Die überraschende Entscheidung der Jury

Cannes Lions 2003 - Zwei Schweizer Spots nur knapp ausgeschieden.

Bis um halb elf nachts brütete die Film-Jury am Freitag über dem Grand Prix. Jury-Präsident Dan Wieden verspätete sich daher um Stunden bei der Party seiner Agentur Wieden + Kennedy -- obschon er in der Schlussrunde gar nicht mehr mitstimmte, war doch "Cog" von W+K unter den letzten drei. (Bild, v.l.n.r.: Festival-CEO Terry Savage, Jury-Präsident Dan Wieden und Lions-Chairman Roger Hatchuel.)

Bis um halb elf nachts brütete die Film-Jury am Freitag über dem Grand Prix. Jury-Präsident Dan Wieden verspätete sich daher um Stunden bei der Party seiner Agentur Wieden + Kennedy -- obschon er in der Schlussrunde gar nicht mehr mitstimmte, war doch "Cog" von W+K unter den letzten drei. (Bild, v.l.n.r.: Festival-CEO Terry Savage, Jury-Präsident Dan Wieden und Lions-Chairman Roger Hatchuel.)

Es hätte Wiedens Zurückhaltung allerdings nicht bedurft, vereinte der Sieger "Lamp" doch 15 der 21 abgegebenen Stimmen, gefolgt von "Xbox Ear Tennis" mit vier Stimmen. "Cog" brachte es in dieser Endrunde gerade mal auf zwei Stimmen, wobei die Klage des Schweizer Künstlerpaars Fischli/Weiss, deren Video "Lauf der Dinge" die Idee von "Cog" vor Jahren vorwegnahm, für die Zurückhaltung der Jury offenbar eine Rolle gespielt hat.

Die Geschichte des Grand-Prix-Spots ist simpel: Eine ältliche Lese-Lampe wird zur Entsorgung auf die Strasse gestellt, der Abschied vom liebgewonnnen Stück wird auf emotionale Weise ins Bild gesetzt. Dass gerade dieser Spot den Grand Prix der Cannes Lions einstreicht, ist in verschiedener Hinsicht bezeichnend: Die tiefen Produktionskosten entsprechen der gesamtwirtschaftlichen Lage. Zudem erlaubt es der Spot, gute Ideen zu honorieren. Die Wahl ist damit durchaus als Statement von Cannes zu verstehen.

Besonderen Gefallen bereitete der Jury gemäss Präsident Dan Wieden der Einfall, irrationale Bindungen an Objekte in Szene zu setzen und die Konsumenten auf ihre Schwäche aufmerksam zu machen -- eine Schwäche, die für Ikea selbstverständlich ein Problem sei. Dieses gehe der Spot erfolgreich an.

Doch die Wahl der Jury ist auch ein Bruch mit der Erwartung des breiten Fachpublikums, dass die Autospots "Sheet Metal", "Cog" oder "The Sculptor" favorisierte -- was sich auch die Verleihung des Journalist's Award an Letzteren zeigt. Die Überraschung dürfte mindestens teilweise gewollt sein, hatte Jury-Präsident Wieden doch wiederholt klar gemacht, dass er Innovation auszeichnen wolle.

"Keine der diesjährigen Arbeiten hat mich wirklich vom Stuhl gehauen", so Wieden, der zum Präsidium lange hatte überredet werden müssen und bei der Pressekonferenz laufend von den Wäldern seines Heimatstaates Oregon schwärmte. Schuld am Fehlen einer Überraschung ist für Wieden die Wirtschaftslage, die ein Bedürfnis nach Sicherheit schaffe und sowohl Auftraggeber als auch Agenturen vorsichtiger mache. Als Trend erkennt Wieden den auffallend häufigen Gebrauch von Gewalt -- wohl eine Reaktion auf die herrschenden Zeiten. Tatsächlich hat die Gewaltfrage in der Jury zu Diskussionen geführt und dazu geführt, dass ein Spot keinen Löwen erhielt.

Wiedens Mittel gegen die fehlenden Ideen ist bestechend. Jedem seiner Mitarbeiter sage er beim Stellenantritt: "Sie nützen uns nichts, bevor Sie nicht drei gigantische Fehler gemacht haben." Denn nur so könnten sie ihre innere Stimme finden -- und das sei das Wichtigste. "Niemand will Botschaften von Unternehmen oder Fokusgruppen. Was man will, sind Botschaften von anderen Menschen."

Dieser Ansatz wäre auch für die Schweiz zu begrüssen. Das Ausscheiden der Schweizer war übrigens knapp: Der Fagan-Spot von Ruf Lanz für die Coop Bank und "Flüchtlingshilfe" von Publicis verfehlten Bronze mit zehn und dreizehn Stimmen. 15 wären nötig gewesen.