Seit über 60 Jahren handelt die Schober Group mit Adressen von Privatpersonen und Unternehmen, seit 1976 gibt es auch einen Ableger in der Schweiz. Mit dessen Geschäftsführer, René Koller, sprach persoenlich.com unter anderem über die Quellen der Datenbank und das Verhältnis von Schober zum Datenschutz.
Herr Koller, haben Sie einen seriösen Job?
(lacht) Bei dieser Frage muss ich immer schmunzeln. Der Adresshandel ist auf Grund des Datenschutzes und der Gesetzgebung ein seriöses Business. Aber viele Menschen empfinden ihn nicht als solches. Wenn ich nach meinem Beruf gefragt werde, sage ich mit Stolz, dass ich Adresshändler bin. Dies wirft jeweils Fragen auf und im Gespräch wird immer wieder klar, wie wenig die Leute eigentlich darüber wissen. Vor 23 Jahren, als ich damit anfing, war mir auch noch nicht klar, dass man mit Adressen Geld verdienen kann.
Wer gehört zu Ihrer Kundschaft?
Jeder, der Werbung treibt und sich für den direkten Kanal entschieden hat. Das geht von Banken über Drogerien bis zum Coiffeur-Geschäft. Auch aus der Politik kommen natürlich Anfragen, vor allem vor Abstimmungen. Wir verweigern keiner Partei, Informationen zu liefern und drücken damit auch keine politische Meinung aus. Distanzieren würden wir uns, wenn es um rassistische Inhalte ginge. Auch wenn es um Kinder geht, geben wir die Informationen nicht einfach heraus. Jede Anfrage, die Kinder unter 18 Jahren betrifft, muss bei mir über den Schreibtisch und ich will wissen, um welches Produkt bzw. Projekt es sich handelt. Ich bin eigentlich dagegen, dass man Kinder anschreibt, denn sie sind nicht die Entscheidungsträger. Wenn Mc Donald's Gutscheine an Jugendliche verschicken will, kann man das sicherlich ausdiskutieren. In den meisten Fällen empfehle ich aber, die Eltern anzuschreiben.
Sind auch Privatpersonen interessiert?
Nein, wirklich nur Werbetreibende. Für uns ist nie eine einzelne Person relevant, sondern eine Gruppe mit ausgewählten Merkmalen. Unsere Angestellten können im System auch nicht nach einer Einzelperson suchen. Das können nur diejenigen, die das Produkt erschaffen oder ich als Geschäftsführer. Die meisten aber setzen sich hin, haben eine Definition der Zielgruppe, selektieren die gewünschten Merkmale und erhalten so eine Adressliste ohne weitere Angaben. Man sieht bei der Selektion eines Mindesteinkommens von 100'000 Franken beispielsweise nicht, ob eine Person nun 101'000 Franken oder 300'000 Franken verdient.
Gibt es auch seltsame Anfragen?
Die seltsamsten Anfragen kommen eigentlich immer aus der Erotik-Branche. Diese Aufträge lehne ich manchmal auch ab. Häufig sind es Kleinaufträge, die mehr Aufwand als Ertrag bringen würden.
Woher beziehen Sie die Informationen für Ihre Datenbank?
Das meiste, so zum Beispiel die Adressen und auch Informationen über ein Gebäude, ist in der Schweiz öffentlich verfügbar. So erfährt man, dass eine Person in einem Einfamilienhaus mit Garten wohnt, das einen bestimmten Wert hat. Viele Angaben werden auch freiwillig gemacht, wenn etwas bestellt wird. In den AGB ist meist definiert, dass die Informationen zu Werbezwecken Dritten zugänglich gemacht werden. In 98 Prozent der Fälle wird aber das Kleingedruckte überlesen und einfach ein Häkchen gesetzt. Auch bei Wettbewerben ist das natürlich so, aber man hat auf jeden Fall immer die Wahl, die Bedingungen zu akzeptieren oder nicht. Jeder kann selber entscheiden, was er angeben will oder nicht. Diese Angaben kaufen wir auf dem Markt zusammen. Ausserdem haben wir Umfragenportale, wo uns die Leute freiwillig Informationen liefern. Beispielsweise, dass sie in sechs Monaten ein neues Auto kaufen wollen und dafür 40'000 Franken ausgeben werden.
