Nicht die Freude verderben, sondern an die wichtigsten Spielregeln erinnern: Mit den Massnahmen unter dem Claim «Erst Ja, dann ahh» wollte Amnesty International auf freche Weise das Bewusstsein schärfen, dass für Sex gegenseitige Zustimmung gilt (persoenlich.com berichtete). Die von der Agentur Spinas Civil Voices entwickelte Kampagne gerät nun in die Kritik. Sie erreiche das Ziel nicht, im Gegenteil: Sie beleidige Menschen und schüchtere sie ein, schreibt Kolumnist Christian Fichter im «Tages-Anzeiger». Fichter ist Professor für Wirtschaftspsychologie an der Fachhochschule Kalaidos.
Er ist der Ansicht, dass Sex mit Zustimmung eine Selbstverständlichkeit sei, eine Grundregel des menschlichen Zusammenlebens. Man solle die Menschen nicht an Werte erinnern, «die sie nie aufgegeben haben». Denn mit der Unterstellung, grosse Teile der Bevölkerung hätten ihren Anstand verloren, brüskiere man die Menschen und verängstige sie, denn es werde der Eindruck vermittelt, das für viele, Sex ohne Zustimmung des Partners normal sei, so Fichner.
«Des Softporno-Formats bedient»
«Anstatt Sensibilisierung entsteht Sensibilität für die verquere Botschaft, alles Verhalten sei angelernt. Im schlimmsten Fall gelangen Jugendliche zur Ansicht, sie dürften alles tun, solange es nicht mit Plakaten geregelt wird», heisst es in der Tagi-Kolumne.
Es sei pure Ironie, dass sich «ausgerechnet eine Kampagne gegen sexuelle Übergriffe des Softporno-Formats bedient». Das sei unpassend und wirkungslos. «Denn bei Werbung mit Sexszenen kommt es zum Vampir-Effekt: Es wird Aufmerksamkeit erzeugt – aber für Sex, nicht für das Beworbene».
Amnesty nimmt diese Einwände mit Interesse entgegen. «Kritik ist immer erwünscht», sagt ein Sprecher im Tagi. Die NGO plant nun, die Wirkung der Kampagne zu überprüfen und daraus zu lernen.
In den Spots sind Influencer zu sehen, etwa Karen Fleischmann (siehe oben). Regie führte die Schweizer Regisseurin Barbara Miller, die mit ihrem Dokumentarfilm «Female Pleasure» 2018 einen international ausgezeichneten Kino-Hit landete.