Sie bringen Gehörlose zum Mitfiebern

ESC - Zum ersten Mal lässt die SRG alle Songs im Wettbewerb in Gebärdensprache übersetzen. Ein Team von zehn Dolmetscherinnen und Dolmetschern hat dafür eine spezielle Weiterbildung absolviert. Die Sache hat aber einen Haken.

von Sandra Porchet

«United by Music» lautet der Slogan des Eurovision Song Contests (ESC). Mottogerecht will die SRG, die den Grossevent dieses Jahr in Basel organisiert, das Spektakel für möglichst viele Menschen zugänglich machen und hat ein breites barrierefreies Angebot zusammengestellt: von Untertiteln über Audiodeskription bis zur Gebärdensprache.

Dabei gibt es ein Novum: Die 37 Lieder des Wettbewerbs werden in Gebärdensprache übersetzt. Für jeden Beitrag wurde ein Video gedreht, das während der Halbfinale und des Finals ausgestrahlt wird.

Wortspiele sind knifflig

Was Laien vielleicht unspektakulär erscheint, stellt für das SRG-Dolmetscherteam einen aussergewöhnlichen Auftrag dar. «Das Übersetzen von Musik in Gebärdensprache ist für die SRG sowie die Schweiz im Allgemeinen eine neue Disziplin. Wir nutzen den ESC als Pilotprojekt, um ein Verständnis dafür zu entwickeln», erklärt auf Anfrage Nik Leuenberger, Mediensprecher der SRG.

Denn Musik zu übersetzen, geht anders als gesprochene Auftritte. Die Herausforderung liegt darin, Rhythmus, Emotionen, Dynamik und musikalische Details zu vermitteln. In diesem Bereich sind die Expertinnen und Experten rar.

Die SRG-Dolmetscherinnen und Dolmetscher haben dafür eine spezifische Weiterbildung absolviert. Um Musik visuell zu übersetzen, werde zwar nicht klassisch getanzt, führt Dolmetscherin und Coach Barbara Rossier aus. Der ganze Körper und die Mimik werden aber genutzt, um die Energie der Musik sichtbar zu machen.

Mit Liedern aus 37 Ländern, die kulturell unterschiedlich sind, ist das nicht immer einfach. «Besonders knifflig sind Songs, die viele Wortspiele oder sehr kulturspezifische Inhalte haben», erklärt Rossier weiter.

Während das Dolmetscherteam die Shows live in drei Gebärdensprachen des Landes übersetzen wird (DSGS, LSF und LIS), wurden die Songs in die internationale Gebärdensprache übersetzt. Das könnte ein Nachteil sein, denn nicht alle der rund 20'000 bis 30'000 gehörlosen Menschen, die in der Schweiz leben, verstehen diese Gebärdensprache.

Zu wenig Ressourcen

Aus personellen Ressourcen wäre «eine Umsetzung in den drei Gebärdensprachen der Schweiz schlicht nicht möglich gewesen», begründet SRG-Sprecher Nik Leuenberger den Entscheid. «Wir haben mit den Verbänden Kontakt aufgenommen. Es wurde uns gesagt, dass die internationale Gebärdensprache bevorzugt würde, wenn es anders nicht umsetzbar ist beziehungsweise wenn die Alternative Untertitelung ist.»

Diese Lösung hat immerhin einen Vorteil: Die SRG kann sie im EBU-Netzwerk – der Vereinigung der Service-public-Medien hinter dem ESC – kostenlos zur Verfügung stellen. Das bedeutet eine potenziell hohe Reichweite. Die Videos könnten nämlich überall dort gezeigt werden, wo der ESC ausgestrahlt wird. Welche Sender die Videos tatsächlich übernehmen werden, weiss die SRG aber nicht.

Ist der Aufwand gerechtfertigt? Im Rahmen ihrer Leistungsvereinbarung ist die SRG verpflichtet, ihr Angebot für hör- und sehbehinderte Menschen weiter auszubauen. Die produzierten Videos sprengen aber diesen Rahmen. «In Anbetracht der Besonderheit dieses Anlasses sowie der überschaubaren Investition schätzen wir den Aufwand als verhältnismässig ein», so Leuenberger.

Ob das Pilotprojekt zu vermehrten Angeboten führt, ist noch offen. Das «evaluieren wir nach dem ESC, nach einer detaillierten Analyse des Prozesses und der Ergebnisse», präzisiert der Mediensprecher. Die SRG zeigt sich auch für eine Zusammenarbeit mit der EBU und den künftigen ESC-Austragungsländern offen.