Weniger Mitglieder, Überlastung, neue Tools

So wird 2026 - Finanzieller Druck, neue Technologien, gesellschaftlicher Wandel: Die Branchen und ihre Verbände stehen vor strukturellen Herausforderungen. Manche sind noch auf der Suche nach Lösungen, manche haben Ansätze bereits konkretisiert. Das ist der zweite Teil unserer Neujahrsumfrage.

von Sandra Porchet

 

Fabienne Sennhauser, Co-Präsidentin Impressum


Was sind die grossen Herausforderungen für das Jahr 2026 in Ihrem Bereich?
Die wirtschaftlichen Herausforderungen für Redaktionen sind gross, der Druck auf die einzelnen Mitarbeitenden nimmt weiter zu – sei es durch Sparmassnahmen, juristische Einschüchterungsversuche oder zunehmende Arbeitsbelastung. Zugleich wird die Bedeutung unabhängiger Berichterstattung immer offensichtlicher: Ohne freien Journalismus keine freie Gesellschaft. Auch im kommenden Jahr will Impressum weiter daran arbeiten, Medienschaffende rechtlich zu stärken, Missstände in der Medienpolitik aufzuzeigen und die Arbeitsbedingungen in den Redaktionen zu verbessern. Doch es fehlt das Geld. Die Mitgliederzahlen sinken von Jahr zu Jahr – weil immer mehr Menschen die Branche verlassen oder sich den Mitgliedsbeitrag nicht mehr leisten können oder wollen. Ähnlich wie in den Redaktionen müssen auch bei uns immer weniger Mitarbeitende immer mehr Aufgaben übernehmen. Eine der grössten Herausforderungen ist deshalb, den Branchenverband neu aufzustellen, damit Impressum auch in zehn Jahren noch Medienschaffende und die Pressefreiheit verteidigen kann.

Wo sehen Sie Lichtblicke, wo geht es vorwärts?
Unser Verband verfügt noch immer über viele engagierte und kreative Menschen, die für den Qualitätsjournalismus brennen. So wie jene Freiwilligen aus der Romandie, die im vergangenen Jahr das Presstival, ein Festival für den Journalismus, ins Leben riefen. 800 Teilnehmende trafen sich im ehemaligen Bieler Fussballstadion Gurzelen, um unseren Beruf zu feiern, aber auch darüber zu reflektieren. Es freut mich darum ausserordentlich, dass es im Frühsommer 2026 zu einer Wiederholung dieses Events kommt, bei dem Impressum erneut als Partner fungieren wird. Mit dem Einbezug der Deutschschweiz soll dem Ursprungsgedanken des Festivals – die Branche zusammenzubringen – noch stärker Rechnung getragen werden. Das ist für mich ein absoluter Lichtblick. Gleiches gilt für den Communication Summit, den der Zürcher Presseverein in Zusammenarbeit mit der Zürcher PR-Gesellschaft im Februar bereits zum 22. Mal organisiert. Denn ich bin überzeugt: Veränderung ist nur gemeinsam möglich!
 



Hans-Peter Nehmer, Präsident HarbourClub


Was sind die grossen Herausforderungen für das Jahr 2026 in Ihrem Bereich?
Im kommenden Jahr dürfte die wirtschaftliche Lage angespannt bleiben. Gerade deshalb wird die Rolle der Expertinnen und Experten der Unternehmenskommunikation wichtiger denn je: Sie tragen dazu bei, einschneidende Entscheide wie Restrukturierungen oder Stellenanpassungen nachvollziehbar und glaubwürdig zu vermitteln. Zwar spüren auch Corporate-Communications-Teams den Druck knapperer Budgets, während Erwartungen an Wirkung, Tempo und Qualität hoch bleiben. Das bestätigen mir viele Kolleginnen und Kollegen aus dem HarbourClub. Gleichzeitig eröffnet dieses Spannungsfeld aber auch Chancen. Kommunikationsabteilungen können ihre strategische Bedeutung noch deutlicher zeigen, indem sie Orientierung schaffen, Vertrauen stärken und Stabilität vermitteln. Mit kluger Priorisierung, klaren Botschaften und einem starken Fokus auf Dialog können wir 2026 nicht nur Herausforderungen meistern, sondern aktiv Mehrwert für unsere Organisationen stiften.

Wo sehen Sie Lichtblicke, wo geht es vorwärts?
Die Phase der starken Verunsicherung rund um KI liegt weitgehend hinter uns. An ihre Stelle ist eine pragmatische und realistische Nutzung getreten. Im Bereich Corporate Communications unterstützt uns KI bei der Recherche, bei ersten Textfassungen, bei der Übersetzung und bei Routineaufgaben. Das erhöht die Effizienz und entlastet die Teams spürbar. Gleichzeitig schaffen gestraffte Prozesse und bessere Tools neue Freiräume für strategische Arbeit, Beratung des Managements und Dialog. Klar ist aber auch: Menschliches Urteilsvermögen bleibt zentral. Es ist kaum sinnvoll, Zeitpunkt, Tonalität und Intensität der Kommunikation vollständig zu automatisieren. Spannend ist zudem die Weiterentwicklung von CommTech, insbesondere bei der Analyse von Stakeholder-Erwartungen und -Verhalten. Es bleibt abzuwarten, ob diese Technologien ihr Versprechen einlösen und dann die Basis für eine gezieltere und wirkungsvollere Kommunikation bilden können.



