«Das Zugeben von Schwäche ist meine grösste Stärke»

Simon Hofer - Jahrelang hat der Berner Werber gegen eine psychische Krankheit gekämpft. Nun reflektiert er seinen Werdegang in der Autobiografie «Und jetzt erst recht». Ein Gespräch über sein Notfall-Set, verschwiegene Probleme in der Werbeszene und seine Storytellerwäscher-Karriere.

von Anna Sterchi

Herr Hofer, der Untertitel Ihrer kürzlich erschienenen Autobiografie lautet: «Wie ich meine psychischen Probleme mit Kreativität in Erfolg umwandelte». Geht das so einfach?
Nein, natürlich geht das nicht so einfach. Wir sind alle hochkomplexe Wesen, die dauernd in einem Gefüge und in Interaktion mit einem hochsensiblen System stehen. Es war bei mir aber so, dass die Kreativität, das Suchen nach guten Ideen und das Gestalten immer ein Eskortboot beim schwimmenden Überqueren meines schwierigen Atlantiks waren.

Was war ausser der Kreativität hilfreich?
Eine gesunde Psyche und eine hohe Resilienz bekommt man nur, wenn viele relevante Faktoren wie ein guter Therapeut, ein stabiles Beziehungsnetzwerk, Ordnung und nicht minder eine finanziell stabile Lebenssituation ineinandergreifen können. In vielen Fällen kann eine gut eingestellte «low-lose»-Medikation, wie sie zum Beispiel mit Antidepressiva erreicht werden kann, viel Leid reduzieren. Ich konnte meine psychopharmakologische Therapie vor fünf Jahren beenden. Ich habe aber in meinem «First Aid Kit», das ich stets auf mir trage, eine Nothelfer-Tablette bei mir, so wie es jemand macht, der einen zu hohen Blutdruck hat. Diese Tablette könnte ich in einer Extremsituation einnehmen.

«Der kreative Mensch oder Künstler hat ein Geschenk mit auf den Weg bekommen, dies hat aber seinen Preis»

Ihr Buch ist eine Mischung zwischen Autobiografie und Lebensratgeber mit fundierten psychologischen Ratschlägen. Erwägen Sie in absehbarer Zeit einen Karrierewechsel Richtung Psychotherapie?
Ich habe mir dies schon oft überlegt. Obwohl ich gerne mit anderen Menschen lange Gespräche führe, wäre mir die Last im «one-to-one»-Gespräch zu nahe. Ich könnte mich auf Dauer zu schlecht abgrenzen, die Geschichten und Schicksale würden mich wahrscheinlich zu fest belasten. Was ich aber neu ab 2019 anbieten will, sind Referate, Podiumsdiskussionen und kleine, feine Seminare (glueckskuenstler.com). Dort will ich mein grosses, über 20-jähriges praktisches Wissen in Bezug auf psychische Krankheiten weitergeben. So ist der energetische Aufwand jeweils absehbar, ich kann mich danach erholen und darüber reflektieren. Ich werde immer Werber und Art Director sein wollen. Mir macht mein Job nach wie vor grossen Spass. In dem Sinne ist meine Antwort auf Ihre Frage ein Sowohl-als-auch.

Sie schreiben, dass Ihnen die Kreativität aus der Krise geholfen habe. Gleichzeitig sagt die Medizin, dass kreative Leute eher zu Psychosen und Depressionen neigen. Ein Widerspruch?
Auch hier ein Sowohl-als-auch. Wir alle sind zu einem gewissen Grad einer bipolaren Energie ausgesetzt. Wenn wir oben aufschwingen und kreativ sind, müssen wir immer auch wieder «im Unten» abtauchen. Dies hat auch mit dem Stoffwechsel im Hirn zu tun. Diese Manie und die daraus folgende Depression, die bei den einen stärker und bei den anderen schwächer ist, ist laut einer Studie nötig, um die Evolution in Gang zu halten. Ansonsten hätten wir eine Nulllinie wie beim EKG und wären tot. Wenn aber die systemische Lebensstabilität zu «bodenlos» ist, hebt man ab und driftet in einen anderen Raum, der mit der realen Welt nicht mehr korrespondiert.

Und dann?
Der Sturz danach ist enorm, so dass man in eine schwere Depression oder eine Psychose abrutschen kann. Wir leben in einer Welt, in der Perfektion und dauernder Erfolg zählen. Dies erachte ich als eine gefährliche Entwicklung. Wir Menschen sind imperfekt und müssen lernen unsere Balance zu halten sowie auch Rückschläge zu akzeptieren. Der kreative Mensch oder Künstler hat ein Geschenk mit auf den Weg bekommen, dies hat aber seinen Preis – wie alles im Leben.

