Jan Harlan, was können sich die Besucher von der Ausstellung erwarten?
Einen Einblick in eine Werkstatt. Ein grosser Film ist wie jedes grosse Kunstwerk eigentlich ein kleines Wunder. Ich habe das miterlebt über dreissig Jahre, wie Stanley gerungen hat, um jedes Detail. Es fiel ihm nicht in den Schoss.
Kubrick galt als öffentlichkeitsscheu. Hätte er dieser Ausstellung zu Lebzeiten zugestimmt?
Ja, solange er nicht damit zu tun gehabt hätte. (lacht). Das ist schon richtig, dass er kein Partygänger war. Er mochte auch nicht seine Filme erklären. Er meinte dass alles, was von Bedeutung sei, in seinen Filmen wäre, und er wollte das nicht ergänzen. Aber er war nicht scheu in seinem Haus und er war ein ausgesprochen offener und gesellschaftsfreudiger Mensch.
Er gab auch selten Interviews.
Er hätte nie Gespräche geführt wie ich jetzt mit ihnen. (lacht). Das machte er nur ganz selten, ein Zugeständnis an Warner Brothers nach jedem Film, aber meistens immer mit denselben Journalisten, die er dann schon kannte.
Sie verwalten gemeinsam mit ihrer Schwester, der Kubrick-Witwe Christiane, den Nachlass Kubricks. Was genau umfasst dieser?
Eine unendliche Masse an Papier, Zeichnungen, Fotografien, Geräten. Es brauchte acht Monate, um die Dinge auszuwählen, die für diese Ausstellung am besten geeignet sind.
Sie waren als ausführender Produzent seit dem Film "Barry Lindon für Kubrick tätig. Wie kam es dazu?
Das lag an keiner geringeren Person als an Kaiser Napoleon. Das Filmprojekt "Napoleon hat uns zusammengeführt. Das war ein ganz interessantes Thema, aber es hat nicht geklappt. MGM hat sich damals zurückgezogen, weil Rod Steiger "Waterloo plante und da hatte MGM eben das Gefühl, dass es zuviel wird.
Wie viel tragen die unrealisierten Projekte "Napoleon und "Aryan Papers zum Mythos Kubrick bei?
Das kann ich nicht beurteilen. Über Mythos kann ich nicht sprechen, da bin ich zu nahe dran. Das war einfach ein wichtiges Projekt. Der Taschen Verlag wird im Herbst sogar ein Buch darüber herausgeben.
"Aryan Papers soll daran gescheitert sein, dass Steven Spielberg "Schindlers Liste gemacht hat.
Das ist richtig. Kubrick und Warner Brothers kamen zu dem Schluss, dass es vielleicht ungeschickt sei, nach "Schindlers Liste wieder mit einem Film über den Holocaust zu kommen. So haben sie das Projekt verschoben. Und leider ist Kubrick dann gestorben.
Ang Lee, Robert Altman, oder Spike Lee: sie alle haben in jüngster Zeit Werbefilme gedreht. Wäre das auch für Kubrick denkbar gewesen?
Nicht solange ich Stanley kannte. Als ganz junger Mann, da war er noch an der Schule, da hat er einmal einen Film gemacht für eine Gewerkschaft. Das war das erste und einzige Mal. Aber es war ein kleiner Dokumentarfilm, kein eigentlicher Werbefilm. Das hätte ihm sicherlich Spass gemacht als junger Mann, aber später kam das nicht in Frage.
Wenn er heute noch Leben würde...
... würde er keine Werbespots machen. Das kann ich Ihnen versichern.
Was ist ihr Lieblingsfilm von Kubrick?
Das kann ich gar nicht so sagen. Am Anfang war es immer "Dr. Strangelove. Für mich ist es schon "Eyes Wide Shut, weil es war das letzte Mal, dass ich so intensiv sah wie ein Mann mit sich ringt, wie er sich bemüht, das auf die Leinwand zu bringen, was eigentlich im inneren eines Menschen vorgeht.
Der Film hat polarisiert.
Das Problem an "Eyes Wide Shut ist, dass jeder im Publikum ein Experte ist auf dem Gebiet der sexuellen Fantasie und Eifersucht. Da gibt es keine Laien. Dass ist eine grosse Schwierigkeit und viele waren ganz entsetzt über den Film, andere ganz begeistert. Sehr interessant für mich war dass zwei Ehe-Beraterinnen, mir denen ich gesprochen habe, ganz begeistert vom Film waren. Es sei ein Film, den sich alle Eheleute ansehen sollten. (lacht).
Kubrick hat es geschafft, die verschiedenen Genres mühelos abzudecken.
Von mühelos kann überhaupt keine Rede sein. (lacht). Ich bin auch nicht ganz ihrer Meinung. Diese Genres sind ja nur eine Form. In der Substanz war er ein und derselbe Mann, und in der Substanz hat jeder Künstler seine eigene Handschrift und sein eigenes Interesse. Letztlich muss man schauen, wo man den gemeinsamen Nenner findet.
Was ist der gemeinsame Nenner bei Kubrick?
Der kritische Blick auf uns selbst. Auf die Narrheit in den Menschen und ihre Eitelkeit. Denken Sie an "Path of Glory oder "Dr Strangelove. Diese Filme sind sehr kritisch. Kubrick war ja ein grosser Optimist in Bezug auf das tägliche Leben. Aber ein grosser Pessimist, wohin wir uns entwickeln würden. Er war durchaus der Meinung, dass wir unser eigenes Grab schaufeln und ich könnte mir schon denken, dass er da eines Tages leider Recht behalten wird.
Herr Harlan, was sind Ihre kommenden Projekte?
Ich habe jetzt gerade einen Dokumentarfilm gemacht über Malcolm Mc Dowell, der im Herbst auf DVD erscheinen wird. Sonst bin ich vor allem an der Filmschule in Dänemark tätig und arbeite dort mit Studenten. Was ich selbst gern noch täte -- und ich weiss nicht ob mir das je gelingen wird -- ist eine Fernsehserie zu machen über den Spass an klassischer Kammermusik.