: Die Schweiz gehört nicht zur EU und wird in den nächsten Jahren auch nicht beitreten. Vielleicht war es ein Fehler der EU-Gegner und EU-Befürworter, 1992 den EWR abzulehnen. Ich höre aus Schweizer Regierungskreisen, dass die bilateralen Verträge mit einer dynamischen EU grosse Schwierigkeiten nach sich ziehen. Gleichzeitig ist das Risiko, dass die EU dieser Sonderwünsche irgendwann überdrüssig wird, doch gross. Mit dem EWR wäre dies sicherlich alles viel einfacher geworden. Ich glaube aber, dass die Schweiz mit der jetzigen Situation zufrieden ist. Man ist dabei, denken wir nur an Schengen und Dublin, und trotzdem nicht Mitglied. Aber sind wir ehrlich, auch innerhalb der EU vermisst niemand die Schweiz. Ihr behaltet euren Blocher und seid glücklich damit!
Das ganze Interview mit Joschka Fischer lesen Sie im aktuellen "persönlich".
Interview: Matthias Ackeret.