Frau Graber, was bezweckt eigentlich das Migros-Kulturprozent?
Beim gesellschaftlichen Engagement der Migros – zu dem neben dem Migros-Pionierfonds und dem Unterstützungsfonds auch das Kulturprozent gehört – steht der Mensch im Mittelpunkt. Mit unseren Angeboten für verschiedenste Zielgruppen engagieren wir uns für eine vielfältige, offene und zukunftsfähige Gesellschaft. Unsere Aufgabe ist es, einen Beitrag für den «Kitt» in der Gesellschaft zu leisten. Menschen unterschiedlichster Herkunft sollen an der Gesellschaft teilhaben können. Deshalb schaffen wir Angebote für unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen.
Warum hat Gottlieb Duttweiler das Kulturprozent ins Leben gerufen?
Wirtschaftlicher Erfolg verpflichtet zu nachhaltigen Investitionen in die Gesellschaft – davon waren Gottlieb und Adele Duttweiler überzeugt. So begann vor über siebzig Jahren das gesellschaftliche Engagement der Migros. Gottlieb Duttweiler wollte der wachsenden materiellen Macht stets noch grössere soziale und kulturelle Leistungen zur Seite stellen. 1957 wurde das Kulturprozent als gleichberechtigter Zweck neben dem unternehmerischen Zweck in die Statuten der Migros aufgenommen.
«Insgesamt beläuft sich das Migros-Engagement auf rund 160 Millionen Franken jährlich»
Gab es internationale Vorbilder?
Soweit ich weiss, ist unser Engagement weltweit einzigartig. Es gibt keine vergleichbare Firma, die auf diese Weise kontinuierlich in die Gesellschaft investiert. Das Migros-Kulturprozent ist vom Umsatz abhängig. Das bedeutet, dass stets Mittel für die Förderung von Projekten zur Verfügung stehen, egal, wie der Gewinn aussieht. Seit 1957 waren dies über 5,3 Milliarden Franken.
Wie viel Geld steht Ihnen dieses Jahr zur Verfügung?
Insgesamt beläuft sich das Migros-Engagement auf rund 160 Millionen Franken jährlich. Dazu gehören neben dem Migros-Kulturprozent (2022: 139 Millionen Franken) auch der Migros-Pionierfonds (2022: 16 Millionen Franken) und der Unterstützungsfonds (2022: 1 Million Franken), gespiesen durch die zehn Genossenschaften.
Wie verteilen Sie dieses Geld?
Die regionalen Genossenschaften fördern in den jeweiligen Regionen niederschwellige Projekte. Auf nationaler Ebene investieren wir im Bereich Kultur zu gleichen Teilen in die Kulturschaffenden und ins Publikum. Es gibt Formate, die sich ganz gezielt an die Kulturschaffenden richten, wie etwa m2act, das Förder- und Netzwerkprojekt des Migros-Kulturprozents für die darstellenden Künste, oder Sparx, eine Förderinitiative für junge Kulturschaffende zwischen 18 und 25 Jahren. Bei Publikumsprojekten setzen wir auf unterschiedliche Vermittlungsformate, um möglichst vielen Menschen die Möglichkeit zur Teilhabe zu bieten. Das reicht von Kinder-Vernissagen im Migros-Museum für Gegenwartskunst bis zu Angeboten für Vereine im Rahmen unserer Tanzbiennale Steps. Daneben lancieren wir Programme, die ein breites Publikum im Fokus haben, zum Beispiel die Mitmachinitiative zum Thema Nachbarschaft, bei der sich die Bevölkerung in der Schweiz aktiv beteiligt, sei es mit eigenen Ideen oder beim Voting. Wir entwickeln unsere Aktivitäten stets unter Einbezug der jeweiligen Zielgruppen, was es uns ermöglicht, schnell und unbürokratisch auf die sich verändernden Bedürfnisse einzutreten.
Wie viele Projekte werden jährlich berücksichtigt?
Als privater Kulturförderer geben wir dazu keine Zahlen bekannt.
«Wir wollen gezielt Akzente bei zukunftsweisenden gesellschaftlichen Fragestellungen setzen»
Worauf legen Sie den Schwerpunkt?
Wandel ist die neue beständige Konstante. Deshalb wollen wir gezielt Akzente bei zukunftsweisenden gesellschaftlichen Fragestellungen setzen. Als Beispiel kann ich die breit gefassten Themen «Zusammenleben» und «Klima und Ressourcen» nennen. Hier unterstützen wir mit dem Migros-Pionierfonds zum Beispiel Projekte in der Kreislaufwirtschaft. Einen weiteren Schwerpunkt möchte ich auch unbedingt erwähnen: das Thema Technologie und Ethik! Das ist in unserer Zeit virulent und relevant, denken wir nur an all die Inhalte, die im Internet herumgeistern. Hier haben wir Stop Hate Speech unterstützt. Das ist ein Algorithmus, der im Netz nach Hassreden sucht und sie herausfiltert. Technologie wird hier genutzt, um ethische Fragen zu beantworten.
