Bereits am 19. November widmete persoenlich.com dem Werbetexter und frischgebackenen Romanautor Thomas Meyer ein grosses Interview. Doch es gibt gute Gründe nun nochmals beim 39-jährigen Zürcher anzuklopfen: Gegen 20'000 verkaufte Bücher, sowie neue Deals für die Taschenbuchausgabe und die Filmrechte. Meyers "Wolkenbruch" ist in aller Munde.
Herr Meyer, Ihr Buch "Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse" hat sich in den letzten Wochen und Monaten schon fast zu einem must read entwickelt. Rund 18'000 Bücher gingen bereits über den Ladentisch – eine enorme Zahl für einen Schweizer Roman. Wie erklären Sie sich das?
Ich habe grosse Freude an der deutschen Sprache, auch an der jiddischen, und ich habe Freude an Humor. Mit alledem scheine ich erfreulicherweise nicht allein zu sein.
Kürzlich unterhielten sich in meiner Küche zwei Bekannte – beide Pendlerinnen – über Ihr Buch. Sie meinten: In der S-Bahn lese derzeit jeder dieses Schicksen-Buch. Das müsse man wohl unbedingt lesen. Ihr ungewöhnlichstes Erlebnis mit dem Buch?
Alles, was ich mit diesem Buch erlebe, ist ungewöhnlich. Beispielsweise die Anekdote, die Sie gerade erzählt haben. Ein schönes Bild, eine S-Bahn voller Wolkenbrüche.
Das Buch eignet sich auch als Filmvorlage. Hat sich da schon etwas ergeben?
Ja, eine Zürcher Produktionsfirma hat sich die Rechte gesichert. Mehr darf ich aber nicht dazu sagen.
Das Buch war ja eigentlich ein Spätzünder, oder?
Ich oder das Buch? Ich habe es geschrieben, als ich mich handwerklich bereit fühlte und die Eingebung hatte. Da war ich halt schon 37.
Ich meinte eigentlich eher das Buch...
Dazu kann ich wenig sagen. Die Dynamik des Büchermarktes ist oft unergründlich. Ich glaube aber, ein unbekannter Autor ist nicht sofort nach Erscheinen des Buches bekannt. Das braucht Anlaufzeit. Ein neuer Suter ist da natürlich schneller.
Im Frühjahr 2014 erscheint der Roman als Taschenbuch bei Diogenes. Sie hatten einige wesentlich höher dotierte Verträge vorliegen. Wieso haben Sie sich für den Zürcher Verlag entschieden?
Die Entscheidung oblag nicht mir allein. Der Name Diogenes stand mir am nächsten, weil er mich seit Jahrzehnten begleitet. Ich fühlte mich daher bereits ein wenig zuhause.
Diogenes lizenziert nur selten Bücher anderer Verlage für die Taschenbuchausgabe. Wieso Ihres?
Diogenes ist es wohl ergangen wie mir und den 18’000 Käufern: Sie mögen den Wolki, die Hauptfigur des Romans.
Wie kommt das Buch eigentlich im deutschsprachigen Ausland an?
Wolki wird auch dort herzlich aufgenommen. Bei den Lesungen herrscht immer sehr gute Stimmung. Laut meinem Verlag habe ich bislang etwa 4000-5000 Bücher im Ausland verkauft.
Für die ADC Festzeitschrift, die der Februarausgabe von "persönlich" beiliegt, haben Sie ein Interview mit dem ehemaligen Starwerber Reini Weber geführt. Was fasziniert Sie an ihm?
Wir haben uns von Anfang an gut verstanden, als er mich 1999 zu Weber, Hodel, Schmid, holte. Er imponiert mir noch heute mit seinem Sprachgefühl und der Tatsache, dass er eigenständig denkt. Man hört von ihm Meinungen, die diesen Begriff wirklich verdienen.
Ist an Ihnen vielleicht gar ein Starwerber verloren gegangen?
Ich bin froh, fragen Sie nicht, ob an mir ein Schriftsteller verloren gegangen sei.
Kann man wirklich gleichzeitig Werber und Romanautor sein?
Nein, wenn man in Rollen denkt. Ja, wenn man in Sprache denkt.
Haben Sie eigentlich ein Lieblingswort auf Jiddisch?
Ja, die jiddische Bezeichnung für E-Mail: blitzbrief!
Mordechai, genannt "Motti", Wolkenbruch, die Hauptfigur Ihres Romans, lebt als orthodoxer Jude in einer sehr abgeschotteten Welt. Als er dann langsam die Unsrige entdeckt, lernt er Dinge wie Pommes Chips kennen. Ist das wirklich realistisch? Wissen Orthodoxe nicht was Chips sind?
Ob Chips wirklich unbekannt sind, weiss ich nicht. Ich weiss aber, dass die Orthodoxen sehr abgeschottet leben und vieles wirklich nicht kennen. Kurz: Ich habe es mir so zusammengereimt.
Haben Sie schon eine Idee, wie Sie nachdoppeln können? Kommt jetzt "Wolkenbruchs Reise in eine wolkenfreie Zone?" Oder haben Sie mit dem Judentum als Thema vorerst abgeschlossen?
Mein nächster Roman wird sich einem ganz anderen Thema widmen: dem Soldatenkönig Friedrich Wilhelm I. Aber Ihr Titelvorschlag ist einen Gedanken wert.
Interview: Adrian Schräder/Bilder: Keystone