03.01.2007

Wie die Musikbranche die Wertschöpfungskette erweitern will

Universal Music baut Stars auf, nimmt sie unter Vertrag, macht sie berühmt. Doch wenn sie berühmt sind, schliessen Stars selbst Verträge mit Markenartiklern ab. Davon hat der Musikverlag jedoch nichts. Universal-Music-Chef Ivo Sacchi sagt im Interview mit "persoenlich.com", wie er die Wertschöpfungskette erweitern will.
Wie die Musikbranche die Wertschöpfungskette erweitern will

Herr Sacchi, wie verändert sich derzeit das Business-Modell Ihres Unternehmens?

In der Vergangenheit nahm die Plattenfirma nur die musikalischen Rechte unter Vertrag. Sie produzierte das Album, die Musikvideos und machte die Vermarktung, das war’s. Heute wollen wir an der gesamten Wertschöpfungskette des Künstlers beteiligt sein; Merchandising, Sponsoring, Konzertauftritte. Schliesslich ist es die Record Company, die einen Künstler als Marke aufbaut und somit im Risiko steht.

Können Sie mir ein aktuelles Beispiel geben?

Zum Beispiel The Pussycat Dolls.

Funktioniert das Modell auch bei grossen Stars?

EMI hat ein solches Package mit Robbie Williams. Wir noch nicht. Es geht um viel Geld, da stellt sich immer die Frage, wollen wir wirklich ins Risiko gehen? Man muss das langsam angehen. Die grossen Künstler haben alle bereits ihre Strukturen mit einem Mitarbeiterstab.

Wie wird jemand Botschafter für eine Marke?

Bei Musikstars kennt man diese Zusammenarbeit noch weniger als bei Filmstars. Allerdings gibt es im Bereich Urban einige Werbeträger für Luxusmarken.

Warum gerade Hip Hop, der von der Strasse kommt und nicht in den obersten Schichten spielt?

Gangsta-Rap und Hip Hop umgeben sich einfach mit Luxusmarken -- Alkohol, Schmuck, Autos -- und die Marken erkannten, dass dadurch ihr Umsatz steigt. Also kamen die Markeninhaber auf die Idee, mit den Künstlern zusammenzuarbeiten. Nicht weil die Firmen dachten, das sei cool, sondern weil die Bands das dachten.

Aber warum gerade Hip Hop?

Weil der Hip Hop in den letzten fünf Jahren alles hinter sich gelassen hat in den USA. Hip Hop ist neben Rock das wichtigste musikalische Genre und beeinflusst Mode und Lifestyle.

Wer sind die Federführenden?

Jay-Z, Snoop Dogg, Kanye West, Eminem.

Welches ist Ihre Aufgabe?

Universal Music ist in 75 Ländern vertreten. Acts werden in jedem Land zu unterschiedlichen Bedingungen unter Vertrag genommen. Meine Aufgabe ist, mit einem Team von 45 Mitarbeitern herauszufinden, was in der Schweiz funktioniert und was nicht. Dann geht es darum, die geeigneten Kollaborationen herauszufinden.

Was heisst das?

Die Deals verändern sich, seit immer mehr Musik über digitale Medien verkauft wird, über iTunes, Exlibris oder Sunrise. Die Schweiz gehört zu den Ländern, in welchen prozentual am meisten Songs vom Web heruntergeladen werden. Zwar ist die CD immer noch unser Kerngeschäft, aber gemäss Prognosen werden um 2010 schon ein Viertel aller verkauften Songs durchs Web distribuiert sein.

Wie sieht das Business-Modell aus?

Wir bezahlen den Künstler und die Produktion, dafür erhalten wir zirka 90 Rappen von einem Song, der für 1.50 Franken heruntergeladen wird. Was sich nun durch die digitalen Technologien vollkommen verändert hat, ist, dass wir früher mit 20 Prozent der Künstler 80 Prozent des Umsatzes generiert haben. Heute verhält es sich umgekehrt.

Wie das?

Weil man vom Web hauptsächlich Einzelsongs herunterlädt. Auch von unbekannten Bands, von denen man keine CD kaufen würde. Die Hunderttausende von Einzelsongs generieren mehr Umsatz als die paar Top-Sellers. Das gibt uns die Möglichkeit, den ganzen Katalog der Musikindustrie zu digitalisieren, Songs, für die es sich früher nicht lohnte, eine CD herzustellen und zu vermarkten.

Sie haben vor Kurzem das Package "EAR’Dis" mit Sunrise geschnürt. Worum geht es?

Wir suchen ständig nach neuen Verbreitungsquellen, und da ist die Telekommunikation naheliegend, die Welt der Handys. Ich glaube, dass das Handy sich immer stärker zum iPod wandelt, zumal man problemlos direkt bezahlen kann. Sunrise hat Musik als strategische Stossrichtung, deshalb ist der Partner ideal für uns. Wir liefern den Urban Content, Sunrise die Distribution.



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