Löwe geht wohl an einen Film mit politischem Bezug

Filmfestival Venedig - Konkurrenz bei den Männern viel grösser als bei den Frauen.

Eine Doku über grausame Massentötungen in Asien oder doch das russische Experiment zwischen Realität und Fiktion? Beim Filmfestival Venedig gibt es gleich mehrere Werke, die am Samstag einen Preis verdient hätten.

Dieser eine Film lässt einen nicht los: die erschütternde Dokumentation "The Look of Silence", die von den grausamen Massakern in Indonesien Mitte der 60er Jahre erzählt. Der Beitrag des US-Amerikaners Joshua Oppenheimer verknüpft einprägsam, wie die Gräuel der Vergangenheit auch die Menschen in der Gegenwart traumatisieren können - ein starker Anwärter auf einen Hauptpreis.

Überhaupt könnte der Löwe in diesem Jahr an einen Film mit politischem Bezug gehen. Davon gab es im Wettbewerb viele. Zum Beispiel das japanische Kriegsinferno "Fires on the Plain", das mit seiner visuellen Wucht manch einen Zuschauer überforderte. Oder das stillere und dennoch intensive Drama "Loin des hommes" mit Viggo Mortensen in den Wirren des Algerienkrieges.

"The Cut" des Deutschen Fatih Akin über das Schicksal der Armenier im Osmanischen Reich hingegen enttäuschte die meisten Kritiker und kann wohl auch kaum auf einen wichtigen Preis hoffen.

Besser stehen zwei Werke da, welche die grosse Leinwand feiern: "Il giovane favoloso" aus Italien etwa erzählt fast episch angelegt von einem verkrüppelten Dichter, der in seinem Körper gefangen und nur in seinen Gedanken wirklich frei ist. "A Pigeon Sat on a Branch Reflecting on Existence" des Schweden Roy Andersson wiederum wirkt wie ein märchenhaftes, assoziatives Kunstwerk.

Wenig starke Frauen
Es waren Filme wie diese, die in den vergangenen Tagen die Stärke Venedigs bewiesen - auch im Vergleich zum gerade eröffneten Filmfestival im kanadischen Toronto. Dort steht das nordamerikanische Kino mit seinen Hollywoodstars und riesigen Budgets im Mittelpunkt, wird medienwirksam inszeniert, und das Publikum entscheidet über die Preise.

Venedig hingegen - wie etwa Cannes, Locarno und Berlin - wählt für seinen Wettbewerb die spannendsten internationalen Werke aus, lässt sie von einer Fachjury beurteilen und gibt so vor allem auch der Filmkunst eine Bühne.

Was in diesem Jahr beim ältesten Filmfestival der Welt auffiel, waren die wenigen Frauenrollen. Die Jury kann hierfür aus noch nicht einmal einer Handvoll Filme wählen. Alba Rohrwacher hat mit ihrem Part einer paranoiden Mutter in "Hungry Hearts" daher gute Chancen auf eine Auszeichnung, ebenso wie Charlotte Gainsbourg und Chiara Mastroianni als ungleiche Schwestern in "3 Coeurs".

Vielversprechender Briefträger
Die Konkurrenz bei den Männern ist dafür umso grösser. Die Beiträge fokussierten nicht nur häufig auf Männer in Krisen, am Abgrund oder generell in Ausnahmesituationen - viele der Darsteller überzeugten auch durch starke Leistungen. So wie Michael Keaton im Eröffnungsfilm "Birdman" als durchdrehender Schauspieler, der in Hollywood einst als Actionheld Birdman riesige Erfolge feierte und nun mit einem eigenen Theaterstück am Broadway um Anerkennung buhlt.

Michael Shannon hingegen verkörperte in "99 Homes" einmal mehr das perfide Böse, dieses Mal als eiskalter Immobilienhai, der sich am finanziellen Ruin Dutzender Familien bereichert.

Vielleicht endet das Festival aber auch mit der Auszeichnung eines Laiendarstellers: Alexej Trijapzin hat in "The Postman's White Nights" eine der ungewöhnlichsten Rollen. Darin spielt er einen liebenswerten und einsamen Briefträger in einem isolierten Dorf in der Weite Russlands - auch im echten Leben ist er dort Briefträger.

Überhaupt ist dieser russische Beitrag von Andrej Kontschalowski ein spannendes Experiment zwischen Dokumentation und Fiktion, in Szene gesetzt mit imposanten Aufnahmen der majestätischen Natur. Als vorletzter Film im Wettbewerb gestartet, könnte er möglicherweise noch an dem, am zweiten Festivaltag gezeigten "The Look of Silence" vorbeiziehen und sich sogar einen Hauptpreis sichern. (sda)