«Ich musste ganz unten anfangen und meine Storytellerwäscher-Karriere beschreiten»

Ihre persönliche Einschätzung: Wie weit verbreitet sind psychische Krankheiten in der Werbebranche?
Ich muss hier vorsichtig sein, weil es keine Studien darüber gibt. Meine persönliche Einschätzung ist aber, dass viele in meiner Branche darunter leiden und diese Probleme nicht thematisieren. Denn der Erfolgsdruck ist hoch und das Verlieren wird oft vom sehr kompetitiven Umfeld nicht toleriert. Man trifft viele Werber in ihren Hochs an, nicht aber in ihren Tiefs. In vielen Fällen, vermute ich, greifen Kreative auch zu psychoaktiven Substanzen und Drogen sowie zu Alkohol.

Der Start in die Selbstständigkeit sei finanziell schwierig gewesen, dennoch die einzige Option. «Ich wusste, wenn ich mit meiner Geschichte in eine Agentur nach Zürich müsste, würde mich diese Umfeld kaputt machen.» Wieso?
Ich hatte die Möglichkeit, nach drei intensiven und auch sehr erfolgreichen Jahren als AD bei der Contexta nach New York, nach Zürich oder nach Berlin zu gehen. Ich wusste aber, dass ich dies aufgrund meiner Sensibilität und Einfühlsamkeit nicht geschafft hätte. Der interne Konkurrenzkampf unter den Textern, ADs und CDs wäre zu gross für mich gewesen. Ich musste mich also für die Selbstständigkeit entscheiden, ganz unten anfangen und meine Storytellerwäscher-Karriere beschreiten. Der Entscheid war richtig.

Vor der Selbstständigkeit haben Sie unter anderem bei Contexta gearbeitet. Wie ist die Reaktion der ehemaligen Arbeitskolleginnen und -kollegen auf die Buchveröffentlichung ausgefallen?
Die Resonanz ist gross. In den meisten Fällen ernte ich grossen Respekt und auch Ehrfurcht für mein Buch und meine Arbeit. Es gibt aber einige wenige ehemalige Arbeitskollegen, die mit dieser Ehrlichkeit nicht umgehen können. Das spüre ich dann meist in Form einer Ablehnung, die sich im fehlenden Augenkontakt äussert. Damit habe ich kein Problem, denn ich habe ja mit meiner kleinen Agentur grossen Erfolg.

Gab es auch Reaktionen, die Sie verletzt haben?
Nein, in keinerlei Weise. Im Gegenteil – das Zugeben von Schwäche ist meine grösste Stärke, niemand äusserte sich negativ.

«Freiheit kommt von Verantwortung, diese pflege und geniesse ich als Unternehmer»

Sie schreiben offen über Ihre psychischen Zusammenbrüche und die Klinikaufenthalte. Hatten Sie nie Angst, dass dies abschreckend auf potenzielle Kundinnen und Kunden wirken könnte?
Doch das hatte ich vor 14 Jahren, als ich in die Selbstständigkeit trat. Ich wurde aber von meinen Kunden immer wegen meiner Menschlichkeit und der Qualität meiner Arbeit gebucht – und nicht aufgrund meiner psychischen Problematik. Zudem haben ja alle Menschen ihre Probleme, die meisten reden nur nicht darüber.

Im Buch sagen Sie, Ordnung und Stabilität seien zentral, um die psychische Gesundheit aufrecht zu erhalten. Stellt da die Selbstständigkeit keine Gefahr dar?
Ordnung und Stabilität sind für die Psyche jedes Menschen wichtig. Der Vorteil des Lohnbezügers ist, dass er einen stabilen Geldfluss hat und so besser budgetieren kann, wozu der Selbstständige nicht immer in der Lage ist. Jedoch habe ich als Unternehmer die Chance, dass ich nicht in der Abhängigkeit eines Agenturchefs oder eines Netzwerks stehe. Ich habe eine grosse Freiheit, kann meine Zeit frei einteilen und kann auch monetär in andere Sphären kommen. Dies kann ein Angestellter nicht, er kann auch ausgenutzt werden. Ich arbeite als Werber alleine mit einem grossen, auf jahrelangem Vertrauen basierenden Netzwerk. Freiheit kommt von Verantwortung, diese pflege und geniesse ich als Unternehmer. Wenn ich rückblickend zwischen Lohnbezüger oder Mein-eigener-Chef-sein wählen könnte, ist Letzteres mein klarer Favorit.