 

Susan Boos, Präsidentin Presserat


Was sind die grossen Herausforderungen für das Jahr 2026 in Ihrem Bereich?
Noch nie waren beim Schweizer Presserat so viele Beschwerden hängig wie Ende dieses Jahres. Was leider dazu führt, dass die Entscheide nicht so schnell gefällt werden können, wie wir uns das wünschen, da das System überlastet ist. Zudem treibt uns die sogenannte künstliche Intelligenz (KI) um: Man müsste den Umgang mit der KI im Journalismus einheitlich regeln. Zum Beispiel künstlich generierte Bilder, die aussehen, als ob es reale Fotos wären – solche Bilder sollten im journalistischen Kontext nichts zu suchen haben. Auch dann nicht, wenn sie mit «KI-generiert» angeschrieben sind. Aber lässt sich das in medienethisch praktikable Regeln giessen? Der Presserat wird sich erneut den KI-Leitfaden vorknöpfen, den er vor zwei Jahren publiziert hat. Vielleicht wird er justiert, vielleicht werden neue Richtlinien erlassen. Und dann steht dem Presserat ein finanziell schwieriges Jahr bevor.

Wo sehen Sie Lichtblicke, wo geht es vorwärts?
Das Parlament hat in der Dezembersession die parlamentarische Initiative Chassot gutgeheissen. Damit gibt es nun endlich eine gesetzliche Grundlage, die es erlaubt, den Schweizer Presserat mit Gebührengeldern zu unterstützen. Das revidierte RTVG wird aber voraussichtlich erst Anfang 2027 in Kraft treten. Das kommende Jahr sieht deshalb für den Presserat finanziell noch schwierig aus. Erfreulich ist, dass die Flut an Beschwerden eingedämmt werden dürfte. Bislang konnten jeder Mann und jede Frau gratis zwei Beschwerden pro Kalenderjahr einreichen. Was manche dazu verleitete, einfach mal eine Beschwerde zu schreiben, wenn sie sich über einen Beitrag ärgerten – auch wenn sie selber keine Zeitung abonniert haben. Kommt hinzu, dass manche Beschwerden inhaltlich nicht sehr fundiert sind, aber gleich viel Aufwand verursachen. Der Stiftungsrat des Presserates hat nun entschieden, ab dem 1. Januar eine Bearbeitungsgebühr einzuführen: Privatpersonen zahlen ab dem 1. Januar 2026 für die erste Beschwerde 100 Franken, für die zweite 200 Franken, für die dritte 500 Franken und 1000 Franken für die vierte Beschwerde. Für Organisationen und anwaltlich vertretene Personen ändert sich nichts, sie bezahlen wie bis anhin 1000 Franken. Die Bearbeitungsgebühr soll nicht dazu dienen, Mittel zu generieren, deshalb sind die Ansätze bewusst relativ tief gehalten.
 



Martina Fehr, CEO MAZ


Was sind die grossen Herausforderungen für das Jahr 2026 in Ihrem Bereich?
2026 stehen wir vor der Herausforderung, das Bewusstsein für den Wert von Aus- und Weiterbildung zu stärken und dafür, dass Investitionen in Menschen sich langfristig auszahlen. Der finanzielle Druck auf die Branche ist hoch und in solchen Zeiten wird oft zuerst bei der Ausbildung gespart, mit deutlich spürbaren Folgen: Unsere renommierte Diplomausbildung Journalismus startet mit einer historisch kleinen Klasse. Gleichzeitig kämpfen Medienunternehmen damit, Nachwuchstalente zu gewinnen und für den Beruf zu begeistern. Diese Entwicklung stimmt nachdenklich und spiegelt die aktuelle Stimmung in der Medienbranche deutlich wider.

Wo sehen Sie Lichtblicke, wo geht es vorwärts?
Die Zusammenarbeit mit der NZZ im Bereich «Digitales Wissen» führen wir 2026 fort. Für die Redaktion haben wir eine dreitägige KI-Schulung entwickelt, in der über 200 Journalist:innen weitergebildet werden. Das freut uns besonders, denn nur wer sich fundiert mit KI auseinandersetzt, kann das Potenzial von KI nutzen, ohne die journalistische Verantwortung aus der Hand zu geben. Ein wichtiger Meilenstein ist das gestartete Anerkennungsverfahren für die Höhere Fachschule «Journalismus & Medienkompetenz». Damit soll unsere bisher non-formale Diplomausbildung Journalismus eine staatlich anerkannte Grundlage erhalten. Die Anerkennung als Höhere Fachschule stärkt unseren Bildungsauftrag, sichert die Anschlussfähigkeit im Schweizer Bildungssystem und fördert eine Qualitätsentwicklung, die für die gesamte Branche zentral ist.
 



