Frau Walser*, warum sollten wir Schweizer Stimmbürger am Sonntag für das neue Filmgesetz stimmen, das ausländische Anbieter mit vier Prozent ihrer Schweizer Einnahmen zur Kasse bittet?
Ganz einfach: Weil wir damit beginnen, gleich lange Spiesse in Europa auch für die Schweizer Filmwirtschaft zu schaffen. In allen Ländern Europas ist es üblich, dass Streamingdienste wie Netflix, Disney+, Sky und andere bei ihren Produktionen Geld in den Ländern ausgeben müssen für ihre neuen Produktionen, in denen sie auch Geld verdienen. Nur die Schweiz kennt das bislang nicht. Und das macht die Zusammenarbeit für Schweizer Filmfirmen mit diesen Diensten bei Neuproduktionen sehr schwierig. Wir sollten die Filmwirtschaft stärken, weil sie einen starken Wirtschaftszweig unseres Landes ausmacht. Nicht nur für die Kreativen, sondern auch für unzählige Dienstleister. Zudem sind Schweizer Filme Visitenkarten für unser Land. Wichtig ist: Es geht nicht darum – wie viele meinen – visionäre Träume von einzelnen Filmemachern zu erfüllen. Es geht um eine Wirtschaftsförderung, die uns nichts kostet, aber viel bringt.
«Schweizer Filme sind Visitenkarten für unser Land»
Die bürgerlichen Jungparteien sagen bei ihrer Nein-Parole nun, es ginge um Meinungsfreiheit und Produktionsfreiheit und Verteuerung der Streamingangebote …
Das enttäuscht mich besonders, dass die bürgerlichen Jungparteien ihrer eigenen Altersgenossen im Regen stehen lassen. Zudem: Es geht nicht um Meinungsfreiheit. Sondern um ein Tool, das überall sonst erfolgreich umgesetzt wird und von dem alle profitieren können. Ich bekomme jeden Tag Anfragen gerade von jungen Leuten, die gerne ins Filmgeschäft einsteigen würden. Vor und hinter der Kamera, auch vieles, was mit kreativem Handwerk zu tun hat. Und ich muss meist absagen, weil wir nicht genügend in der Schweiz drehen und umsetzen können. Die 20 Millionen plus, die ausländische Anbieter hier ausgeben müssten, sind in etwa sechs bis zehn zusätzliche Filme oder Dokus oder Serien, die in der Schweiz entstehen könnten. Mit all den Arbeitsplätzen für Schweizer Filmschaffende. Was hat das mit Meinungsfreiheit zu tun? Da schiessen sich diese Jungparteien in ihre eigenen Beine, meine ich. Und verhindern Arbeit für junge Schweizer Kulturschaffende.
Aber verteuern sich nicht durch die vier Prozent Abgabe diese Angebote?
Ich sage sogar: Im Gegenteil. Wenn die Anbieter mehr auch Schweiz bezogene Angebote und Themen produzieren müssen, fördert das die Konkurrenz. Die Schweizer Serien zum Beispiel, unser «Wilder» etwa, laufen mit grossem Erfolg auch auf europäischen Sendern. Wenn Schweizer Produzenten, Schauspieler oder Drehbuchautoren solche Serien auch für Netflix und Co. machen können, fördert das die Konkurrenz. Und Konkurrenz, wie schon mein Vater immer sagte, belebt und «verbilligt» das Geschäft. Ich hoffe von ganzem Herzen, dass diese für alle nützliche Gesetzesvorlage nicht aus rein machtpolitischen Gründen vom Volk abgelehnt wird. Es würde die Schweizer Filmwirtschaft um Jahre zurückwerfen und viele wertvolle Arbeitsplätze kosten.
*Anne Walser ist Mitinhaberin der C-Films AG, Zürich, und eine der bekanntesten Produzentinnen der Schweiz. Die Filme ihrer Firma haben meist einen Schweizer Hintergrund («Zwingli», «Die Akte Grüninger», «Grounding» oder zuletzt «Platzspitzbaby») und sind gleichzeitig kommerzielle Erfolge. Zurzeit dreht sie in München, Luxemburg und ab Juni in Zürich «Mittagsfrau», eine literarische Verfilmung der Erfolgsautorin Julia Frank. Dabei sind unter anderem die Schweizer Schauspielerin Liliane Amuat oder die Darsteller Dimitri Stapfer und Sven Schelker.