Rivellutionär - Rivella mit neuer Werbung

- Kann Rivella nach der Zeigefinger-Kampagne ("Welche Farbe hat Dein Durst?") noch einen drauf setzen? Die Kultmarke versucht es. Ab heute Montag geht Rivella auf allen Kanälen in die Werbeoffensive, was das Management in Rothrist eigentlich im letzten Jahr schon tun wollte. Wie bekannt, musste im Sommer allerdings zuerst die Agenturfrage geklärt werden. Nun ist aber der kreative Output zu sehen: Unter dem Motto "lang lebe anders" will Rivella zusammen mit Erdmannpeisker eine "Rivellution" ins Leben rufen. Im Vordergrund steht der Erfindergeist. Die Speerspitze der Bewegung bildet die hiesige Blogosphäre. Zur Kampagne:

Rivella gehört zwar zu den 20 bekanntesten, aber nicht zu den 50 wertvollsten Marken der Schweiz. Warum das so ist, kann niemand so richtig schlüssig erklären. Vielleicht liegt es daran, dass die Getränke zwar in den Restaurants omnipräsent sind, in der Werbung Rivella aber nie so recht wusste, für was die Marke eigentlich genau steht. Viele erfolgreiche Schweizer Marken werben konsequent mit ihrer Tradition. Schliesslich verkauft sich diese besser als schnelllebige Trends. Auf die Karte Tradition will nun auch Rivella setzen.

Doch wo liegt die Tradition von Rivella? Sie zeigt sich in der Gründungszeit, die von Abenteuerlust und Erfindergeist geprägt ist. Vor 60 Jahren besuchte Jean Barth die USA und bot sich Schweizer Firmen als Agent an, der für sie in Amerika Türen öffnet. Er kam so zu einem Rezept für eine Art Molkenbier, was die Amerikaner nicht mochten. Wieder daheim kaufte Robert Barth seinem Bruder Jean das Rezept ab und experimentierte, bis er ein Tafelgetränk mit Milchserum kreiert hatte. In Anlehnung an das italienische Wort für Offenbarung "Rivelazione" und den Tessiner Ort Riva San Vitale nannte Robert Barth sein Getränk fortan Rivella. Die Nachfrage explodierte und das Getränk wurde Kult.

Der Rothrister Getränkehersteller will die querdenkerische Art von Robert Barth wieder aufleben lassen. Die Marke geht in diesen Tagen in die grosse Werbeoffensive und dies nicht leise. Unter dem Motto "lang lebe anders" will das Unternehmen zeigen, dass die Einzigartigkeit, das Anderssein fest in der Genetik von Rivella steckt. Im Mittelpunkt der neuen Kampagne stehen sogenannte "Rivellutionäre". Das sind Menschen, die wie Robert Barth für ihre Interessen spezielle Zugänge entwickelt haben. In der Werbung stehen Sportarten und ungewöhnliche Freizeitbeschäftigungen im Vordergrund.

In einer erster Phase symbolisieren zwei Schweizer Teenager den Erfindergeist Barths. Der eine fährt mit einem Einrad Downhill oder muss den akrobatischen Vergleich mit anderen Freestylern nicht scheuen. Ein weiterer "Rivellutionär" bastelte aus einem alten Solex-Töff einen Antrieb für sein Skateboard.

"Wir suchen den modernen Auftritt und wollen jünger, überraschender werden", sagt Cornelia Marending im Gespräch mit "persoenlich.com". Die Marketing-Chefin will der Marke mit der neuen Kampagne jedoch nicht einen "trendigeren" Anstrich verpassen, sondern zurück zum Markenkern. Im Vordergrund sollen Menschen stehen, die etwas leisten und Mut zeigen, eben anders zu sein. Marending ist mit der Positionierung von Rivella im Getränktemarkt zufrieden. Die Marke geniesse grosses Vertrauen und sei in der Bevökerung tief verwurzelt. "Wir möchten uns aber nicht auf den guten Sympathiewerten ausruhen, sondern uns weiter entwickeln", sagt Marending. Eine stärkere Positionierung bei den Jugendlichen sei wichtiger geworden, denn die Heavy-User finden sich im eher jüngeren Segment. Leute ab dem Alter 30 würden zunehmend weniger Softgetränke konsumieren.