Jan De Schepper, Präsident SWA


Was sind die grossen Herausforderungen für das Jahr 2026 in Ihrem Bereich?
2026 steht im Zeichen von Zurückhaltung und steigender Komplexität. Budgets bleiben unter Druck, Entscheidungen werden kurzfristiger und stärker performancegetrieben. Gleichzeitig fragmentiert die Mediennutzung weiter, während KI die Prozesse, Kreation und Planung grundlegend verändert. Die zentrale Herausforderung für Werbeauftraggeber besteht darin, Transparenz, Wirksamkeit und Markenqualität auch in hoch automatisierten Kommunikationssystemen zu sichern. Gleichzeitig wächst die Abhängigkeit von wenigen dominanten Plattformen, deren Mechanismen und Messlogiken wenig transparent sind.

Wo sehen Sie Lichtblicke, wo geht es vorwärts?
Der Fokus verschiebt sich von Quantität zu Wirkung. Qualität, Verlässlichkeit und messbarer Impact gewinnen an Bedeutung. Dies ist eine Entwicklung, die der SWA klar unterstützt. Fortschritte bei Messmodellen, der gezielte Einsatz von KI sowie ein wachsendes Bewusstsein für Brand Safety und Qualitätsumfelder schaffen neue Effizienz. Wer auf starke Marken, vertrauenswürdige Medien und partnerschaftliche Zusammenarbeit setzt, wird auch in einem anspruchsvollen Umfeld erfolgreich bleiben.



Guido Keel, Leiter IAM ZHAW


Was sind die grossen Herausforderungen für das Jahr 2026 in Ihrem Bereich?
Der Einfluss von KI auf die Kommunikations- und Medienberufe bleibt aus unserer Sicht zentral. Das bedeutet einerseits, mit dem damit verbundenen potenziellen Verlust an Vertrauen und Glaubwürdigkeit der medialen Kommunikation umzugehen. Für uns als Institut der ZHAW bedeutet es andererseits, die Mitarbeitenden zu befähigen, um mit dem Tempo der KI-Entwicklung mitgehen zu können.

Wo sehen Sie Lichtblicke, wo geht es vorwärts?
Wir sehen, dass Medienprofis sowohl im Journalismus als auch in der strategischen Kommunikation schnell gelernt haben, KI auf sinnvolle und reflektierte Art in ihre Arbeit einzubauen. Wir unsererseits haben es geschafft, in kurzer Zeit neue Kompetenzen aufzubauen und entsprechende Bildungsangebote zu entwickeln. Es gilt, die nötige Offenheit, aber auch die kritische Haltung zu bewahren und uns mit der KI ständig weiterzuentwickeln.
 



Siri Fischer, Geschäftsführerin IGEM


Was sind die grossen Herausforderungen für das Jahr 2026 in Ihrem Bereich?
Auch 2026 bleibt Forschung der zentrale Schwerpunkt der IGEM. Besonderes Augenmerk gilt der Erhebung und Verifizierung von Nutzungsdaten aus neuen Verbreitungswegen – für Bewegtbild, digitale News und den Audiobereich. Im Zentrum stehen für uns dabei eine vergleichbare Abbildung der Werbekontakte und möglichst übergreifende Kampagnendaten. Die wirtschaftliche Lage prägt den Werbemarkt. Wir sehen eine zunehmende Tendenz, die Werbung für frei handelbare Produkte und Dienstleistungen immer stärker einschränken oder gar verbieten zu wollen. Damit geraten die Medienvielfalt und werbefinanzierte Medien nochmals zusätzlich unter Druck.

Wo sehen Sie Lichtblicke, wo geht es vorwärts?
Wir starten 2026 mit einer Vielzahl von spannenden Projekten. Am 5. März geht es los mit dem DOOH Day zu Programmatic, Forschung, Werbefreiheit und Retail-DOOH. Parallel entwickeln wir unsere Studie Digimonitor weiter, um die Veränderungen in der Nutzung von elektronischen Medien und Geräten abzubilden. Damit werden Trends in der Nutzung von Video, Audio, Gaming und KI noch stärker greifbar. Am 25. August präsentieren wir dann bereits die dreizehnte Ausgabe des Digimonitors. Dank der kontinuierlichen Zusammenarbeit mit der Stiftung Werbestatistik können wir Einblicke in die Werbeeinnahmen von Social Media, YouTube und Suchmaschinen geben und damit die Transparenz im Digitalmarkt fördern. Unseren Crashkurs Mediaplanung führen wir im Jahr 2026 gleich dreimal durch. Insgesamt greifen wir aktuelle Themen rund um die kommerzielle Kommunikation auf und unterstützen alle Initiativen, welche die Transparenz und Vielfalt der elektronischen Medien fördern.



In der dreiteiligen Umfrage «So wird 2026» fragen wir Vertreter der Medien-, Werbe- und Kommunikationsbranche, welche Herausforderungen und Lichtblicke im neuen Jahr zu erwarten sind. Das ist die Übersicht.