Machen Sie bei der Vergabe von finanziellen Mitteln Vorschriften zur Handhabung?
Grundlage für die Förderung sind klar definierte Kriterien. Diese wenden wir konsequent an und können so auch mittelfristig beurteilen, welche Wirkung mit den zur Verfügung gestellten Mitteln erzielt wurde. Erfolgsziele werden nicht nur festgelegt, sondern auch evaluiert, oft im Dialog mit den Geförderten. Es ist uns wichtig, dabei auch etwas zu lernen, etwa über die Gründe, die zum Beispiel zum Scheitern eines Projekts geführt haben.
Hat sich die ideelle Ausrichtung der ausgezeichneten Projekte bis heute stark verändert?
Wir haben die Chance, das Erbe von «Dutti» kontinuierlich zu professionalisieren und weiterzuentwickeln. Das ist eine verantwortungsvolle Aufgabe und bedeutet auch, dass wir unsere Engagements regelmässig überprüfen. Wir wollen mit den Entwicklungen der Gesellschaft Schritt halten und müssen uns entsprechend auch von Projekten verabschieden, die gut laufen, was nicht immer für alle Beteiligten einfach ist.
«Politisch aktivistische Projekte entsprechen jedoch nicht unseren Kriterien»
Werden «nur» politisch korrekte Projekte finanziert?
Wir stehen klar für eine diverse und inklusive Gesellschaft ein. Das bedeutet, dass wir manchmal Themen aufgreifen, bevor diese mehrheitsfähig sind. Politisch aktivistische Projekte entsprechen jedoch nicht unseren Kriterien. Wir wollen einen Beitrag zum gesellschaftlichen Zusammenhalt und nicht zu einer zugespitzten Kontroverse leisten.
Sie sind seit bald zwanzig Jahren Direktorin Gesellschaft & Kultur beim Migros-Genossenschafts-Bund. Wie hat sich das gesellschaftliche Engagement der Migros in den vergangenen zwei Jahrzehnten verändert?
Wir setzen auf kontinuierliche Weiterentwicklung, kritische Reflexion und den Austausch auf Augenhöhe mit unseren Stakeholdern. Auf strategischer Ebene ist das gesellschaftliche Engagement eines der vier wichtigsten Ziele geworden. Darauf sind wir stolz, weil es zeigt, dass die Migros-Gruppe ihre Verantwortung für die Gesellschaft ernst nimmt.
Vergangenes Jahr wollte die Migros-Spitze das Alkoholverbot aufheben und ist schliesslich damit gescheitert. Wurde das Kulturprozent intern auch schon infrage gestellt?
Das Migros-Kulturprozent ist in den Statuten der Migros verankert. Die Delegierten bestimmen über Anträge zur Anpassung der Statuten. In diesem Zusammenhang stand das Kulturprozent noch nie zur Diskussion. Im Gegenteil, ich sehe, dass auch die Delegierten die sehr unterschiedlichen Aktivitäten des gesellschaftlichen Engagements der Migros schätzen.
Welches ist Ihr Lieblingsprojekt, das unterstützt wurde?
Ich habe ganz bewusst kein Lieblingsprojekt. Mich interessieren generell Initiativen, die es wagen, Neuland zu betreten, mit dem Ziel, die Gesellschaft weiterzubringen und die Menschen teilhaben zu lassen an den Entwicklungen. Und dann erlebe ich immer wieder, wie viel Freude Kultur in ihren unterschiedlichsten Formen machen kann!
Hedy Graber
Hedy Graber leitet seit 2004 die Direktion Gesellschaft & Kultur beim Migros-Genossenschafts-Bund. Sie verantwortet in dieser Funktion die Ausrichtung der kulturellen und sozialen Projekte des Migros-Kulturprozents. Unter ihrer Leitung entstand 2012 der Migros-Pionierfonds. 2015 wurde sie zur Europäischen Kulturmanagerin des Jahres gewählt.
Sie studierte an der Universität Genf Kunstgeschichte und Germanistik sowie Fotografie an der Ecole d’Arts Visuels. Nach ihrem Studium wurde sie 1990 Co-Leiterin der Kunsthalle Palazzo in Liestal. Anschliessend war sie bei der Galerie Fischer Auktionen in Luzern als Direktorin der Abteilung für moderne Kunst tätig. 1998 übernahm sie die Funktion der Beauftragten für Kulturprojekte im Kanton Basel-Stadt, bevor sie 2004 als Leiterin der Direktion Kultur und Soziales zum Migros-Genossenschafts-Bund nach Zürich wechselte.
Das Interview stammt aus der aktuellen persönlich-Printausgabe.