Der Cannes-Lion ist in der Werbebranche der wohl begehrteste Award überhaupt. Die "Delphine von Cannes" sind weniger bekannt. Welche Bedeutung hat die Auszeichnung für Sie?
Es ist eine grosse Genugtuung. Jeder internationale Preis ist wichtig, denn er zeigt, dass wir gute Arbeit machen. Immerhin wurden bei den Cannes Corporate Media & TV Awards über 700 Arbeiten eingereicht. Ich gebe zu: Bei der Verteilung der Gold-Delphine ist die Jury zurzeit noch grosszügig, aber den Grand Prix wollten alle haben! Ich bin sicher, dass der noch junge Award sehr schnell und stark wachsen wird.
Der Delphin-Gewinn habe Sie bestärkt, "den Weg des Branded Entertainment weiter zu gehen und diesen Bereich auszubauen", schreiben Sie in einer Mitteilung vom Montag. Können Sie etwas konkreter werden? Stellen Sie neue Leute ein?
Im Filmbusiness ist es wichtig, klein und schlagkräftig zu bleiben. Da vertrauen wir lieber auf unseren erfahrenen Freelancer-Pool und vergrössern uns nur nach Bedarf auf Projektbasis. Fortlaufend ausbauen wollen wir aber unsere Storytelling-Kompetenz – egal ob für einen Werbe-, einen Corporate-, Web- oder einen Spielfilm. Sie ist für uns entscheidend.
Begriffe wie Product Placement, Content Marketing oder eben Branded Entertainment sind derzeit in aller Munde und werden gerne in einen Topf geworfen. Was macht gutes Branded Entertainment aus?
Man knallt das Produkt nicht zusammenhangslos in irgendeinen Film hinein, sondern versucht den Brand emotional in eine für den Zuschauer interessante Geschichte zu verpacken. Ich finde diese Bezeichnungen aber immer etwas willkürlich. Jeder versteht und benutzt sie anders. Uns geht es einfach darum, dass der Brand durch eine faszinierende Geschichte emotional erlebbar wird. Und dafür sind wir momentan die Experten.
Sie haben also wenig Konkurrenten?
Wir denken nicht in Konkurrenten, sondern Mitstreitern: Je mehr gute Filme produziert werden - egal von wem - desto besser für unsere Branche. Gute Filme können das Image eines Unternehmens mitformen. Bei Stories fokussieren wir darauf, wie man eine Geschichte Produkte- oder Firmen-bezogen, emotional, strukturiert und auf den Punkt erzählt. Kreation und Produktion arbeiten bei uns sehr eng zusammen. Wenn wir eine Geschichte konzipieren, können wir sie auch realisieren. Wir wissen, was wir schreiben und können darum auch schnell und effizient umsetzen.
Stories entstand 2010 durch die Fusion von Onfilm, Peek und Ping Pong: Wie haben sich Angebot und Ausrichtung Ihrer Firma in den letzten Jahren verändert?
Unser Know-how ist jetzt gebündelt. Mit Yves Bollag haben wir einen erfahrenen Produzenten, der genau abschätzen kann, was mit einem bestimmten Budget realisierbar ist. Und unser Regie-Pool versucht, den grösstmöglichen Impact damit zu kreieren. Wir wissen, wie wir "Production Value“ generieren können.
Welche Chancen bietet Branded Entertainment generell für die Markenkommunikation?
Es ist absolut zentral. Jedes Unternehmen hat eine spannende Geschichte zu erzählen! Es geht nur darum, sie zu finden und ansprechend zu verpacken. Beim preisgekrönten Suva-Film war es wichtig, dass wir uns auf die ganz wenigen, aber zentralen Kernwerte des Unternehmens konzentrieren durften. Nur so konnten wir die Menschen berühren. Dieser Ansatz eines modernen, emotionalen Corporate-Films sollte für viele Unternehmen funktionieren. Man kann das ganze Image einer Marke mit einer einzigen Geschichte verändern. Es geht darum, den Kunden und die DNA seines Brands genau zu verstehen und eine Geschichte packend und emotional dem Unternehmen auf den Leib zu schneidern. Mit einem einzigen Film kann eine Marke seinen Konsumenten zeigen, wie sie sich "anfühlt". Und weil unsere Filme emotional berührend sind, identifizierten sich die Zuschauer mit ihnen. Nur so hinterlassen Filme einen bleibenden Eindruck. Die Suva hat das sofort erkannt.
Wie ist der Film angekommen, als Sie ihn den Suva-Angestellten zum ersten Mal zeigten?
An der Premiere fühlten sich die meisten sofort verstanden. Sie fanden, dass der Film ausdrückt, was die Suva als Versicherer machen will: Nicht einfach Produkte verkaufen, sondern den Menschen Mut zu machen für die wichtigen Dinge im Leben - weil sie gut versichert sind. Es war ein berührendes Erlebnis.
In welchem Rahmen wird der Suva-Spot nun gezeigt? Für das Fernsehen ist er mit seinen acht Minuten zu lang.
Viel zu lang. Dafür wurde er auch nicht konzipiert. Einerseits wurde er im Internet verbreitet. Aber vor allem wird er bei einer breiten Palette von Anwendungen, bei längeren Präsentationen vor Kunden oder neuen Suva-Angestellten als emotionaler Türöffner zum Thema gezeigt.
Wie intensiv werden die Möglichkeiten des Branded Entertainment und des Storytelling von Schweizer Unternehmen heute bereits genutzt?
Die Suva ist der Beweis, dass es schon heute verlangt wird. Aber auch in der TV-Werbung sind unterhaltende Geschichten gefragt. Unsere Aufgabe ist es, wie bereits gesagt, ein Produkt mit einer Geschichte zu verknüpfen. Ich will unterhalten werden, und wenn guter Inhalt mit einem Brand spannend verknüpft ist, wird Werbung zu Entertainment und somit vom Zuschauer nicht nur akzeptiert, sondern sogar geliebt.
Welches ist denn Ihr Lieblingsbeispiel für gelungenes Branded Entertainment?
Den neuen Cannes-Grand-Prix-Gewinner finde ich schaurig gut! (lacht) Nein, ernsthaft: International ist die BMW-Kurzfilmreihe "The Hire“ ein tolles Beispiel von "Branded Entertainment“, obwohl sie bereits 2001 und 2002 produziert wurde. David Fincher als Produzent hat bekannte Regisseure wie John Frankenheimer oder Tony Scott an Bord geholt. Der damals noch unbekannte Clive Owen hatte als "Driver“ die Hauptrolle in den Filmen, die zum Ziel hatten, die neuen BMW-Modelle möglichst vorteilhaft in Szene zu setzen.
Hier geht es zur ganzen Serie.
Wie wird sich die Werbefilmbranche in der Schweiz in den nächsten zwei Jahren verändern?
Stetig und langsam, wie schon immer.
Das klingt nicht sonderlich zuversichtlich.
Eine gewisse Gemütlichkeit und Sorgfalt sind ja auch Stärken der Schweiz. Aber der Markt ist oft etwas träger als zum Beispiel im angelsächsischen Raum. Es dauert eben alles etwas länger. Wir hoffen, dass Preise wie der Cannes-Delphin den Unternehmen Mut machen, ihre Geschichten mit Lust und Überzeugung im Markt zu erzählen. Die Suva hat diesen Mut bewiesen, sowohl als Thema im Film, aber auch in der Umsetzung - und wurde nun dafür belohnt.
Credits Suva-Spot
Die weiteren Schweizer Gewinner der Cannes Corporate Media & TV Awards 2014 in Cannes:
Interview: Seraina Etter