«Wir Schweizer sind gut, aber zu schüchtern»

Cannes Lions 2016 - Olivier Girard, Kreativchef von M&C Saatchi in Genf, juriert seit Montag am internationalen Werbefestival in Cannes. Im Interview sagt er, wie er dabei vorgeht und wer sein Favorit für den Film-Grand-Prix ist. Zudem bedauert er die spärlichen Einsendungen aus der Schweiz.

von Michèle Widmer

Herr Girard, Sie sind seit Montag an der Côte d'Azur. Ist der Spirit des Lions Festivals bereits spürbar?
Ja, man kann das Werbe-Parfum schon in allen Ecken der Stadt riechen. Die Plakate hängen bereits und ein Lastwagen nach dem anderen liefert Waren an für die vielen Stände, die hier nächste Woche stehen werden. Die verschiedenen Partys und Shows finden ja rund um das Palais du Festival statt.

Sie jurieren in der Kategorie Direct. Was beeindruckt Sie am meisten an dieser Arbeit?
Allem voran ist es die riesige Zahl der Einsendungen dieses Jahr – vor allem in der Kategorie Direct. Das ist der Grund, weshalb unsere Arbeit bereits vor dem offiziellen Festivalstart am Samstag begonnen hat. Wir haben in den letzten zwei Wochen bereits die erste Vorselektion getroffen. Aus demselben Grund teilt das Festival teilt die Jury (20 Kreativmenschen) in Gruppen auf. Direct, Activation, Promotion – als Jurymitglied ist es schwierig den genauen Unterschied im Auge zu haben. Es werden jedes Jahr mehr Kategorien, vielleicht zu viel, wenn man mich fragt.

Nach welchen Kriterien gehen Sie bei der Selektion vor?
Wir stellen uns vor allem zwei Fragen: Hat diese Arbeit die Kraft den Zuschauer zu mobilisieren und zum Handeln zu bewegen? Und kann sie das Leben von Menschen verändern? Zudem ist es ein Kreativ-Wettbewerb. Es ist unsere Aufgabe Brillianz und Kreativität zu feiern.

Was sind die Thementrends in der Kategorie Direct?
Das ist schwierig zusammenzufassen. Es kommen auffällig häufig Väter in Bezug auf Hausarbeiten ins Spiel. Generell erhalten Frauen und Männer bei den eingereichten Arbeiten verstärkt den gleichen Stellenwert. Zudem sind die Themen Krebsprävention, Blutspende und Umweltfreundlichkeit stark präsent.

Welche Arbeit ist Ihr persönlicher Favorit für den Film-Grand-Prix?
Der 1664 Kronenbourg mit Cantona’s TVC von Ogilvy UK. Aber es würde mich nicht überraschen, wenn der neue Film von Always «Like a Girl- Emojis» (siehe Video unten) gewinnt.

Die Favoriten für den Film-Grand-Prix der persoenlich.com-Redaktion finden Sie hier.

Sie waren bereits im Jahr 2006 in der Jury in Cannes, damals für Frankreich.
Ja das stimmt. Damals repräsentierte ich in der Jury Saatchi & Saatchi Paris.

Wie oft haben sonst bereits am Festival teilgenommen?
Erstmals bin ich 1990 als Delegierter meiner damaligen Agentur TBWA Paris nach Cannes gereist. Insgesamt war ich bisher etwa zwölfmal hier. Aber es ist nicht einfach, die Chefétage einer Agentur davon zu überzeugen, einen an die Côte d’Azur zu schicken. Das kostet schliesslich viel Geld. Darum lasse ich mir immer einen Passage dazu im Arbeitsvertrag hinzufügen. Dafür musste ich sogar bereits einmal beim Lohn zurückschrauben.

Welchen Eindruck haben Sie vom Festival?
Das Festival zeigt mehr als alles andere auf, wie massiv die Werbeindustrie ist. Und alle Schweizer Agenturen tragen ihren Teil dazu bei. Alles ist riesig hier und sehr inspirierend. Die vielen verschiedenen Events und Shows finden im Namen der Kreativität statt. Es kommen unterschiedliche Kulturen und Denkweisen zusammen, das ist fantastisch. Und die After-Work-Parties sind gut, um die Welt zu treffen – und vielleicht den nächsten Arbeitgeber.

Die Sicherheitsmassnahmen wurden stark erhöht dieses Jahr. Haben Sie davon etwas gespürt?
Nein, nicht wirklich. Als Jurymitglied wird man hier als VIP behandelt. Wir sind also in guten Händen. Aber mal abwarten, wie das nächste Woche ist, wenn das Festival begonnen hat.

In welcher Kategorie hat die Schweiz besonders gute Chancen?
Ehrlich: In allen. Wir haben gute Talente in der Schweiz. Aber in der Kategorie Direct haben wir wenige Einreichungen aus der Schweiz dieses Jahr. Wir Schweizer sind gut, aber zu schüchtern. Es ist wie in der Lotterie – man muss zuerst einmal teilnehmen, um überhaupt gewinnen zu können. Wenn alle Schweizer Agenturen ihre besten Arbeiten in allen Kategorien einschicken würden, würde die Schweiz auf dem Cannes-Teppich etwas mehr existieren.

Worauf dürfen die Schweizer Teilnehmer sich besonders freuen?
Alles hier in Cannes ist faszinierend. Mein Tipp: Besucht das Festival mit offenen Augen und Ohren und lasst euch begeistern, wie es Kinder tun würden.

Der Jury steht viel Arbeit bevor. Welchen Zeitplan haben Sie?
In den ersten vier Tagen arbeiten wir von 8.30 bis 18 Uhr. In den zwei Tagen danach geht es um die Shortlist. Das ist der härteste Part, weil da jedes Jurymitglied seinen Standpunkt darlegen will. Bei all den kulturellen Unterschieden dauert das teilweise sehr lange. Da wird unter den Jurymitgliedern kräftig diskutiert. Nur zwei oder drei Prozent der Einreichungen schaffen es auf die Shortlist. Und danach kommen die Lions-Tage, wo es um Bronze, Silber und Gold geht.

Und wo sind Sie abends für ein Glass Wein anzutreffen?
Ich bin oft mit Freunden aus Australien, Neuseeland, Grossbritannien oder den USA in der Gather Bar vor dem Hotel Martinez. Das ist eine ganz normale Bar, allerdings mit einer ganz speziellen Atmosphäre. Wer etwas mehr Glämour sucht, wendet sich besser an die Produktionsfirmen, die vor Ort sind. Wenn man Glück hat, wird man vielleicht auf ein Boot eingeladen.

Olivier Girard ist Gründer und Kreativchef der Agentur M+C Saatchi in Genf. Neben Jason Romeyko, Kreativchef von Saatchi & Saatchi Schweiz, ist er als Schweizer Vertreter Teil der diesjährigen Cannes-Lions-Jury.


persoenlich.com in Cannes

Das Cannes-Lions-Festival wird am Samstag, 18. Juni eröffnet und dauert bis am 25. Juni. persoenlich.com wird ab Mittwoch vor Ort sein, um über das Abschneiden der Schweizer Agenturen zu berichten. (wid)