Herr Engler, ihr Film "Cargo" läuft derzeit erfolgreich in den Schweizer Kinos. Die Produktionsphase sei sehr lang und nervenaufreibend gewesen, konnte man lesen. Haben Sie jemals daran gezweifelt, dass der Film fertig gestellt werden würde?
Es gab einige Momente, in denen ich mir nicht mehr sicher war, ob es überhaupt möglich ist, mit dem minimalen Budget, das uns zur Verfügung stand, einen solch ambitionierten Film herzustellen. Doch die Sehnsucht, der Traum, und auch das innere Bedürfnis, diese Geschichte erzählen zu wollen, spendete mir selbst in den dunkelsten Momenten genügend Kraft, um immer wieder weiterzumachen.
Alle schwärmen vom "Look" des Films. Wie haben Sie das bestechende Resultat erzielen können?
Auf der einen Seite standen langjährige Vorbereitungen und Recherchen zum Production Design. Es galt, eine gesamte Welt, ein visuelles Universum von Grund auf zu kreieren. Der Production Designer Matthias Noger und ich haben hunderte von Skizzen und Studien angefertigt, und dafür immer wieder die Story und die Dramaturgie analysiert, um eine kohärente und visuell ansprechende Welt zu kreieren. Dazu bauten wir alle Innenräume des Raumschiffs, wie auch die Raumstationen bereits im Vorfeld virtuell am Computer, um uns in diesen Räumen bewegen zu können und um erste Licht- und Kameratests zu machen. Auf der anderen Seite stand die sehr enge und intensive Kommunikation mit den Compositing- und 3D-Artists, welche die Look-Vorgaben, die Matthias und ich entwickelt hatten, auch umsetzen mussten. Diese Phase dauerte über ein Jahr und war nicht nur äusserst anstrengend sondern auch zwischenmenschlich nicht immer einfach. Oft musste ich, obwohl alle schon am Anschlag ihrer Leistungsfähigkeit waren, die Messlatte nochmals höher legen, um den mir vorschwebenden Grad von Perfektionismus zu erreichen. Jetzt, wo der Film fertig ist, sind alle Beteiligten sehr stolz. Wir haben wirklich etwas Magisches vollbracht.
Wie schwierig war es, die Finanzierung sicherzustellen? Wie geht man da vor?
Wir wollten anfangs ein Finanzierungsmodell umsetzen, welches ganz ohne die klassischen Schweizer Filmförderungsstellen auskommt. Wir hatten Angst, dass unser Projekt nicht ernst genommen wird, da es ein Genre Film ist und kein eigentliches "Schweizer" Thema. Retrospektiv muss ich jedoch sagen, dass eine Finanzierung ohne die Öffentliche Hand ohne unendlich viel Glück faktisch unmöglich ist. Auch haben sich unsere Ängste als unbegründet erwiesen. Denn als wir nach 3 Jahren erfolgloser Privatfinanzierung schliesslich doch die Zürcher Filmstiftung und das BAK anschrieben, waren beide Stellen von Anfang an begeistert vom Projekt.
Ohne Fördergelder geht es nicht?
Nein, meiner Meinung nach nicht. Die Finanzierung von Filmen birgt immer ein gewisses Risiko. Ein Film kann, obwohl die Story toll und das Ensemble umwerfend ist, an den Kinokassen floppen. Um solche Risiken zu minimieren, müsste investiertes Kapital genügend breit auf mehrere Filme verteilt werden. Aber für ein solches Modell müssten hierzulande viel mehr Filme produziert werden. Die Nachfrage, und daraus folgend die gesamte Industrie, ist dazu zumindest im Moment in der Schweiz leider einfach zu klein.
Was gibt es Ihrer Meinung nach für gelungene Formen der Zusammenarbeit zwischen Filmemachern und Sponsoren? Gibt es gutes Product Placement?
Als Regisseur wünscht man sich einen möglichst glaubwürdigen, "ungestörten" Film, welcher der künstlerischen Vision entspricht, die man im Kopf hat. Die Welt, die man dem Zuschauer präsentiert sollte nicht durch weltfremde Objekte gestört werden. Meine Vorstellung von Sponsoren war, dass sie vielleicht Änderungen im Drehbuch wollen, da ein Teil der Geschichte nicht ihrem CI entspricht, doch die Änderung würde das ganze Setting in Frage stellen. Und dass ein Product Placement ausgerechnet in der intimsten Szene stattfinden würde, am liebsten noch mit einer ätzenden Erwähnung im Dialog. Meine Erfahrungen bei "Cargo" waren jedoch diametral anders. Wir hatten das Glück, nicht nur sehr offene und an der Story interessierte Sponsoring-Partner zu haben, sondern auch Brands, welche sich beinahe nahtlos in unsere Zukunftswelt einfügen. Zum Beispiel platzierten wir Logos von Technologie- und Immobilienkonzernen, welche uns unterstützt hatten, auf der riesigen futuristischen Raumstation in der Anflugsequenz, wo die Illusion einer bis an den Horizont reichenden Grossstadt sowieso diverse Leuchtlogos und Werbescreens bedingte. Um das Ganze aufzulockern und die Glaubwürdigkeit zu bewahren, erfanden wir auch noch mehrere eigene Logos, welche die Skyline weiter ergänzten.
