Mit der Auslosung der Reihenfolge der Lesungen haben am Mittwochabend die "35. Tage der deutschsprachigen Literatur" in Klagenfurt begonnen. Zur Eröffnung im ORF-Theater hielt der Schweizer Schriftsteller Urs Widmer die 12. Klagenfurter Rede zur Literatur. Literatur funktioniere nicht nach dem K.o.-System, in dem am Schluss einer der Sieger ist, sagte Widmer. Dennoch gebe es Unterschiede: "Bei vielen Texten sind wir uns bald einig, dass sie grottenschlecht sind." Der 73-Jährige stellte seinen Vortrag unter das Motto "Von der Norm, der Abweichung und den Fertigteilen".
Er nannte verschiedene Kriterien, nach denen er Literatur in gute und schlechte zu unterscheiden versuche: Ein gutes Buch langweile nicht, strebe nicht bewusst nach einer eigenen Sprache, sondern finde sie von allein und sei mehr als der Griff in den Fertigteilbaukasten: "Schlechte Literatur ist ausschliesslich aus schon Vertrautem montiert. (...) Gute Bücher gehen dem Vertrauten nicht um jeden Preis aus dem Weg, aber sie reiben sich an ihm durch Abweichungen."
Von Donnerstag bis Samstag lesen 14 Autoren und Autorinnen aus Deutschland, Österreich und der Schweiz vor Publikum unveröffentlichte Texte. Diese werden von der siebenköpfigen Jury gleich im Anschluss diskutiert. Am Sonntag werden fünf Preise im Gesamtwert von umgerechnet etwa 67'000 Franken vergeben. Die Veranstalter führen nur einen Kandidaten als Schweizer: den 40-jährigen Zürcher Werber Michel Bozikovic, dessen erster Roman "Drift" im Herbst im renommierten Klett-Cotta-Verlag erscheint. Bozikovic liest am Samstag.
Der Aargauer Linus Reichlin, einer der aussichtsreicheren Kandidaten, wird von den Organisatoren zu den Deutschen gezählt. Er wohnt, wie sieben Mitbewerber, zurzeit im Literatur-Biotop Berlin. Reichlin liest am Freitag. Mit 54 Jahren ist Reichlin der Doyen im diesjährigen Teilnehmerfeld und einer der meistdekorierten Bewerber. Für seine Reportagen und Essays erhielt er unter anderem 1992 den Zürcher Journalistenpreis, und auch seine ersten beiden Romane "Die Sehnsucht der Atome" (2008) und "Assistent der Sterne" (2009) wurden ausgezeichnet.
Das Wettlesen, das an die Klagenfurter Dichterin Ingeborg Bachmann (1926-1973) erinnert, gilt als wichtigster literarischer Wettbewerb im deutschsprachigen Raum. Die Lesungen und die Rahmenveranstaltungen werden auf 3Sat übertragen und sind im Internet zu verfolgen.