Ungarns Epochenerzähler wird 70

Péter Nádas - "Parallelgeschichten" gilt als Jahrhundert-Roman.

Nicht Probleme interessieren ihn, sondern Strukturen, sagt Péter Nádas. Mit den "Parallelgeschichten" legte der Schriftsteller ein Werk vor, das die Kritik als "Jahrhundert-Roman" feiert. Am Sonntag, 14. Oktober, wird Péter Nádas 70 Jahre alt. 18 Jahre arbeitete er an seinem Roman "Parallelgeschichten". Sechs Jahre investierte die Schweizer Übersetzerin Christina Viragh in die kongeniale Übertragung dieses Werkes - drei Bände, 39 Kapitel, 1500 Seiten auf ungarisch und über 1700 auf Deutsch.

In "Parallelgeschichten" verwebt Nádas scheinbar zusammenhanglose Motive und Ereignisse zu einem Universum jenseits des Textes. Schauplätze und Zeitebenen wechseln oft abrupt. Der Autor seziert die wechselseitige Wirkung menschlicher Körper aufeinander, ihr gegenseitiges Begehren und die in ihnen abgespeicherten Erinnerungen und menschheitsgeschichtlichen Katastrophen.

Péter Nádas wurde am 14. Oktober 1942 in Budapest geboren. Den Holocaust überlebte er als Kleinkind mit seiner Familie in Verstecken und mit falschen Papieren. Die Eltern, überzeugte Kommunisten, verlor er früh. Von 1961 bis 1963 liess er sich zum Journalisten und Fotografen ausbilden, von 1965 bis 1969 arbeitete er bei diversen Zeitungen, seitdem ist er freier Schriftsteller. Nádas' Schreibweise, die einen Kritiker an die Filme von Peter Greenaway erinnert, fand im kommunistischen Ungarn nur zögerlich Anerkennung.

Monstrosität des Jahrhunderts

Im deutschen Sprachraum feierte der Ungar mit dem aus drei subtil miteinander verschränkten Erzählsträngen konstruierten "Buch der Erinnerung" (1991) den Durchbruch, auch dieses bereits ein Opus von 1300 Seiten. 1993 folgte eine Neuauflage seines ersten langen Prosawurfs, "Ende eines Familienromans" (erstmals dt. 1979). "Ich beschäftige mich nicht mit Problemen", erklärte Nádas einmal in einem Interview.

"Mich interessieren vielmehr Handlungen, Abläufe, Prozesse, und dabei auch nicht besonders die Ereignisse, sondern hauptsächlich die Strukturen." Die "Parallelgeschichten" spielen teils in Deutschland, teils in Ungarn und umspannen die Zeitspanne von den 1930er Jahren bis zum Mauerfall 1989. Holocaust und stalinistischer Terror kommen darin nicht direkt vor. "Nádas zeigt die Monstrosität dieses Jahrhunderts in den Menschen auf", schrieb der Lyriker Joachim Sartorius. Bereits vor fast 20 Jahren blickte Nádas dem Tod ins Auge. Ein minutenlanger Herzstillstand weckte in ihm die Empfindung, dass auch jenseits des Lebens etwas sein müsse. Seine Erfahrungen verarbeitete er in dem Buch "Der eigene Tod" (2002).

Trauer über Ungarns Entwicklung

Das epochale Werk des Péter Nádas entsteht seit fast 30 Jahren in der Abgeschiedenheit des südwestungarischen Dorfes Gombosszeg. Mit seiner Frau, der Journalistin Magda Salamon, kaufte sich Nádas dort Mitte der 1980er Jahre ein baufälliges Häuschen, das sich das Ehepaar zum behaglichen Refugium ausgebaut hat. Dennoch ist Nádas kein weltentrückter Gross-Schriftsteller im Elfenbeinturm. In gewichtigen Essays nimmt er gelegentlich zu Zeitfragen Stellung. Besonders das Scheitern seines Heimatlandes nach der demokratischen Wende erfüllt ihn mit Wehmut.

Nach sozial-liberalen Regierungen, die ziemlich verantwortungslos wirtschafteten, herrschen heute die Rechtspopulisten, sind rechter Radikalismus und Antisemitismus salonfähig geworden. "Die neue autoritäre Tradition Ungarns ist aus dem Geist der Provinz geboren; ihre Basis sind Stämme und Clans; die Republik interessiert sie nicht; ihre Affinität zu den Menschenrechten ist schwach ausgeprägt", konstatierte Nádas Ende 2011 desillusioniert. (sda)