Lukas Bärfuss gewinnt mit "Koala"

Schweizer Buchpreis 2014 - Im Buch verbindet er den Freitod seines Bruders mit der Entdeckung Australiens.

Beim zweiten Mal hat's geklappt: Lukas Bärfuss erhält für "Koala" den mit 30'000 Franken dotierten Schweizer Buchpreis 2014. Der Thuner, der in dem Buch die Geschichte seines Bruders mit derjenigen der Entdeckung Australiens verbindet, war schon 2008 nominiert.

Die Jury würdigte das Werk des 43-Jährigen als "einen autonomen Roman eines gestaltungskräftigen Autors". Bärfuss verbinde "auf kühne Weise grosse Themen wie Suizid, Kolonialismus und Leistungsideologie".

Die Suche nach der Frage
Im Roman "Koala" geht Lukas Bärfuss der Frage nach, warum ihm der Suizid seines Bruders, den er kaum gekannt hat, so nahegeht. Dabei gelangt er zu einer überraschend universalen Betrachtung.

Mit den handelsüblichen Methoden - beispielsweise mit anderen über Suizid sprechen - kommt der Erzähler seiner Verstörung nicht bei. Wenn er das Thema in Gesellschaft aufs Tapet bringt, verebbt jede Diskussion, erstirbt jedes Gespräch.

Als Schriftsteller gewohnt, zu recherchieren, versucht er es mit historischen Studien über den menschenverachtenden Umgang mit den Leichen von Selbstmördern oder die Psychologie von Abschiedsbriefen. Aber die "Frage auf die Antwort, die er uns allen gegeben hatte", findet er nicht.

Dies zumal der Bruder völlig leidenschaftslos vorgegangen ist: Er hat Wochen vor der Tat in einem minutiösen Testament den Hinterbliebenen seine wenigen Habseligkeiten vermacht, hat am Tag seines Todes die Tür unverschlossen gelassen und sich den goldenen Schuss in der leeren Badewanne gesetzt, damit austretende Körperflüssigkeiten leicht weggeputzt werden können. Von Verzweiflung keine Spur, womöglich hätte das die Trauer erleichtert.

Alles andere als ein Kuscheltier
Der Pfadi-Name seines Bruders war "Koala". Das hält der Erzähler zunächst für einen kindlichen Fehlgriff.

Denn mit einem Kuscheltier hatte sein Bruder nun gar nichts gemeinsam: Er war rechthaberisch, arrogant, abweisend, zeitweise drogenabhängig, lethargisch - so sehr, dass sich der Erzähler zur Bemerkung hinreissen lässt, der Tod des Bruders sei womöglich eine logische Folge seines Verhaltens gewesen.

Zeitlebens ist er nicht aus seiner Geburtsstadt - in der unschwer Bärfuss' Heimatort Thun erkennbar ist - herausgekommen, ganz im Gegensatz zum Erzähler, der das Kaff vor 23 Jahren nicht ganz freiwillig verliess.

Und hier beginnt der Koala-Name Sinn zu machen: Auch das Tier ist faul und kommt nicht weit herum, denn seine Nahrung, die Eukalyptusblätter, sind nicht nahrhaft genug für grosse Sprünge.

Und, was den Erzähler besonders berührt und offenbar an die komplizierten eigenen Familienverhältnisse erinnert: Baby-Koalas müssen die Exkremente der Mutter fressen, um gegen den für sie giftigen Eukalyptus immunisiert zu werden.

Vom Abenteuer davongetragen
Beim Sinnieren über den Koala lässt sich der Erzähler wegtragen in die Geschichte der britischen Besiedelung Australiens: Während der Beutelsäuger sinn- und nutzlos in der Astgabel hockt, bauen die Briten ihre Strafkolonie; sie besiedeln und erforschen emsig wie die Ameisen und sterben dabei wie die Fliegen.

Dieser Teil bereitet auf die Schlussfolgerung vor: eine grossartige Abrechnung mit dem Arbeitsethos, der in der Schweiz so tief verwurzelten Fleissideologie und deren Aufrechnung gegen die Faulheit. Ist wirklich nur der Mensch von Wert, der unentwegt strebt? Und ist jedes Streben - selbst das literarische - per se bedeutend?

Bärfuss präsentiert diese Überlegungen in seinem ureigenen, immer wieder in Passagen auftauchenden Elogenton, einem seitenlangen Sermon, rhythmisch fliessend und so inhaltsstiftend, dass man selbst beim stillen Lesen die innere Stimme erhebt. 

Vier weitere Finalisten
"Koala" war einer von fünf Titeln, welche die Jury im September aus 80 eingereichten Romanen und Essays von Schweizer Autorinnen und Autoren nominiert hat. Die weiteren Finalisten waren: Dorothee Elmiger mit "Schlafgänger", Heinz Helle mit "Der beruhigende Klang von explodierendem Kerosin", Guy Krneta mit "Unger üs" und Gertrud Leutenegger mit "Panischer Frühling". Sie erhalten je 2500 Franken Preisgeld. (sda)

Bild: Keystone