«Manche hielten mich für einen Spinner»

Christian Lüscher - Der frühere Journalist und ehemalige persoenlich.com-Leiter durchschwamm den Zürichsee – 24 Kilometer in 9,5 Stunden. Sein ehemaliger Chef, Verleger Matthias Ackeret, hat Christian Lüscher zu diesem persönlichen Hochleistungsexperiment befragt.

Herr Lüscher, Sie sind von Rapperswil nach Zürich geschwommen. Was hat Sie zu diesem «Wahnsinnsschwumm» motiviert?
Genau genommen startete ich auf Höhe der Insel Lützelau und schwamm bis ins Lakeside in Zürich. Die Kombination der beiden L gefiel mir – die Insel ist etwas Besonderes, und das Lakeside begleitet mich auch beruflich seit Jahren. Insgesamt waren es rund 23 bis 24 Kilometer. Die Entscheidung fiel nicht von einem Tag auf den anderen. Während einer heftigen Corona-Erkrankung begann ich vieles zu hinterfragen. Mein Ruhepuls lag nach der Infektion bei 100 – da wusste ich: Du musst etwas ändern. Weil ich damals in Kurzarbeit war, nutzte ich die Zeit, um den Grossteil der Glaralpina zu erwandern. An einem Morgen am Murgsee spürte ich dann: Jetzt ist der Moment, ernsthaft mit dem Schwimmen zu beginnen. Die Kraultechnik brachte ich mir autodidaktisch über YouTube bei. Technisch bin ich sicher kein Profi, das sieht man sofort. Ein Schlüsselmoment kam 2022: Ich war auf Stellensuche und verbrachte viel Zeit am See. Da sah ich einen Mann, der von Zürich nach Rapperswil schwamm. Er war vollkommen im Flow, eins mit dem Wasser. In diesem Moment wusste ich: Mit Training kann ich das auch schaffen. Drei Jahre später wurde dieser Traum Realität.

«Die wahren Profis schwimmen natürlich nur mit Badehose und Brille»

Wie lange waren Sie unterwegs?
Insgesamt 9,5 Stunden. Etwa alle 20 bis 25 Minuten legte ich eine kurze Pause ein, begleitet wurde ich dabei von meiner Familie auf einem Boot. Die Zeit verging erstaunlich schnell. An lange Strecken habe ich kaum Erinnerungen – nur die Fast-Kollision mit einem Ruderboot, die Kopfschmerzen bei Uetikon und die Algenteppiche nach Meilen sind mir geblieben. Ich muss allerdings gestehen: Für diese Distanz setzte ich auf einen Neoprenanzug und kurze Silikonflossen, die mir etwas Auftrieb gaben. Ich bin kein «Poolathlet», sondern musste meine eigene Technik entwickeln, um eine gute Wasserlage zu halten. Dank dieser Hilfen konnte ich die Strecke bewältigen. Die wahren Profis schwimmen sie natürlich nur mit Badehose und Brille – das sind richtige Könner.

Wie bereitet man sich auf eine solche Leistung vor?
Ich trainiere seit vier bis fünf Jahren intensiv. Fast ein halbes Jahr verbrachte ich auf Sizilien, wo ich mit Einheimischen schwamm und sogar beim Speerfischen dabei war. Das gab mir eine solide Basis. In den vier Monaten vor dem Schwumm legte ich wöchentlich im Schnitt 10 Kilometer zurück. Fast täglich schwamm ich im Utoquai meine zwei bis drei Kilometer – mal eine kleine Seeüberquerung, mal Richtung Fischerstube. Oft schon morgens um sieben. Meine Frau fand das manchmal anstrengend, doch sie und unser Sohn unterstützten mich sehr. Dazu kam professionelle Begleitung: Das Massageteam von H2O2 betreute mich, und mit Personaltrainerin Nadia Amaru machte ich Spinning für Ausdauer und Rückenstärkung. Rückblickend hätte ich mit ihr wohl noch intensiver trainieren sollen, dann wäre ich in den letzten 10 Kilometern eleganter ans Ziel gekommen.

Gab es Momente, in denen Sie ans Aufgeben dachten?
Nein, niemals. Es war mein Herzensprojekt, kein Zwang. Natürlich gab es kritische Phasen, etwa als ich Pausenrhythmus und Ernährung anpassen musste, weil ich Kopfschmerzen bekam. Aber ich fand meinen Flow und genoss diese Zeit nur für mich – fokussiert, achtsam, im Einklang mit dem Wasser. Ich wollte unbedingt einmal im Leben den Zürichsee durchschwimmen, ohne Wettkampf, ohne Zeitdruck. Neben meinem Job als PR-Manager bei der Greater Zurich Area AG bin ich auch Coach und versuche, meinen Kunden Achtsamkeit zu vermitteln. «Achtsam schwimmen» bedeutet für mich: volle Konzentration auf Bewegung und Atmung. Ans Aufgeben denkt man dann nicht.

«Natürlich gab es auch kritische Stimmen von aussen»

Was war die grösste Herausforderung?
Ganz klar: die Ernährung während des Schwumms. Man muss viele Kalorien aufnehmen und gleichzeitig genug trinken. Auch die Gefahr des Auskühlens ist gross. Und natürlich der Schiffsverkehr, da ist Sicherheit entscheidend. Herausfordernd war auch der familiäre Teil. Meine Frau bestand darauf, dass ich ein Belastungs-EKG und ein Vorschwimmen bei einem Profi absolviere. Das machte ich zwar zähneknirschend, aber es war richtig so. Nach dem EKG im Balgrist hatte ich schwarz auf weiss: Ich war topfit und erzielte sehr gute Resultate – doch mein BMI war trotzdem zu hoch. Das motivierte mich, gesünder zu leben und noch stärker auf meine Ernährung zu achten. Und natürlich gab es auch kritische Stimmen von aussen. Manche hielten mich für einen Spinner und glaubten nicht daran, dass ich es schaffen würde. Ja, es war eine etwas verrückte Übung, aber ich war gut vorbereitet und wusste meine Leistung realistisch einzuschätzen.

Haben Sie schon neue Projekte im Kopf?
Wer mich kennt, weiss: Ich laufe oft in North-Face-Shirts herum – mit dem Motto «Never stop exploring». Das passt, denn ich bin ein typischer Philobat. Ich liebe es, Neues auszuprobieren und mich immer wieder selbst herauszufordern. Vielleicht zieht es mich eines Tages für eine Saison als Patrouilleur in ein Walliser Skigebiet – Abenteuer in den Bergen statt im Wasser. Das Schwimmen bleibt zwar ein Teil meines Lebens, doch ein weiteres Langstreckenprojekt wird es nicht geben. Mein Ziel war es, den grössten Teil des Zürichsees zu durchqueren – und dieses Kapitel habe ich für mich abgeschlossen. Jetzt freue ich mich darauf, den Fokus zu verschieben: Meine Familie hat in den letzten vier Jahren viel mitgetragen, und sie verdient es, dass ich einen Gang zurückschalte. Dieses Mal heisst mein Projekt nicht See, sondern Zeit – Zeit für meine Frau und meinen Sohn.