Cannes man sich geben

Cannes Lions 2014 - Simon Rehsche, Strategy Director von TBWA\ Zürich, über das, was hängen bleibt.

So, das war's. Mit bronzenem Teint und Sand zwischen den Zehen gehts zurück Richtung Schweizer Sommer. Das Problem übergewichtigen Gepäcks aufgrund zu vieler Löwen ergibt sich nicht und so können wir uns entspannt zurücklehnen und die vergangenen Tage Revue passieren lassen. Idealerweise lohnt sich eine solche Woche - denn Ferien machen kann man auch etwas günstiger. Was bleibt neben Champagnerflecken auf dem weissen Sommeranzug und von Austern verklebten Zähnen sonst noch so hängen von einer Woche Cannes?

Da sind zunächst die generellen Erkenntnisse, dass französische Getränketräger nach wie vor in ihrer Freundlichkeit vergleichbar sind mit derjenigen, die ihre Nationalspieler Steve von Bergen am vergangenen Freitag zukommen liessen. Und dass es der internationalen Werbeindustrie offensichtlich so schlecht nicht mehr geht nach einigen schwereren Jahren. Den einen oder anderen Spass gönnt man sich durchaus und die Getränkevorräte reichen auch über die Dämmerung hinaus. Das lässt sich alles gut ertragen.

Der Trip zur heiteren Zusammenkunft lohnt sich aber auch aus nüchterneren Gründen. Und dies nicht primär wegen der Shortlist-Ausstellungen, die zugegebenermassen auch dieses Jahr viele überzeugende Arbeiten boten. Vieles hängt dort aber auch, was passender in einer neu zu schaffenden Kategorie "Bilderrätsel" aufgehoben wäre. Auch wenn ich Rätsel grundsätzlich mag, bleibt von Cannes anderes stärker in Erinnerung, wenn mans vor Sonnenuntergang aus dem Bett schafft. Cannes ist nämlich vor allem wegen den meist 45-minütigen Seminaren und Workshops potent.

Sucht man sich in dem Programm, welches sich bzgl. Vielfalt nicht hinter dem Vorlesungsverzeichnis einer mittelgrossen Uni verstecken muss, das Passende aus, bekommt man richtig eins auf die Ohren und ins Hirn gebrannt. Und darf feststellen, dass wir wirklich in der erfüllendsten Branche tätig sein dürfen, die nach wie vor ganz grosses hervorbringt und ermöglicht. Während in den letzten Jahren dabei häufig die Möglichkeiten neuer Kommunikationskanäle mehr Aufsehen erregt haben, als Ideen hinter Kampagnen selbst, hat sich dies für mich dieses Jahr wieder ein wenig normalisiert. Zum Glück. Und bekommt man dann die grossen Ideen von den Köpfen, in denen sie entstanden sind, präsentiert, fühlt man sich - unter anderem auch wegen dem immer wieder tosenden Applaus und angelsächsischem Begeisterungsglucksen während den Shows - wie in einer Kathedrale, in der Menschen zu einem sprechen, denen man einfach nur glaubt.

Persönlich haben mich allen voran zwei Veranstaltungen beeindruckt, von denen einiges hängenbleibt. Zum einen die Show von den Köpfen hinter der gerade eben für drei Milliarden Dollar an Apple verkauften Marke Beats by Dre. Die Einfachheit überzeugender Grundsätze für die Markenführung, die offensichtliche Intuition für das Schaffen einer Markenikone innerhalb kurzer Zeit, Kampagnen mit ins Detail geplanten Gesamtkonzepten und daraus schlussendlich entstandenen Filmen, die WM-Spots von Nike alt aussehen lassen.

Das zweitgrösste Hängengebleibsel ist bei mir ein Workshop in kleinem Rahmen, in dem das Erfolgsgeheimnis von Religionen geknackt und in sechs Prinzipien als Rezept für die Markenführung aufbereitet wurde. Der Kontakt mit Leuten von Agenturen aus der ganzen Welt fand dort zur Abwechslung tagsüber statt. Und damit grösstenteils ohne Lallen und ohne Schweissflecken unter schon viel zu lange getragenen T-Shirts. Neben Inhaltlichem, Brauchbarem, zum Denken Anregendem, bleibt aus diesem Kurz-Workshop die Erkenntnis, dass auch am weltweit rennomiertesten Werbefestival eines nicht fehlt: Fragen aus dem Publikum, die im besten Fall selbst schon die Antwort, im schlechtesten Fall einfach nur überflüssig sind. Wenn ich etwas ändern könnte an Cannes würde ich deshalb die Fragemöglichkeiten fürs Publikum abschaffen. Wird aber wohl schwierig.

Insgesamt bleibt mir diese intensive Woche sicher länger in Erinnerung. Und allein schon deshalb kann ich für mich sagen: Daumen hoch, Cannes lohnt sich.

Simon Rehsche ist Strategy Director bei TBWA\ Zürich.