"Lowe profiliert sich nicht mit Personenkult"

- Erich Baumgartner (Bild) tritt per Anfang April offiziell die Nachfolge von Daniel Keller an, der sich eine schöpferische Pause gönnt. Von Baumgartner, der zwecks einer "optimalen und organischen" Stabsübergabe bereits seit Anfang Jahr bei Lowe arbeitet, wollte "persoenlich.com" mehr über Absichten und Pläne erfahren: Warum ist es um die Agentur so still? Wird sie jetzt lauter? Und wie ist der Einfluss des Netzwerks? Das Interview:

Was reizt Sie als langjähriger Kenner der Branche an Lowe?

Dass die Agentur ihre Position ohne Effekthascherei, sondern mit nachhaltig guter Arbeit erreicht hat.

Lowe scheint in den Schweizer Medien vergleichsweise wenig präsent. Warum?

Das hängt mit der Kultur dieses Betriebs und mit den Leuten zusammen, die sie geprägt haben. Nach dem Zusammenschluss von Lintas, Bosch & Butz und GGK Basel zu Lowe vor fünf Jahren war dies vor allem die langjährige Crew der GGK Basel.

Fehlen der Agentur die Aushängeschilder?

Charismatische Leute fehlen uns nicht, zum Beispiel Schweiz-CEO Kurt Schmid oder Chef-CD Mark Stahel. Doch die nehmen sich weniger wichtig als andere Kollegen in der Branche. Lowe profiliert sich nicht mit Personenkult, sondern mit dem Team. Trotz meiner Wertschätzung für diese Agentur-eigene Bescheidenheit glaube ich allerdings, dass wir unsere Top-Five-Position heute mit mehr Publicity verteidigen müssen, um so potentielle neue Kunden und Mitarbeiter zu erreichen.

Was werden Sie als neuer Managing Director ändern?

Die Agentur hat sich bewährt: Bezüglich Umsatz sind wir gegenwärtig Nummer vier, das wollen wir verteidigen und langfristig sogar aufrücken. Im ADC-Ranking belegen wir Platz sieben, und auch hier wollen wir weiter nach vorne. Ich habe aber nicht vor, bei den Strukturen und Abläufen allzu viel zu verändern. Verstärken müssen wir uns vielmehr im Bereich der strategischen Beratung, ohne allerdings eine eigene Abteilung aufzubauen. Hier wird es mittelfristig wohl zu Veränderungen kommen, doch wird das eine harmonische Entwicklung geben. Das Ziel ist, die langjährigen Kundenbeziehungen auszubauen und bei neuen Geschäften mit dabei zu sein. Wir schöpfen das Potential unseres Teams noch nicht voll aus.

Wie soll sich Lowe von der Konkurrenz abheben?

Zentral ist für uns die "diversity", sie unterscheidet uns von anderen Mitbewerbern. Dass wir beispielsweise Mitarbeiter verschiedenster Nationalitäten bei uns beschäftigen, ist ein Vorteil im internationalen Markt. Unsere Branche leidet hierzulande ja ein bisschen an Inzuchterscheinungen, Lowe hingegen kann aus der Schweizer Werbeszene ausbrechen. Wobei das nicht das einzige Element der Diversität ist, auch unser Handeln und Denken sind vielfältig. Mein Motto heisst "strukturiertes Querdenken". Eine Abwanderung von Schweizer Budgets ins Ausland können wir nur durch eine weltgewandtere Sicht verhindern. Gute Kreation, die zwar im Mittelpunkt steht, reicht da nicht, vielmehr erwarten die Kunden auch Fachkenntnis, unternehmerisches Wissen und ein Verständnis des hybriden Konsumenten. Das alles meine ich mit Diversity, und sie muss vermehrt ins Zentrum gerückt werden.

Welches waren in Ihren Augen Lowes drei besten Kampagnen des vergangenen Jahres?

Es gab viele gute Arbeiten, doch möchte ich nur die allerbeste erwähnen, nämlich die aktuelle von Orange. Diese Arbeit repräsentiert die Gesamtleistung der Agentur. Dass die Kampagne an eine frühere von Eurocard erinnert, stört mich nicht, denn die Idee wurde richtig eingesetzt. Dass man sich von bereits Existierendem inspirieren lässt, gehört eben zu den Mechanismen der Branche. -- Insgesamt ist zu sagen, dass die Kunden im vergangenen Jahr nicht nur bei Lowe zurückhaltender waren, weshalb der Jahrgang 2002 bei allen Agenturen sicher unterdurchschnittlich war.

Ihre Netzwerk-Mutter Interpublic hat finanziell ein schlechtes Jahr hinter sich, zudem belegt Lowe international den zweitletzten Platz im neuen "Agency of the Year"-Rating von Ad Age. Wie geht es Lowe Schweiz?

Sehr gut. Allerdings bin ich hier nach knapp zwei Wochen an Bord wohl nicht die beste Auskunftsperson. Aber sicher war das letzte für die gesamte Kommunikationswirtschaft ein schwieriges Jahr.

Welche Auswirkungen erwarten Sie von den Schwierigkeiten des Netzwerks für Ihre Agentur?

Auch wenn die Situation des Netzwerks wichtig ist, im Zentrum steht sie nicht -- zumal unser Anteil am internationalen Geschäft bei etwa zwei Prozent liegt. Dadurch besitzen wir mehr Autonomie als beispielsweise unsere IPG-Schwester McCann Erickson. Die Forderungen der Holding uns gegenüber sind jedenfalls erfüllbar, und wenn sich das ändern sollte, wird man eben weitersehen müssen. Gute Arbeit wird uns Selbstständigkeit garantieren und gleichzeitig dem Network helfen. Abgesehen davon geht es Interpublic so schlecht auch nicht, zudem hat die Holding noch ein paar andere Pferdchen im Stall.