Zum 300. Geburtstag von Jean-Jacques Rousseau ist in Genf das "Maison de Rousseau et de la littérature" (MLR) eröffnet worden. Damit hat die Rhonestadt ein literarisches Zentrum erhalten. Es geht ein Aufatmen durch die Literaturszene der Romandie. Endlich gibt es auch hier ein erstes Literaturhaus. Im Zentrum von Genf, an der Grand Rue 40, hat es Ende Januar seine Pforten geöffnet. Vor 300 Jahren, am 28. Juni 1712, wurde hier der Philosoph Jean-Jacques Rousseau geboren. Das Zusammentreffen ist kein Zufall.
Rousseaus Geburtshaus
Dem MLR zugrunde liegt eine Kooperation von zwei Organisationen. Seit zehn Jahren schon führt die Fondation de l'Espace Rousseau hier ein kleines Museum. Drei Jahre jünger ist die von Autoren ins Leben gerufene Vereinigung für ein Genfer Literaturhaus, die sich bisher mit wechselnden Veranstaltungsorten begnügen musste. Nun hat der Kanton Genf, dem das Rousseau-Haus gehört, Hand geboten für ein neues kulturelles Zentrum. Die Eröffnung der Arkade im Erdgeschoss als Raum für Lesungen und Debatten ist nur der erste Schritt für den Totalumbau des Hauses. Wenn alles gut geht, werden ab Ende 2014 insgesamt sieben Stockwerke bespielt werden können.
Nebst einem Saal für 100 Personen und einem Rousseau-Zentrum wird das neue Haus ein Café littéraire anbieten, darüber Veranstaltungsräume für Schulen sowie eine Residenz für Autoren. Das Literaturhaus definiert sich explizit auch als "Maison des écrivains". Darüber wacht Rousseau als Patron für eine offene Definition von Literatur. In ihren Verlautbarungen betonen Doris Jakubec, Präsidentin des MRL, und die Ko- Leiterin Véronique Gonzalez, dass ihr Haus ein lebhaftes kreatives Laboratorium werden müsse. Insbesondere die welsche Literatur benötige heute eine solche Unterstützung.
Lebhafte Auseinandersetzungen
Begegnung, Reflexion und Auseinandersetzung gehören heute zum üblichen Vokabular bei solchen Projekten. Im Fall des MRL ist durchaus zu hoffen, dass die versprochene Dynamik eingelöst wird. Zumal in der Romandie die klassische Autorenlesung nicht denselben Stellenwert besitzt wie in der Deutschschweiz. Die Debatte geniesst hier höhere Wertschätzung. Das Programm lässt diesbezüglich noch kein Urteil zu. Bis im Sommer ist es stark vom Rousseau-Jubeljahr geprägt. Das alte nomadische Literaturhaus hat aber demonstriert, wie sich Begegnungen für und über die Literatur stiften lassen. Und wer weiss, vielleicht steht die Residenz im Dachgeschoss dereinst auch Deutschschweizer Autoren zur Verfügung.
Bis es soweit ist, bleibt einiges zu tun. Vor allem fehlt es noch an Geld. Während Stadt und Kanton für den Betrieb aufzukommen gedenken, haben private Gönner erst einen Teil der Umbaukosten von 5 Millionen Franken bereit gestellt. (sda)