Ich bin immer noch fassungslos über diesen einen Case. Ein paar Tage zuvor sassen wir in unserem kleinen Jury-Raum der Kategorie Promo & Activation und starrten fassungslos auf den Bildschirm. Da ging es in einem Case darum, sein Tablet mit dem Penis zu steuern. Man wischt also nicht mit dem Finger über den Screen, sondern mit seinem besten Stück. Die weiblichen Jury-Kollegen hielten die Hand vor den Mund und kuckten hilfesuchend durch den Raum. Die männlichen wollten es direkt ausprobieren. Und alle fragten sich: Was macht dieser Case hier? Was zur Hölle ist das?
Stellt euch mal diese Situation vor:
Hey, Sohnemann, darf ich mal kurz dein iPad haben, ich muss kurz diese supercoole Penis-Swipe-App für Kondom-Fabrik xy ausprobieren.
Jetzt denkt ihr sicher: Ach, immer diese Extreme, das war doch sicher nur ein Einzelfall. Nein, nein, nein. War es leider nicht. "The Bush Project" für einen Rasierer für Frauen war ein ähnlicher Fall. Ich gehe nicht näher darauf ein, sonst komme ich noch auf die Idee, mir eine Yucca-Palme in meinen Bart zu rasieren.
Und noch eine Sache war auffallend in der Jury: die Resultate. Gott, was haben die alle für Resultate erzielt. Mit einer Bierdeckel-Promotion wurden 7,2 Milliarden Menschen erreicht, Media Earnings im Wert von 500 Millionen erzielt, und die Welt wurde mit dem Bierdeckel auch noch gerettet. Das ganze zwei Minuten lang. Und zappen ist verboten! Das ist Folter. Aber kommen wir endlich zu dem, was Cannes ausmacht. Unter den vielen Einsendungen liessen sich auch viele Perlen finden. Das Wegweisende, das Fantastische, das, was einen neidisch macht. Der Grand Prix in meiner Kategorie geht dieses Jahr völlig verdient an Harvey Nichols für ihre Weihnachtskampagne "Sorry, I spent it on myself". Was für ein wunderbarer Insight! Eine Kampagne, die mit ganz viel Humor und Liebe zum Detail umgesetzt wurde. Und übrigens: Eine fast klassische Kampagne, also fast schon ein Gegentrend zu all den übertrieben vernetzten Bierdeckel-Ideen.
Auch die Schweizer Arbeiten kamen in dieser Kategorie sehr gut weg. Die "Mannequins" von Jung von Matt haben die Jury begeistert und es bis auf hochverdientes Silber geschafft. Glückwunsch an die Kollegen an dieser Stelle. FCB Zürich darf gleich zwei Löwen mit nach Hause nehmen. Einen in Silber für das "Klassische Band Merchandise" für das Schweizer Jugend-Sinfonie-Orchester. Und einen weiteren in Bronze für die neue Facebook-App von MTV mobile/Sunrise Communications AG, die Emotionen direkt in passende Typographien umwandelt ("The Emography Project"). Ein furioser Auftakt für unsere Nati bei der Kreativ-Weltmeisterschaft.
Drückt mit mir die Daumen für viele weitere Kreativ-Weltmeister aus unserem Land!
Jetzt ist es aber Zeit, unsere beiden wunderbaren FCB Löwen zu feiern. Ich betrinke mich jetzt und morgen Früh werde ich bestimmt wach, das iPad liegt neben mir auf dem Bett und diese seltsame App ist noch aktiviert.
Herzliche Grüsse aus Cannes!
Dennis Lück ist Executive Creative Director bei FCB Zürich und Jury-Mitglied beim Cannes International Festival of Creativity 2014