"Mit den Beacons erhalten Kunden alle Informationen direkt aufs Handy"

Wiedikon Valley - Durch Wiedikon flanieren und alle Informationen zu den Geschäften automatisch auf dem Smart Phone empfangen: Das Pilotprojekt Wiedikon Valley machts möglich. Projektleiter Marc Hauser spricht im Interview über die neue Werbeform, die Nöte der KMU - und über das Aussterben der Lokalzeitungen.

Herr Hauser, wir stehen gerade vor dem Café Uetli und mein Handy zeigt mir die aktuelle Menükarte an. Was bringt das?
Für die hiesigen KMU wird es immer schwieriger, Werbung gezielt an ihre Kunden zu bringen. Nationale Kampagnen sind viel zu teuer und um Social-Media-Kanäle zu nutzen, fehlt oft das Know-how. Die meisten KMU existieren in der digitalen Welt noch nicht einmal. Oft bleibt da nur noch ein Inserat in einer Lokalzeitung. Mit unserem Produkt wollen wir ihnen eine Alternative bieten.

Sie haben in diversen Geschäften Sender (sog. Beacons) angebracht, von wo aus die Informationen auf mein Handy gelangen. Wie funktioniert das?
Die Beacons funktionieren auf der Basis von Bluetooth und nehmen so Kontakt zu einem Smartphone auf. Die Reichweite kann dabei zwischen drei Stufen gewählt werden: 20 Meter, 4 Meter oder die unmittelbare Nähe.

Was bringen diese verschiedenen Reichweiten?
Dass je nach Aufenthaltsort des Kunden verschiedene Informationen übermittelt werden können. Kommt der Kunde am Geschäft vorbei, wird er zuerst einmal darauf aufmerksam gemacht, was es hier zu kaufen gibt oder ihm werden zum Beispeil die Öffnungszeiten mitgeteilt. Steht er dann aber im Laden vor einem Produkt, kann er auf seinem Handy spezifische Produkteinformationen abrufen; also der Preis oder technische Details, im besten Fall kann er das Produkt auch gleich online bestellen.

Ein ähnliches System gibt es doch bereits bei Grossverteilern wie Coop. Man kann ein Produkt an einem in der Filliale installierten Gerät scannen und erhält so alle Informationen.
Klar, doch dieses separate Gerät ist völlig überflüssig. Denn jeder Kunde hat schon selber die Hardware, die es dazu braucht: Sein Smartphone hat jedermann doch immer schon dabei. Wieso sollte man also extra solch grosse Geräte in den Geschäften anbringen?

QR-Codes machen sich dieses Prinzip bereits zu Nutze. Scannt man diesen, erhält man alle Informationen ebenfalls aufs Handy.
Das stimmt, es kann aber niemand ernsthaft behaupten, QR-Codes hätten sich durchgesetzt. Es ist doch nicht kundenfreundlich, wenn man zuerst eine entsprechende App runterladen muss und diese auf dem Smartphone suchen muss um den Code schliesslich zu scannen. Auch bei uns muss zwar eine App vorinstalliert werden, es entfallen danach aber alle weiteren umständlichen Schritte.

Klingt komfortabel, könnte die Kunden aber auch nerven, wenn das Smartphone in jedem Geschäft mit Meldungen überhäuft wird.
Keine Frage, Kunden müssen selbst entscheiden können, ob sie das Angebot nutzen wollen oder nicht. Ich spreche da von einer Metaebene: Egal, ob am Flughafen, an einem Bahnhof oder in einem Geschäft. Kunden sollten darüber informiert werden, dass sie sich in einer Beacon-Zone befinden. Dann können sie selber wählen, ob sie diese nutzen wollen oder nicht.

Eine solche Beacon-Zone haben Sie nun im Rahmen eines Pilotprojekts auch in Wiedikon eingerichtet. Worum geht es da?
Uns geht es momentan vor allem darum, zu testen, was technisch alles möglich ist. Deshalb machen wir unser Projekt – im Gegensatz zu anderen Startups – auch öffentlich und frei zugänglich. Daraus haben sich bereits einige interessante Möglichkeiten ergeben.

Die wären?
Indem man beispielsweise herausfindet, was die Kunden von einem Geschäft halten und was für Dienstleistungen sie sich wünschen würden.

Indem man die Kunden mit der neuen Technik durchleuchtet?
Nein, überhaupt nicht. Kunden sollen ihre Meinung in irgendeiner Form aktiv äussern können. Das hat nichts mit Big Data zu tun.

Trotzdem erfahren Sie durch die angebrachten Beacons wohl einiges über Ihre Kunden. Diese Daten werden sicherlich ihre Verwendung finden.
Alle Daten werden anonymisiert gesammelt, da es uns sowieso nicht um einen individuellen Kunden geht. Was uns interessiert, ist die Frequenz: Wo lohnt es sich, Beacons anzubringen? Vom Datenschutz her ist also alles kein Problem.

Sie haben eingangs erwähnt, dass Sie zu Inseraten in Lokalzeitungen eine Alternative bieten wollen. Tragen Sie also weiter zum Aussterben der Regionalmedien bei?
Nein, überhaupt nicht. Werbung in Lokalzeitungen braucht es nach wie vor, man erreicht damit Leute, an die man auf dem digitalen Weg nicht gelangen würde. Klassische Kampagnen und Inserate wird es immer geben. Die Frage, ob man auf digitalem oder klassischem Wege werben soll, stellt sich nicht. Die Herausforderung liegt darin, beide Kanäle effizient zu nutzen.

Sie werden also künftig Ihr digitales Werbekonzept durch klassische Kampagnen anpreisen?
(lacht) Genau so ist es. Im März haben wir etwas geplant, worüber ich noch nichts verraten kann. Lassen Sie sich überraschen.

Zum Schluss noch ein Ausblick: Wie geht es mit dem Wiedikon Valley weiter?
Zuerst gilt es einmal, vom Projekt etwas Abstand zu nehmen und die gesammelten Daten und Erfahrungen objektiv auszuwerten. Danach streben wir selbstverständlich eine noch grössere Vernetzung von KMU an – sodass es irgendwann auch kein Problem mehr wäre, ein ganzes Einkaufszentrum zur Beacon-Zone zu machen.

Interview & Bild: Nicolas Brütsch