Herr Rothenbühler, Sie haben unter dem Titel «Frösche küssen – Kröten schlucken» (Werdverlag) Ihre Memoiren geschrieben. Was gab den Ausschlag für dieses Buch?
Freunde sagten mir immer wieder, schreib das auf, wenn ich einen Schwank aus meiner Zeit bei Ringier erzählte. Dann hab ich einfach mal angefangen und gemerkt, dass ein Interesse besteht. Norbert Neininger wollte mir sofort einen Vertrag zustellen, er ist leider gestorben, dann haben zwei andere Verlage angeklopft.
Warum dieser ungewöhnliche Titel?
Prinzen und Prinzessinnen vermuten, wo andere nur Frösche sehen, das war mein Konzept für die neue «Schweizer Illustrierte». Nicht immer nur People aus den US, England und Monaco darstellen, sondern unser eigenen Leute. Unsere Frösche so küssen, dass sie wie Prinzessinen daher kommen. Kröten schlucken muss jeder, der sich einen Ruf als «seriöser» Journalist gemacht hat und in den Boulevard und Illustrierenjournalismus «absteigt». Und wer in einem Grossverlag dauernd Erfolg hat, für den wird es schnell mal kalt. Das habe ich mit Staunen feststellen müssen. Man ist nett mit Erfolglosen, Erfolgreiche sind weniger beliebt.
Was war die grösste Kröte, die Sie in Ihrer Karriere geschluckt haben?
Völlig verwirrt war ich, als ich von einer Auslandreise zurückkam und in meinem Büro ein anderer sass. Und niemand wollte das entschieden haben. Kafkaesk, kommt eigentlich nur in schlechten Romanen vor. Ich weiss heute noch nicht, wer es veranlasst hat…
Wirklich?
Ich habe eine Vermutung, kann sie aber nicht bestätigen.
Ihr Buch ist sehr pointiert und süffig geschrieben. Haben Sie es im Voraus den Portraitierten zum Gegengelesen gegeben?
Nur den zwei wichtigsten Menschen meiner Laufbahn, Mario Cortesi und Frank A. Meyer. Beide haben mir wichtige Ergänzungen ermöglicht. Mein Buch ist so etwas wie die wahre Geschichte vom mysteriösen Frank A. Meyer geworden, über den in den letzten 20 Jahren viel Mumpitz geschrieben worden ist.
Ringier-«Chefjournalist» Frank A. Meyer nimmt wirklich eine grossen Raum ein. Sie bezeichnen ihn als Ihren Lehrmeister. Wie hat er auf das Buch reagiert?
Erstaunlich positiv. Er war ja immer auch mein heftigster Kritiker. Er hat alles zweimal gelesen und wollte nur gewisse Intimitäten aus der Zeit des Büro Cortesi, den «wilden» 70er-Jahren, etwas sanfter dargestellt haben. Und alles, was ich über sein legendäres Diner Républicain in Locarno geschrieben habe, wollte er nicht drin haben, weil das ihm gehört. Ich habs ihm zuliebe gestrichen. Sonst war er überraschend tolerant.
Rückblickend gesehen, was war der Höhepunkt Ihres Lebens?
Die Geburt meiner Söhne Pierangelo und Gian Ulisse. Die beiden sind das Beste, was ich je angerichtet habe… Beruflich gabs natürlich viel. Und das klingt jetzt etwas eitel, aber es ist halt wahr: Ich hatte Erfolg mit «SonntagsBlick», mit der «Schweizer Illustrierten» und mit «Le Matin», meine Verleger-Familien haben an mir sehr viel Geld verdient. Es war eine wunderbare Zeit.
Der Tiefpunkt?
Als ich von Schawinski zurück zu Ringier kam und aufs berufliche Abstellgeleise geschoben wurde, gut bezahlt, aber nicht mehr in der ersten Reihe. Was für mich wohl das Beste war. Ich wollte nie zu den frustrierten Ex-Chefredaktoren gehören, die beim stets grosszügigen Ringier-Verlag ein luxuriöses Gnadenbrot essen… und deshalb nicht zu neuen Ufern aufbrechen. Solche habe ich genug gesehen. Deshalb nahm ich sofort eines von vier sehr guten Angeboten und lebe deshalb jetzt in Lausanne.
Wie gesagt waren Sie kurzfristig auch Fernsehdirektor bei Roger Schawinskis Tele24. Welche Erfahrung haben Sie daraus gezogen?
Ich war sehr froh, diesen Geist des Startup-Unternehmens kennenzulernen, nach einer langen Zeit in einem Grossunternehmen, wo eher eine Club Mediterranné Stimmung herrscht. Bei Schawinski hat jeder so viel gearbeitet wie wir in den siebziger Jahren im Büro Cortesi. Sehr viel. Ich durfte auch lernen, dass ich zwar am Bildschirm recht gut rüberkomme, aber mich gar nicht als Fernsehdirektor eigne. Ich bin kein Sitzungsmensch.
Auf Ihr Leben bezogen, welchen Stellenwert nimmt Ihre Zeit als Chefredaktor bei «Le Matin» ein?
Einen entscheidenen: Zehn Jahre lang eine Tageszeitung führen, das ist ein grosses Vergnügen, dann habe ich die eher traditionelle Westschweizer Medienlandschaft mit den Methoden des deutschschweizer Boulevardjournalismus neu aufgemischt und leicht geschockt: schneller als die Polizei, bei grossen Stories dranbleiben, eigene Geschichten lancieren, die wichtigen Leute privat porträtieren. Das hat viel Staub aufgewirbelt. Ich habe so viele neue Themen gesetzt, dass ich zum am häufigsten eingeladenen Gast der TV-Diskussionssendung «Infrarouge» wurde, der nicht Politiker ist.
Bei der Lektüre des Buches hat man den Eindruck, dass Sie eine Zeit und eine Branche beschreiben, die es so nicht mehr gibt. Glauben Sie, dass der Journalismus auch im Zeitalter der Newsräume ein spannendes Business bleibt?
Wenn die Journalisten nur im Newsroom bleiben und auf Bildschirme starren, News von andern umschreiben, neu kalibieren, dann sehe ich schwarz. Der originale, authentische, glaubwürdige, von Persönlichkeiten mit einem guten Schulsack und grosser Neugier produzierte Journalismus hat eine grosse Zukunft. Je mehr «fake facts» auf dem Internet auftauchen, desto mehr steigt das Bedürfnis nach Zeitungen, die von veantwortungsvollen Menschen redigiert werden. Print erlebt zurzeit gerade eine Renaissance, in Deutschland gehen erfolgreiche Blogs als Zeitschriften an den Start und werden von vielen Menschen abonniert.
Sie haben zwei Söhne. Werden diese auch Journalisten oder haben Sie ihnen einen anderen Job empfohlen?
Ich habe ihnen nichts empfohlen. Sie wussten sehr bald, dass sie sicher nicht Journalisten werden wollten. Sie sind sehr ambitiös. Der eine ist ETH-Ingenieur und macht etwas mit Drohnen und Mapping, der andere studiert englische Literatur und Linguistik in Dublin. Die werden mich beide überflügeln.