"Musik war immer in irgendeiner Form Werbemusik"

Dieter Meier - Sie haben internationale Musikgeschichte geschrieben und über 12 Millionen Tonträger verkauft: Auch 31 Jahre nach der Gründung behauptet sich das Zürcher Duo Yello Massstäbe erfolgreich im Popgeschäft. Wie sie das schaffen? Indem sie Kontakt mit dem inneren Kind aufnehmen, keine Kompromisse eingehen und den Dilettantismus pflegen, sagt Dieter Meier. "persoenlich.com" sprach mit dem Bonvivant kurz nach dem Gewinn von zwei Swiss Music Awards und kurz vor der Platinauszeichnung ihres aktuellen Albums "Touch" über ihre Karriere und ihren freundschaftlichen Umgang mit der Werbeindustrie. Zum Interview:

Herr Meier, am Dienstag sind Sie an den Swiss Music Awards gemeinsam mit Boris Blank mit dem Achievement Award ausgezeichnet worden. Wieso?

Dies selbst zu beurteilen, ist nicht ganz einfach. Möglicherweise hängt dies damit zusammen, dass wir beide Dilettanten sind. Und dass wir aus diesem Dilettantismus heraus unsere eigene musikalische Welt geschaffen haben. Wir waren nie gefangen im Können, im Beherrschen eines Instruments, sondern haben einfach gemacht, was wir für richtig hielten. Deshalb wurde unsere Musik so etwas wie ein zweites Gesicht. Wir standen von Anfang an ausserhalb der Norm und haben uns selber definiert und gefunden.

Yello ist mit den Jahren zu einer wertvollen Marke geworden. Wie bewusst fand der Aufbau dieser Marke statt – die zwei Schnauztypen in ihren Anzügen, der Mann mit der tiefen Flüsterstimme?

Das war überhaupt nicht bewusst. Der Mann mit der tiefen Flüsterstimme hat sich daraus ergeben, dass ich nicht richtig singen kann. Ich treffe die Töne nicht so gut. Deshalb war ich gezwungen, meine Texte mit einer sehr limitierten Melodieführung vorzutragen. Im Stück "Bostich", unserem ersten Hit in Amerika, findet der ganze Gesang auf einer einzigen Note statt. Dies führte dazu, dass man uns in Übersee erst für schwarze Rapper von der Ostküste hielt. Bei einem unserer wenigen Liveauftritte in New York wartete deshalb ein Publikum von 5’000 Latinos und Schwarzen auf uns. Aber eben: Geplant war nichts. Und auch mit der dilettantischen Originalität allein ist unser riesiger Erfolg nicht erklärbar. Das muss sich dann auch noch mit Zeitgeist schneiden. Ausserdem waren Zufall und Glück dabei.

Aber ist das vielleicht eine wichtige Regel? Dass man sich nicht speziell auf eine internationale Karriere ausrichten darf?

Auf jeden Fall. Wenn man von der Schweiz aus mit Musik Erfolg haben will, muss man sich zu der Provinzialität und zu den Eigenheiten der Schweiz bekennen.

Wo liegt das Bekenntnis zur Provinzialität in der Musik von Yello?

Das liegt darin, dass wir uns an nichts angelehnt haben und sozusagen wie Bergdisteln unser eigenes Leben geführt haben. Wenn man kein Instrument spielt und eigentlich nichts kann, dann ist man automatisch irgendwo provinziell, weil man dann ja nur aus sich selber heraus agiert.

Dilettanten aus Leidenschaft: Dieter Meier und Boris Blank von Yello (Bild: Ben Wolf).

Hatten Sie denn überhaupt musikalischen Ehrgeiz?