Wie gestalten Sie Ihren Arbeits- und privaten Alltag, um einen möglichen Rückfall zu verhindern?
Ich kontempliere und reflektiere mich in Echtzeit. Zudem schaue ich penibel, dass ich meinen «Lebensjet» stabil in der Luft halten kann, was oft auch Spass macht. Ich pflege intensiv meine Beziehungen, gehe viel in die Natur und tue mir Gutes wie Sport oder Wellness. Ich trinke viel gutes Wasser, esse gesund und nehme allerhand Vitamine und Vitalstoffe. Ein gutes Glas Wein hat aber auch immer mal wieder Platz (lacht). Genügend Schlaf ist für mich zudem eine grosse Kraftquelle, dank der Selbstständigkeit schlafe ich genug und lange. Wir sollten einen Drittel unseres Lebens schlafen, ansonsten werden wir krank.

Eine lange Liste, die es zu befolgen gilt. Was ist das Wichtigste?
Meine Beziehung zu meiner Lebenspartnerin Vivianne ist mir nach wie vor das Wichtigste. Eine stabile Lebensbeziehung ist die halbe Miete.

«Wenn die richtige Idee schliesslich kommt, muss ich meistens lachen oder habe ein Momentum, eine Art Glücksgefühl»

Sie haben viel von Ihrer Kreativität gesprochen. Welche kreativen Techniken wenden Sie an, um eine gute Idee zu entwickeln?
Ich wende beim Entwickeln von Konzepten, Ideen und Kampagnen die «Fragetechnik» an, die ich meist zwischen eins und vier Uhr morgens benutze. In dieser Zeit ist alles ruhig und ich werde nicht abgelenkt. Sie funktioniert so, dass ich in einen imaginären Raum Fragen zur jeweiligen Problematik meines Kunden stelle. Es erscheinen dann meistens Bilder oder innere Filme, die ich dann konkret mit meinem Geist formen kann. Wenn die richtige Idee schliesslich kommt, muss ich meistens lachen oder habe ein Momentum, eine Art Glücksgefühl. Dann weiss ich, dass ich die richtige Lösung habe. Die Zielgruppe versteht dann beim Betrachten die Idee und lacht oftmals auch.

Und wenn Ihnen die Ideen nicht vor dem inneren Auge erscheinen?
Ja, oft ist es so, dass die Ideen nicht sofort erscheinen. So wie es Markus Ruf einmal formuliert hat: «Qualität kommt von Qual». Ich ergänze seinen Satz und sage: «Qualität kommt von Leidenschaft», denn die Arbeit muss Freude machen. Ich bin ein leidenschaftlicher Zeichner und Art Director geblieben. Mich macht es nach wie vor sehr glücklich, zehn Stunden am Stück ein gutes Visual oder eine Illustration zu entwerfen. Dies alles hat mir während meiner Genesung sehr geholfen.

Sie sind als Werber sehr erfolgreich unterwegs, haben vor Kurzem einen German Design Award gewonnen. Wie lautet Ihr Erfolgsrezept?
Ich positioniere mich in Bern als «Der Hauptstadtwerber» (simonhofer.ch). Die Positionierung sowie die laufende Schärfung und Verdichtung meines Produkts sind entscheidend, gerade in der heutigen Zeit, in der die Quantität des Online-Marketings leider die Überhand über die Qualität der kreativen Arbeit nimmt. Mein Erfolgsrezept stützt sich auf die Longtail-Theorie welche besagt, dass im Internetzeitalter Massenmärkte gegenüber Nischenmärkten an Bedeutung verlieren. Last but not least  – wie es alle guten Werber immer wieder sagen – eine gute Idee, ein starkes Visual oder ein guter Film bleiben immer der Kern einer erfolgreichen Kampagne. Die Technik kann uns das nicht abnehmen. So werden wir in 50 Jahren nach wie vor organische Lebensmittel zu uns nehmen und können uns nicht von Metall oder Plastik ernähren.

Verraten Sie uns Ihre nächsten beruflichen Pläne?
Cordelia Hagi (pinktank.ch) und ich werden in Zukunft in Bern enger zusammenarbeiten, ich als Creative Director und sie als Kommunikationsexpertin. Wir werden am 18. Januar 2019 einen grossen Event im Auktionshaus Dobiaschofsky zum Thema «Die Kunst der Kommunikation» veranstalten. Es geht dabei um die Pflege der Kundenbeziehungen und den daraus resultierenden Frieden.



Die Autobiografie von Simon Hofer «Und jetzt erst recht» ist im Cameo Verlag erschienen. Das Werk ist im Buchhandel und online erhältlich.