Das Werbefestival feiert seinen fünfzigsten Geburtstag. Was ist dieses Jahr speziell?
Ich erwarte zusätzlichen Glamour. Dazu wird auch die cinecom ihren Beitrag leisten. So ist von zehn Löwen, die während des Festivals die Croisette schmücken, einer ein Schweizer. Für diesen haben wir einen Sponsoren gefunden, den wir aber noch nicht verraten wollen. Zudem hat die cinecom ihr traditionelles Essen für die Schweizer Delegation von Freitagmittag auf den Abend verschoben -- also näher zur grossen Gala vom Samstag. An unserem Strand-Treffen wird es Überraschungsgäste und Musik geben -- eine richtige Party.
Die Werbebranche leidet. Fahren deswegen weniger Schweizer nach Cannes?
Die definitiven Zahlen liegen erst in ein bis zwei Wochen vor, weil die Anmeldefrist verlängert wurde. Tendenziell glaube ich aber nicht, dass der Rückgang zehn Prozent übersteigen wird. Damit wären wir bei neunzig Schweizer Delegierten, was verglichen mit rund sechzig vor drei Jahren noch immer einer Zunahme um fünfzig Prozent entspricht.
Wie steht es mit der Anzahl Schweizer Einsendungen im Vergleich zum Vorjahr?
Auch hier sind die konkreten Zahlen noch ausstehend. Zumindest weiss ich, dass wir im Filmbereich eine kleine Steigerung verbuchen können. In der Kategorie "Press and Outdoor" hingegen könnte es nach dem Höchststand vom Vorjahr zu einer Abnahme in der Grössenordnung von zehn Prozent kommen. Bei "Media" und "Cyber" wiederum werden wir vermutlich über 2002 sein, beim Direkt Marketing sogar sicher.
Wie stark ist der Einfluss von Wirtschaftskrise und Sars auf das Festival generell zu spüren?
Gerade gestern hab ich mit Chairman Roger Hatchuel gesprochen, und er ist sehr zufrieden. Der Gesamtrückgang von fünf bis zehn Prozent ist kleiner als erwartet, die Anzahl Anmeldungen liegt noch immer über siebentausend. Schon das diesjährige Filmfestival in Cannes zeigt, dass die Amerikaner weniger zurückhaltend sind als befürchtet. Die Absage der chinesischen Delegation, die Hatchuel aus einer diffizilen Situation befreit hat, dürfte Spätentschlossenen den Entscheid zusätzlich erleichtern.
Laufend kommen neue Awards hinzu, auf "Cyber" und "Direct Marketing" folgt dieses Jahr der "Titanium Lion". Wann ist der Bogen überspannt?
Die Lions sollen klar vom Werbefilm- zum Werbefestival werden. Als "olympische Spiele der Werbung" wollen wir alle Kategorien abdecken, die neu hinzugekommenen vervollständigen da lediglich das Bild. Allerdings wurden zusätzliche Kategorien nur im Abstand von ein bis zwei Jahren eingeführt. Die Kategorie "Direct Marketing", die wir nach dem Niedergang des DM-Festivals in Montreux auch auf ausdrücklichen Wunsch der Branche aufgenommen haben, ist eine der letzten grossen Kategorien. Der Titanium-Löwe ist so gesehen keine eigene Kategorie, sondern bloss ein zusätzlicher Award unter vielen. Das macht den Braten nicht feiss.
Lions-Chairman Roger Hatchuel spielte schon mal mit dem Gedanken, das Festival aus Cannes abzuziehen und beispielsweise nach Barcelona zu verlegen. Wie steht es mit diesen Plänen?
Ein Weggang von Cannes wurde vor einem Jahr sehr stark thematisiert, weil die Stadt sich einerseits sehr unflexibel zeigte und andererseits aus den Nähten zu platzen drohte. Inzwischen ist man uns entgegengekommen, zudem entschärft die Krise zumindest das Platzproblem. Ein Wechsel drängt sich heute so gesehen weniger auf, zumal Cannes einfach einzigartig ist.
Vor zwei Jahren zog sich Hatchuels Sohn Romain aus der Festivalleitung zurück, im Vorjahr der Österreicher Franz Prenner. Warum?
Romain, den ich persönlich gut kenne, wollte vor allem zurück nach Paris, weil ihm London nicht so gefiel. Jetzt ist er zurück an der Seine, bei Euro RSCG. Bei Franz Prenner ist es so, dass man sich in gegenseitigem Einvernehmen getrennt hat. Mehr möchte ich dazu nicht sagen. Unser neuer CEO ist Terry Savage, der zuletzt Chef des australischen Kino-Werbevermittlers Well Morgan war. Auch ihn kenne ich aus unserer gemeinsamen zehnjährigen Vorstandstätigkeit sehr gut. Er verbindet Seniorität mit Innovativität und ist sicher eine langfristige und gute Lösung.
Zurück zum Schweizer Markt: Der Tages-Anzeiger stellte unlängst eine Entspannung bei der Fernseh-Werbung fest. Wie ist Ihre eigene Wahrnehmung?
Im Fernsehbereich liegt cinecom mit Sat.1 im zweistelligen Prozent-Bereich über Vorjahr, da sind wir sehr sehr zufrieden. Überhaupt laufen die Werbefenster der Privaten sehr gut. Bis Ende Jahr erwarte ich für den TV-Bereich insgesamt ein leichtes Wachstum. Auch bei der Kinowerbung registrieren wir eine Zunahme, was aber mit dem sehr schlechten Vorjahr zu tun hat. Noch immer sind wir weit hinter den Boomjahr 1999. Als Gesamttendenz glaube ich dieses Jahr nicht an eine Erholung, der Printbereich wird weiter massiv leiden.