Im Fernsehen startet die Rivella-Kampagne offiziell heute Montag und soll gemäss Mediaplan rund zwei Monate dauern. Doch die Bewegung "lang lebe anders" startete eigentlich viel früher. Im Untergrund des Webs, genauer in der Blogosphäre, schreiben und filmen ausgewählte Blogger seit Monaten für Rivella. Die Auserwählten sind auf der Suche nach interessanten Freigeistern und dokumentieren diese auf der Webseite lang-lebe-anders.ch. Für Kreativdirektor Gabriel Peisker von der Leadagentur Erdmannpeisker bildet die Web 2.0 Gemeinde so etwas wie die Speerspitze der Kampagne. "Teenager gelten in der Werbung als extrem schwierige Zielgruppe, weil sie einen intensiven Identitätsfindungsprozess durchlaufen", sagt Peisker. Man könne die jungen Konsumenten nur gewinnen, wenn man autenthisch kommuniziere, also mit Leuten, die auch wirklich so sind, wie man sie gegenwärtig in der Rivella-Werbung sehe. Alles andere funktioniere selten oder gar nicht.

Die Kampagne startet heute Montag mit TV-Spots, Inseraten und Plakaten. Auf Plakatwändern soll der revolutionäre Charakter besonders zum Ausdruck kommen, denn die Rivella-Sujets werden teilweise über abgerissenen Plakate geklebt. Eine Woche später soll der Guerilla-Stil auch in Printanzeigen mit einer ähnlichen Aktion zum Einsatz kommen.

Um die jugendliche Zielgruppe zu erreichen setzen die Bieler Werber von Erdmannpeisker übrigens auf eine Rockband aus der Nachbarschaft. "Zufällig", wie Gabriel Peisker sagt. Man sei auf die Band über eine Kleidermarke gestossen und habe erst später herausgefunden, dass man in der selben Region beheimatet sei. Die Band mit dem Namen "Modern Day Heroes" steuert zur Kampagne den Song "I need a Revolution" bei. Ob das Lied genauso zum Ohrwurm wird, wie jener aus der der letzten Kampagne "Welche Farbe hat dein Durst"? In den nächsten Monaten wissen wir es.

Mit der aktuellen Dachkampagne und der Neupositionierung der Marke Rivella schlägt der Getränkehersteller aus Rothrist ein neues Werbekapitel auf. Im Sommer 2009 löste Rivella die Zusammenarbeit mit der Agentur Walker überraschend auf. Über die Gründe kann nur spekuliert werden, da alle Parteien zum Fall schweigen. Im August rief das Management zum Pitch, bei dem sich die Bieler Agentur Erdmannpeisker gegen zwei Mitstreiter durchsetzen konnte.

(Text: Christian Lüscher)

Verantwortlich bei Rivella: Cornelia Marending (Marketingleiterin), Patrik Marty (Group PM), Beatrix Geissmann (Senior PM). Verantwortlich bei erdmannpeisker: Gabriel Peisker (CD), Christina Schmid, Daniel Hesse, Anna Kiefer (AD), Arnd Lettmann, Oliver Krippahl (Text), Daniel Kunz (Foto und Film), Felix Reidenbach (Illustration), Jenny Caparelli (Bildbearbeitung), Sybille Erdmann, Selina Helbling, Bettina Korn (Beratung). Online-Banner und Microsite: orange8, Biel. Virales Marketing: vm people, Berlin. TV-Spots: snapfilm, Zürich. Mediaplanung: OMD, Zürich. Druckvorstufe: Burki&Scherer, Oftringen.