Nicht wirklich. Für mich trifft das sowieso nicht zu. Ich habe angefangen Musik zu machen, um Experimentalfilme und Videos zu vertonen. Schlicht weil ich mir keine Musik leisten konnte. Irgendeine Form von Karriere hab ich mir nie vorgestellt. Boris Blank ist im Gegensatz zu mir ein Urmusiker. Einer jedoch, der nie ein herkömmliches Instrument erlernt hat. Aber er lebte trotzdem schon immer in seinen selbst gebastelten Klang- und Rhythmuswelten. Einmal hat er in der Schule eine Strafaufgabe kassiert, weil er mit der Klappe der Schulbank einen Rhythmus erzeugt hat und nicht gemerkt hat, dass der Lehrer schon lange das Schulzimmer betreten hatte. Er musste dann einen Aufsagt mit dem Titel „Rhythmus, die Musik der Primitiven“ schreiben. Für Boris war nur immer nur eines wichtig: Dass er seine Klangwelten ohne irgendwelche Kompromisse bauen konnte.

Wie hat sich das verändert, als die Karriere in Schwung kam?

In der Herangehensweise an die Musik hat sich gar nichts verändert. Auf geschäftlicher Ebene haben wir versucht, einigermassen vernünftig damit umzugehen und das Schiffchen auf Kurs zu halten. Wir haben geschaut, dass wir keine Knebelverträge unterschreiben, dass unsere Freiheiten nicht beschnitten werden und dass wir auch ordentlich an den Verkäufen der Tonträger und Lizenzen beteiligt werden. Wir haben den Wind aufgenommen und gesegelt.

Yello waren auch visuell von Anfang an unverkennbar. Wie kam es zu dem Erscheinungsbild, zum Beispiel zu den Anzügen?

Ich habe schon früher immer Anzüge getragen. Das war eigentlich mehr eine Art der Camouflage. Ich wollte nicht aussehen wie ein Künstler. Und sicher spielt auch eine Rolle, dass ich immer ein gutes Tuch und einen guten Schneider hatte. Das ist einfach eine Form des Wohlbefindens. Aber das hat nichts mit der Bildung eines Image oder so etwas zu tun. Wir haben uns nicht überlegt, wie wir aussehen müssen, um aufzufallen. Wir waren einfach immer so angezogen.

Haben Sie sich jemals überlegt sich persönlich einen Künstlernamen zuzulegen? Es ist doch spannend, dass Sie als schillernde Persönlichkeit den gewöhnlichsten Namen des deutschen Sprachgebiets tragen.

Ja, das gehört auch irgendwie dazu. Weil ich mich auch gar nie als Popkünstler darstellen wollte. Ich bin halt der Dieter Meier, der Spass hat mit Boris Blank zusammen Musik zu machen. Und es wäre mir nie auch nur in den Sinn gekommen, mir einen Künstlernamen zu geben. Gerade deshalb ja auch, weil der Name Meier natürlich, wenn man in diese Pop- und Filmwelt hineingeht, ein sehr exklusiver Name ist. Denn jeder, der diesen Namen hat, legt ihn sofort ab, wenn er in diese Richtung geht.

Zurück zu Yello: Sie haben gesagt, dass Yello am Anfang überhaupt nicht als Marke oder als Popkultur Produkt gedacht war. Hat mit den Jahren trotzdem so etwas wie Markenpflege stattgefunden?

Überhaupt nicht. Ich habe ja schon gesagt, unsere Musik ist ja sozusagen unser zweites Gesicht. Und wir haben nie versucht mit Facelifts oder Schminke dieses Gesicht im Hinblick auf eine Marke zu pflegen. Die Marke war eben dieser Dilettantismus, diese Freude am Klänge Erfinden, die Freude immer wieder in andere Klangwelten vorzustossen. Sozusagen das Kind in sich zu finden.

So sehen Gewinner aus: Die zweifachen Preisträger an den Swiss Music Awards (Bild: photopress).

Wie sind die Kinder in Ihnen mit dem Druck der Plattenindustrie umgegangen?