Wird "Cargo" auch in anderen Ländern zu sehen sein?
Es war von Anfang an der Plan, dass der Film international vermarktet wird. "Cargo" ist ein klassischer Genrefilm, welcher sich sowohl auf dem Kino- wie auch auf dem DVD Markt bestens verkaufen lässt. Wir sind auch bereits überschwemmt worden mit Kauf-Anfragen, noch bevor wir den Film überhaupt an einem einzigen Markt präsentiert hatten. Bereits verkauft ist er nach Japan, England und nach Spanien. Die DVD wird im Frühling veröffentlicht.
Sind Regisseure eigentlich fleissige Kinogänger? Und wenn ja: Welcher Film hat Sie in letzter Zeit beeindruckt?
Ich sehe mir sehr viele Filme an, jedoch meist in meinem Heimkino, da ich dann auch Szenen mehrmals ansehen oder einzelne Einstellungen stoppen und analysieren kann. In der intensiven Phase der Postproduktion im letzten Jahr bin ich jedoch gar nicht mehr dazu gekommen, neue Filme im Kino anzusehen. So ist es unterdessen eine Weile her, dass ich einen Film im Kino gesehen habe, der mich wirklich bewegt hat. Ich nenne an dieser Stelle deshalb lieber ein paar Klassiker, welche mich heute noch beschäftigen: "La Strada" und "I vitelloni" von Fellini, "Ran" und "Rashomon" von Kurosawa, "Il deserto Rosso" und "Blow up" von Antonioni, und natürlich "Alien" und "Blade Runner" von Ridley Scott.
Man konnte lesen, Sie seien im Kontakt mit Hollywood. Was ist da der derzeitige Stand?
Ich werde seit 4 Monaten repräsentiert von CAA, einer der grossen Agenturen in Hollywood. Sie vertreten eine ganze Reihe von namhaften Regisseuren, Schauspielern, Produzenten, Musikern und Sportlern. Für mich ist das alles noch sehr neu, und ich konnte es am Anfang erst gar nicht glauben. Mein Agent flog bereits 2 Wochen nach unserem ersten Telefongespräch nach Zürich, um mich zu treffen, und seither bekomme ich fast täglich Drehbücher und Anrufe von Produzenten. Im Januar werde ich für zwei Monate nach LA ziehen, um dort mein Netzwerk auszubauen, sowie zwei bis drei Projekte weiterzuentwickeln.
Sind momentan schon neue Projekte in Planung? Geht es da ebenfalls in Richtung Science Fiction?
Auf jeden Fall. Mein Herz liegt ganz klar im Kreieren von fantastischen, utopischen Welten. Ich schreibe zurzeit an einem Drehbuch über Quantenphysik und String-Theorie, kein klassischer Science Fiction Stoff, jedoch ein Mindtrip, von dem ich hoffe, dass er mein persönlicher Meilenstein wird. Ich bin jedoch noch zu wenig weit als Regisseur, um diesen Stoff so zu verfilmen, wie er mir vorschwebt. Dazu muss ich erst noch mehr Erfahrung sammeln.
Gibt es in Verbindung mit Hollywood vielleicht ein Traumprojekt? Ivan Engler, der nächste Schweizer Bond-Regisseur? Oder Ivan Engler, der nächste "Star Trek"-Regisseur?
Natürlich würde ich ohne zu zögern bei einem solchen Angebot zuschlagen. Gleichzeitig habe ich, zumindest im Moment noch, den Elan und die unbändige Lust, einen wirklich eigenen Erzählstil mit eigenen Projekten voranzutreiben. "Cargo" ist mein Erstlingswerk als Regisseur, und ich finde, da liegt noch einiges Entwicklungspotenzial brach, welches ich in "Cargo" noch nicht vorantreiben oder gar befriedigend ausschöpfen konnte. Ich möchte Neuland betreten, den Leuten im Kino Erfahrungen vermitteln, welche sie so noch nie hatten. Manchmal liege ich nächtelang wach und versuche, all diese Ideen zu ordnen und in Bahnen zu lenken. Ein erstes Ordnen hat "Cargo" ergeben. Was darauf jetzt folgt, steht zurzeit noch in den Sternen. The future holds promises.
(Interview: Adrian Schräder)

