11'000 Interessierte haben am Auffahrtswochenende die Solothurner Literaturtage besucht, rund 1'000 mehr als letztes Jahr. 1100 junge Lesende verzeichnete allein das Kinder- und Jugendprogramm am Freitag, wie die Organisatoren der SDA bestätigten. Das grösste Publikumsaufkommen mobilisierte wie erwartet die Hommage an den 75-jährigen Peter Bichsel am Samstagabend im proppenvollen Landhaussaal. Die Kollegen Jörg Steiner, Ruth Schweikert und Peter Weber erwiesen ihm ihre Ehrerbietung. Er möchte eines Tages "es bire bire bichseli besser" werden, wünschte sich Slam-Poet und Bichsel-Bewunderer Kilian Ziegler.
Die Schweizer Literatur sei noch nie so gut gewesen wie heute, gab Bichsel das Lob zurück. Zudem widersprach er einmal mehr dem Prädikat "Solothurner Autor": "Meine Heimat sind die Bücher, die ich gelesen habe". Solothurner oder nicht, Schreibende aus der Gegend lockten die meisten Besucher an: der Langenthaler Pedro Lenz mit "Der Goalie bin ig" und die Einheimische Gisela Rudolf mit "Das Leben der Eltern ist das Buch, in dem wir lesen". Restlos ausverkauft war zudem Martin Suters Lesung aus "Der Koch".
Der grösste Heiterkeitserfolg wurde an einem Nebenschauplatz erzielt von der Frauengruppe Tittanic am Freitagabend im ebenfalls brechend vollen Kreuz-Saal: Sandra Künzi, Susi Stühlinger und Stefanie Grob lasen zwischen den satirischen Songs von Sibylle Aeberli und Suzanne Zahnd pointierte, mithin rotzfreche Texte. Die Beiträge gipfelten im Plädoyer der ganzkörperverhüllten Künzi, die mit der täuschend echten Stimme von Eveline Widmer-Schlumpf ein Burka-Obligatorium für den Bundesrat forderte gegen den erbitterten Widerstand von "Micheline, diesem Fashion Victim" aber mit Rückenwind vom Verkehrsminister.
Unmittelbar zuvor war an einem Podium über "Frauenliteratur: Ein Fall fürs Archiv?" diskutiert worden. Die Frage, warum auch 40 Jahre nach der mächtigen Aufbruchstimmung schreibender Frauen immer noch die meisten Literaturpreise an Männer gehen, blieb ungeklärt. Die Zukunft des Buches wurde in zwei weiteren Podien thematisiert, eines über Verlagssterben und eines über Netzkritik. In beiden wurde die Krisenstimmung entschärft: Kleine Verlage, wurde bezeugt, können überleben, wenn sie sich auf Nischen spezialisieren. Und das Internet sei für sie nicht nur Bedrohung, sondern auch ein kosteneffizientes Hilfsmitttel.
Im Gegensatz zu den beiden ersten Tagen war der Sonntag eher ruhig. Viele verpassten Highlights wie den witzigen Krimi-Erstling des indischstämmigen Berner Oberländers Sunil Mann "Der Fangschuss". Auch Jens Petersens "Bis dass der Tod" gefiel obwohl die Bachmannpreis-gekrönte Geschichte von einem Mann, der seiner todkranken Frau den letzten und schwersten Liebesdienst erweist, viel Betretenheit hervorrief. (sda)