Die Plattenfirma hat nie irgendwelche Ansprüche an uns haben können. Den einzigen Anspruch, den wir als brave Schweizer stets gehabt haben, war jener, dass wir die grossen Vorschüsse, die wir mit den Jahren bekommen haben, wieder einspielen. Man möchte ja nicht, dass da jemand Geld verliert. Aber es hat sich noch nie eine Plattenfirma über unsere Musik äussern dürfen.

Wie stehen Sie zu Werbung?

Das machen wir sehr gerne! Unsere Musik wurde in Hunderten von Werbespots eingesetzt. Zum Teil haben wir auch Musik speziell für gewisse Produkte gemacht. hat unglaublichen Spass daran, Musik für Werbung zu machen. Denn letztlich ist ja alles irgendwie Werbung. Die Kirchenmusik ist Werbung für die Kirche, die aristokratische Musik ist Werbung für den König. Musik war eigentlich immer in irgendeiner Form Werbemusik – und sei es nur Werbung für den Intellekt des Avantgarde Komponisten. So wie man um die Gunst einer Frau wirbt oder um die Gunst de Publikums.

Was sind die Kriterien, unter denen Sie sich bereit erklären an Werbung mitzuwirken?

In den meisten Anfragen geht es um Stücke, die wir bereits veröffentlicht haben. Die werden dann meist in Auszügen in Werbespots und Filmen eingesetzt. Aber für wirklich interessante Projekte, hat Boris auch schon gezielt Musik produziert. Vor zwei Jahren etwa für die Kampagne von Audi. Das hat ihm unglaublichen Spass gemacht. Schliesslich ist so ein Autospot wie eine kleine Oper.

Wo ist die Grenze? Würden Sie Ihr Gesicht zeigen?

Boris hat das schon gemacht. Er wirbt mit seinem Gesicht für die Uhren von Carl F. Bucherer. Er identifiziert sich mit diesem Produkt. Ich selber bin aber noch nie mit meiner Visage für Werbung aufgetreten.

Würden Sie?

Ich glaube eher nicht. Aber ich kann das nicht beantworten. Es könnte sein, dass ich für irgendein lustiges Produkt durchaus mein Gesicht hinhalte.

Schadet die Person Meier eigentlich manchmal Yello?

Ich hoffe nicht. Sicher gibt es Leute, die irgendetwas an mir auszusetzen haben. Aber ich hab noch nie erlebt, dass jemand sagt: "Ist eigentlich schade um Yello, dass dieser Idiot Meier dabei ist."

Sie sind sehr oft präsent in den Medien, ecken an, nehmen Stellung zu allen möglichen Themen, zur Spielsucht, zu den 68ern, zum Nachtleben.

Ich bin Schriftsteller und haben neben den Alben mit Yello schon einige Bücher veröffentlicht. Ich betrachte das sozusagen als meinen Beruf, dass ich Auskunft gebe, wenn ich zu irgendeinem mir bekannten Phänomen befragt werde. Wenn ich nichts zu sagen habe, dann sage ich auch nichts.

Abschliessend zurück zu den Swiss Music Awards: Wie beurteilen Sie die Notwendigkeit dieses Anlasses?

Ich finde es ganz toll, dass es diesen Anlass hier gibt. Er befördert das Schweizer Musikschaffen in ein Rampenlicht, das der Schweizer Musik insgesamt sicher etwas bringt. Die Musik kann sich zeigen. Das hat eine mediale Ausstrahlung. Abgesehen davon, finde ich es generell etwas problematisch, wenn bei solchen Wettbewerben ein Kunstwerk gegen das andere antritt. Jedes ist ja ein Werk für sich. Zu sagen, eines sei besser als das andere, finde ich schwierig. Das ist so wie, wenn man von einem Menschen sagt, er sei besser als dieser oder jener. Aber eben: Solche Anlässe haben ihren Glamour und sie helfen der Musik insgesamt.

 

(Interview: Adrian Schräder)