Ein Lebenszeichen von Tyler Brûlé

- Wallpaper-Gründer und Lifestyle-Papst Tyler Brûlé (Bild) präsentierte sich am Montag im edlen Zürcher Baur au Lac einer kleinen Schar von PressevertreterInnen. Dabei nannte er endlich aktuelle Kunden seiner Agentur Wink Media. Im Zentrum der Präsentation aber stand die Bekanntgabe von Rückkauf und Umstrukturierung der Wink Media. "persoenlich.com" war dabei.

Erst kam der Aufstieg: Nach verschiedenen lobenden Aussagen zur Schweiz zählte Tyler Brûlé in kürzester Zeit zur hiesigen Prominenz; kaum eine Publikation, die ihn nicht zumindest kurz porträtiert hätte. Dann schwand die Euphorie zusehends. Swiss Airlines, für welche Tyler Brûlés Agentur Wink Media das Corporate Branding betreut, quälte sich als reichlich angeschlagener Vogel aus der Asche der Swissair. Und um Wink Media samt seinem CEO mehrten sich undementierte Gerüchte. Nun ist die Agentur endlich vor die Öffentlichkeit getreten.

Tyler Brûlé gab am Montag in Zürich bekannt, dass er den seit seinem Rücktritt beim Lifestyle-Magazin Wallpaper im Juli vorbereiteten Rückkauf von Wink Media am vergangenen Freitag abgeschlossen habe. Die Verhandlungen mit AOL Time Warner, an welche Brûlé Wallpaper 1997 verkaufte und die daher auch an der 1998 als Spin-Off gegründeten Kreativagentur Wink partizipierte, beschrieb Brûlé als langwierig.

Der Fokus der neuen Holding, die als Winkorp AG mit Sitz in der Schweiz und Niederlassungen in London und New York zeichnet, liegt auf Design, "Content" und "Community Ventures". Der gebürtige Kanadier Brûlé hält den Posten des CEO und Creative Director der Winkorp-Gruppe (und erhält die Schweizer Niederlassungsbewilligung). Managing Director ist weiterhin der Brite Matthew Warren, die Schwedin Anna Nunziata (bisher bei GE Capital) leitet die Finanzen. Zwei Mitarbeiter sind bereits in Zürich beschäftigt, zwei weitere sollen von London übersiedeln; zusätzliche MitarbeiterInnen werde man im lokalen Markt anheuern. Aktionäre sind neben Brûlé und dem Management ungenannte private Investoren, die jeweiligen Anteile werden nicht kommuniziert.

Die "Full-Service-Kreativagentur" Winkorp gliedert sich in drei Bereiche: Winkreative, Winkoncept und Winkontent. Bei der aus Wink Media hervorgegangenen Winkreative befassen sich 28 Mitarbeiter mit Markenführung, mit Werbung, mit Beratung bei PR, Redaktion und (Innen-)Architektur sowie mit "Intelligence Services" genannter Marktforschung. Den Ansatz diese Winkorp-Zweigs beschreibt Brûlé als "journalistisch inspiriert": "Fokusgruppen bei Keksen und Kaffee und mit fünfzig Dollar Entgelt pro Person plaudern zu lassen, ist nicht unsere Vorstellung von Marktforschung. Wir setzen auf fundierte Recherche."

Dem Unternehmenszweig Winkoncept obliegt die Entwicklung von Gütern und Dienstleistungen unter der Marke Wink. So wird am kommenden Samstag an der Zürcher Nordstrasse der erste "Winkel" (niederländisch für "Geschäft") eröffnet, der unter anderem Unterwäsche von Zimmerli anbieten soll. Für den Frühling ist unter dem Namen "Winkloth" eine vom amerikanischen Hersteller Bernhardt produzierte Bekleidungslinie angekündigt.

Winkontent schliesslich, der dritte Winkorp-Zweig, soll Aktivitäten im Verlags- und Rundfunkbereich entwickeln und betreuen. "Die Schweiz braucht eine englischsprachige Zeitschrift mit internationaler Ausstrahlung. Es gibt so viele talentierte Leute, deren Geschichte erzählt werden sollte", findet Brûlé. Der Start der Publikation könnte 2004 stattfinden, je nach Wirtschaftslage. Mehr wolle er zum jetzigen Zeitpunkt aber nicht verraten. Und auch über ein paneuropäisches Radio-Projekt liess er nur verlauten, dass man gegenwärtig gemeinsam mit einem Mobiltelefonunternehmen in technischen Vorabklärungen stecke.

Erstmals hat Tyler Brûlé in Zürich Namen und Aktivitäten aktueller Kunden bekanntgegeben: Für die britische Warenhauskette Selfridges betreut Winkorp ein halbjährlich erscheinendes Kundenmagazin; beim von Puma aufgekauften schwedischen Bekleidungsproduzenten Tretorn überwacht die Agentur Branding, Werbung, Verpackung und Promo-Arbeit; für den Kuwaiter Luxusartikelverkäufer Villa Moda die Corporate Identity und Designberatung; für die Zigarettenmarke Camel (RJ Reynolds) wird ein jährlich fünf Mal mit 3.5 Millionen Exemplaren erscheinendes Magazin produziert; vom britischen Wohltätigkeitsunternehmen Somerset House Trust sind Werbung, Branding und Verkaufsdesign im Portfolio; und für den neuen Schweizerisch-Türkischen Hersteller von Herrenbekleidung ESAS wurden Werbung, Web-Design und Ladenkonzepte entwickelt.

Weitere Kunden sind der amerikanische Haushaltsartikelverkäufer Pottery Barn, das deutsche Kleiderlabel Strenesse, Ferre (IT Holdings) in Italien und der Schweizer Unterwäschehersteller Zimmerli. Neue Budgets könnten demnächst kommuniziert werden, im Visier seien die Hotel-, die Finanz- und die Automobilbranche, hiess es an der Pressekonferenz.

Bleibt die Swiss, beziehungsweise: Die Swiss bleibt -- weiterhin und entgegen allen Gerüchten. "Wir hatten und haben die Aufgabe, das Corporate Design der Swiss zu entwickeln", so Tyler Brûlé -- also alles ausser der klassischen Werbung. Damit betreut Winkreative das Logo ebenso wie das Aussehen von Verkaufsstellen, Lounges und Uniformen oder die Innenraumgestaltung der Flugzeuge. Diese wird übrigens ab Frühjahr 2003 endlich umgesetzt. "Airlines wählen häufig dunkelblau, bei Privatjets -- aber auch in Hotellobbies -- hingegen dominieren wärmere Farben", fasst Brûlé die Ergebnisse seiner Recherchen zusammen. Die Swiss-Maschinen werden daher in Erdtönen gehalten sein.

(Alain Egli).

Neues Interieur der Swiss

Kundenmagazin für Selfridges

Arbeit für Tretorn

Arbeit für Villa Moda