Kurz vor der entscheidenden Debatte im Parlament zur Reform des Sexualstrafrechts in der Schweiz hat Amnesty International am Mittwoch eine neue Kampagne lanciert. Sie ruft insbesondere auch Männer dazu auf, für die «Nur Ja heisst Ja»-Lösung und den Schutz von Betroffenen sexualisierter Gewalt einzustehen. Die Menschenrechtsorganisation lanciert eine Petition, die die breite Unterstützung der Bevölkerung für die Zustimmungslösung deutlich machen soll. Auch Operation Libero und mehr als 25 weiteren Partnerorganisationen machen sich darin für die «Nur Ja heisst Ja»-Lösung stark.
In der digitalen Kampagne, die Amnesty Schweiz mit der Agentur Messieurs.ch entwickelt hat, setzen sich engagierte Männer für die «Nur Ja heisst Ja»-Lösung ein: Musiker, Journalisten, Aktivisten und Comedians sprechen in einer Talkshow öffentlich über die Verantwortung der Männer, sexualisierte Gewalt in der Schweiz zu thematisieren und zu bekämpfen.
Die Kampagne wolle möglichst viele Männer erreichen und sie ermutigen, das «Nur Ja heisst Ja»-Prinzip in jeder sexuellen Beziehung anzuwenden, mit Kollegen darüber zu reden und sich öffentlich gegen sexualisierte Gewalt auszusprechen, schreibt Amnesty International weiter. Nachdem sich seit mehreren Jahren eine breite Allianz von Frauenrechts- und LGBTI+-Organisationen sowie zahlreiche Aktivistinnen und Aktivisten für eine zeitgemässe Reform des Sexualstrafrechts einsetzen, sollen sich vermehrt auch Männer für dieses Anliegen stark machen.
«Lange Zeit hat man den Frauen einschärft, Nein zu sagen, um sich gegen eine ungewollte sexuelle Handlung zu wehren. Es ist Zeit, die Männern aufzufordern: Holt das Ja vor jedem sexuellen Kontakt ein!», wird Cyrielle Huguenot, Verantwortliche für die Kampagne bei Amnesty Schweiz, zitiert.
Unlängst hat eine repräsentative Umfrage von gfs.bern aufgezeigt, dass problematische Ansichten zur sexuellen Verfügbarkeit vor allem unter Männern weiterhin verbreitet sind. 37 Prozent der befragten Männer in der Schweiz schätzen aufreizende Kleidung und Flirten als Einwilligung zum Geschlechtsverkehr ein. Jeder siebte Mann geht von einer geltenden Einwilligung aus, wenn eine Person aktuell zwar schläft, aber sonst immer zu Sex zustimmt. Jeder Dritte erachtet es als Einwilligung, wenn sich die Partnerin nicht aktiv gegen die Handlungen wehrt.
Gleichzeitig zeigt die Studie auf, dass ein Grossteil der Bevölkerung sexualisierte Gewalt als verbreitetes Phänomen wahrnimmt und Lösungen durch Politik und Justiz erwartet. Die Zustimmungslösung wird dabei auch von Männern eindeutig als beste Option zum stärkeren Schutz von Betroffenen im Sexualstrafrecht erachten. (pd/wid)