Stein des Anstosses bot Bastien Girod ein Kinobesuch. Der grüne Politiker sah sich mit seinen Töchtern den Dokumentarfilm «Krähen» von Martin Schilt an. Zwar gefiel ihm das Werk, aber ihn störte, dass keine einzige Frau als Protagonistin zu Wort kommt. Eine Beobachtung, die Girod dem SonntagsBlick mitteilte. Was ihn besonders störte: Dass der Film trotz der Männerlastigkeit öffentliche Fördergelder erhalten hatte. Mit einem politischen Vorstoss wolle er dafür sorgen, dass das in Zukunft nicht mehr vorkomme. Das Bundesamt für Kultur BAK solle die gesetzlichen Grundlagen so anpassen, «um schädliche Stereotypen in Filmen zu vermeiden», wird Girod im SonntagsBlick zitiert.
«Sie tun den Förderstellen Unrecht»
Nicht zu Wort kam in dem Artikel der kritisierte Martin Schilt. In einer E-Mail an Girod, an den SonntagsBlick und an zahlreiche Adressatinnen und Adressaten aus Filmbranche, Medien und Politik nahm der Filmemacher Stellung zum Vorwurf der Männerlastigkeit. persoenlich.com liegt das Schreiben vor.
Es sei nicht so, wie Girod vermute, dass die Auswahl der Protagonisten bei den Förderstellen kein Thema sei. «Sie tun den Förderstellen Unrecht», schreibt Schilt, «wenn Sie ihnen unterstellen, in dieser Hinsicht keine Sensibilität walten zu lassen». Sowohl den Fachleuten der Zürcher Filmstiftung als auch jenen des Bundesamts für Kultur habe er diesen Punkt «explizit erklärt, warum im Film keine Krähen-Forscherinnen zu Wort kommen.» Offensichtlich tat Schilt das so glaubwürdig, dass er Fördermittel erhielt.
Weltweit gebe es zwei renommierte Krähen-Forscherinnen, beide hätte er als Protagonistinnen gewinnen wollen. Doch die eine befasse sich derzeit mit Hähern und nicht mit Krähen, die Gegenstand seines Films seien. Die andere Spezialistin hatte er angefragt, sie sagte aber ab. Dass auch die weiteren Protagonisten in seinem Film alles nur Männer sind, begründet Martin Schilt für jede einzelne der gewählten Nebenfiguren.
«Die Welt so zeigen, wie sie ist»
Am Willen und dem Bemühen, auch Frauen auftreten zu lassen, hatte es also nicht gelegen. «Ich versichere Ihnen, dass ich liebend gerne Expertinnen in Film gezeigt hätte. Leider sind Frauen in den Naturwissenschaften immer noch in der Minderheit.» Aber als Dokumentarfilmer versuche er die Welt so zu zeigen, wie sie ist «und nicht wie ich – oder Politiker:innen – sie gerne hätten», hält Schilt fest. Und der Mangel an Frauen vor der Kamera steht in starkem Kontrast zum Personal hinter der Kamera. Ob Herstellungsleiterin, Kamerafrau, Editorin, Sounddesignerin oder Koproduzentin – alles Frauen, die an «Krähen» mitgearbeitet haben.
Inzwischen hat Bastien Girod reagiert. Der grüne Nationalrat sieht sich nach Schilts Schreiben in seiner Haltung bestätigt. «Im Grunde bestätigen Sie ja meine Kritik. Sie bestätigen, dass keine Frauen vorkommen, und Sie bestätigen, dass es Frauen gibt, die in diesem Bereich arbeiten», so Girod in einer Antwort an Schilt und nennt gleich den Namen einer Expertin, den er via Google gefunden hat. Schilt weiss genau, wer das ist, und sie kommt in seinem Film sogar kurz vor. Allerdings war die Doktorandin zum Zeitpunkt der Dreharbeiten nicht mit jenem Forschungsexperiment beschäftigt, das Schilt in seinem Film dokumentieren wollte. «Ich bin der Ansicht, dass das Kinopublikum ein Anrecht auf die relevantesten, besten Protagonist:innen hat», schreibt Schilt. Alles Argumente, mit denen Girod wenig anfangen kann.
«Die gesellschaftliche Breite abbilden»
Auf Nachfrage von persoenlich.com bestätigt der Nationalrat, dass er den angekündigten Vorstoss einreichen werde, und gewährt Einblick in den Entwurf dazu. Demnach will der grüne Politiker vom Bundesrat erfahren, wie sichergestellt werden könne, «damit die staatlich geförderten Filme die gesellschaftliche Breite besser abbilden». Ausserdem erkundigt er sich bei der Regierung, ob fehlende gesellschaftliche Diversität als Ausschlusskriterium für die Filmförderung des Bundes festgelegt werden könne.
Für Martin Schilt ein Unding. Ein solcher Vorstoss schade dem Schweizer Filmschaffen und der Gender-Debatte. Er werde sich deshalb weiterhin im öffentlichen Diskurs dagegen einsetzen. Aber eigentlich arbeite er lieber an seinem nächsten Film über das Insektensterben. «In diesem Forschungsfeld hat es übrigens einige internationale Top-Expertinnen, welche wir bereits interviewt haben und mit Freuden im Film präsentieren werden», schliesst Schilt seine Mail-Antwort an Girod.