Eben noch wurde das 50. Leinwandjubiläum von 007 gefeiert, da läuft auch schon sein 23. Kinoabenteuer "Skyfall" an. Was nach einer guten Marketingstrategie klingt, war so ursprünglich gar nicht geplant: Wegen der vorübergehenden Geldknappheit des Filmstudios MGM hatten sich die Dreharbeiten verzögert. Vier Jahre nach dem etwas düster geratenen Vorgänger "Quantum of Solace" ist "Skyfall" nun aber der perfekte Film für das Jubiläum. Der Nachruf auf James Bond ist gerade geschrieben, da wird auf den Sitz des britischen Geheimdiensts in London ein Anschlag verübt. Widerwillig kehrt Bond von den Toten zurück - er hatte den versehentlichen Schuss einer Kollegin überlebt, davon aber niemanden in Kenntnis gesetzt.
Und flugs schwebt 007 erneut in höchster Lebensgefahr: Der mysteriöse Schurke Silva (Javier Bardem mit der schrägsten Frisur seit "No Country For Old Men") hat es auf Bonds Chefin M (Judi Dench) abgesehen und nimmt die ganze Angelegenheit verdächtig persönlich.
Q ist wieder da
Fans, die beim radikalen Neustart der Reihe Humor und Leichtigkeit früherer Jahre vermisst haben, dürfen beim dritten Auftritt von Daniel Craig aufatmen. Dem Oscar-gekrönten Regisseur Sam Mendes ("American Beauty") gelingt es, den Bond für das neue Jahrtausend und dessen Vergangenheit behutsam wiederzuvereinen. Adele liefert ein klassisches Titellied ab, es gibt ein Wiedersehen mit dem Schleudersitz im Aston Martin und vor allem kehrt endlich Q zurück. Der stets von gesetzten Herren verkörperte Quartiermeister wird mit dem 32-jährigen Ben Whishaw ("Perfume: The Story of a Murderer") verjüngt und als genialer Hacker-Nerd neu interpretiert.
Bei allen Referenzen an die 50-jährige Geschichte führt Mendes die Mission eines sehr persönlichen Bonds fort. Der Agent hatte sich in "Casino Royale" unsterblich verliebt und im Nachfolger für den Tod seiner grossen Liebe Vesper gerächt. Nun geht es nicht um die Dame an Bonds Seite, sei es Kollegin Eve (Naomie Harris) oder die mysteriöse Severine (Bérénice Marlohe) - "Skyfall"s ultimatives Bond-Girl ist die wichtigste Frau in seinem Leben: Chefin M.
Unheilige Dreifaltigkeit
"Mutti" wird sie von Bösewicht Silva genannt. Er meint es nicht liebevoll. Zum Glück ist der Anlass für Bonds Jagd auf den Verbrecher - eine gestohlene Liste aller in Terrororganisationen eingeschleusten Nato-Agenten - nur Beiwerk. "Skyfall"s grosser Pluspunkt ist die fast schon intime Beziehung zwischen Silva, Bond und M, die den Agenten in seine Jugend in den schottischen Highlands zurückführt. Bardem gelingt der erste wahrhaft unvergessliche Bond-Bösewicht der neuen Ära; er würde auch im "Batman"-Universum eine gute Figur abgeben. Die einst so klare Trennung zwischen Gut und Böse verwischt in "Skyfall". Helden werden zu Opfern und schliesslich zu Tätern, Mord verkommt zum Beruf, Loyalität zum eiskalten Rechenspiel.
Depressiv wird der Zuschauer darüber aber nicht, dafür sorgen eine kräftige Dosis Humor und jede Menge Action. Am Schluss mischen zwei gehörige Überraschungen die Karten radikal neu, die Welt von 007 ist aber ein Stück heimeliger geworden. Deutschschweizer Kinostart ist am 1. November 2012. (sda)