Lesen Sie selber jeweils die AGB?
Im praktischen Alltag bin ich genau wie alle andern. Wenn ich ein iTunes-Update mache, würde ich niemals die seitenlangen AGB lesen, denn ich vertraue dem Brand, dass mit meinen Daten nichts Schlechtes gemacht wird. Ich toleriere auch die Weitergabe meiner Adresse. Mich stört es nicht, wenn ich eine Werbebotschaft erhalte, die meinen Bedürfnissen angepasst ist.
Im Impressum auf Ihrer Webseite ist zu lesen: "Der Autor übernimmt keinerlei Gewähr für die Aktualität, Korrektheit, Vollständigkeit oder Qualität der bereitgestellten Informationen."
Das heisst, dass wir nicht jede Adresse von den rund 680'000 eingetragenen Firmen und all den Firmen ohne Handelsregister-Eintrag haben. Jene Adressen, die wir haben, sind vollständig. Die Information, die öffentlich verfügbar ist oder direkt im Interview genannt wird, befindet sich auch in unserem Verzeichnis.
Im Vorfeld der Ständeratswahlen hat die Autolobby Flyer gegen die Kandidatin Verena Diener an alle Autobesitzer der Kantons Zürich verschickt. Dabei wurden z.T. auch Verstorbene oder Leute, die noch nie ein Auto besassen angeschrieben.
Die Selektion in diesem Fall war nicht prinzipiell auf Autofahrer ausgerichtet. Man wollte Leute im Kanton Zürich in einer bestimmten Altersgruppe anschreiben. Auch hat man immer zu einem minimalen Prozentsatz Verstorbene dabei. Denn viele Leute tragen ihre Partner nicht aus, wenn diese verstorben sind. Eine Witwe zahlt beispielsweise das Zeitungsabonnement weiterhin auf den Namen des Mannes und der Telefonbucheintrag läuft auch weiter über ihn. In der Öffentlichkeit gilt der Mann also noch immer als lebendig.
Haben Sie keine Probleme mit dem Datenschutz?
Wir arbeiten nach dem Datenschutzprinzip und verfügen trotzdem über einen gewissen Bewegungsspielraum innerhalb der gegebenen Leitplanken. Wir waren auch eines der ersten Unternehmen, das seine Datenbank beim Datenschutz eintragen liess. Zwar erteilt der Datenschutz keine Gütesiegel, aber bestätigt, dass unsere Datenbank innerhalb der Regeln des Datenschutzes erlaubt ist. Da Schober auch nicht nur in der Schweiz operiert, orientieren wir uns jeweils an der schärfsten Gesetzgebung, die innerhalb der Schobergruppe gilt. Ausserdem denke ich, dass Datenschutz wahrscheinlich in ein paar Jahren nicht mehr ein so grosses Thema wie heute sein wird mit all den Informationen, die heutzutage auf Facebook freiwillig der ganzen Welt preisgegeben werden. Die nächste Generation wird viel weniger auf Datenschutz eingestellt sein.
Nutzen Sie Facebook auch, um Informationen zu erhalten?
Man kann zwar Facebook für Werbung nutzen mit Bannern etc. Momentan gibt es aber kein Tool, mit dem wir legal Daten sammeln könnten, die uns Nutzen bringen.
Sind Sie verantwortlich für Spam?
Spam wäre, wenn Werbung an eine E-Mail-Adresse geschickt wird, obwohl der Inhaber diese nirgendwo angegeben hat und auch keine Einwilligung zur Weiterverwendung gab. Wir haben heute aber 1,2 Millionen E-Mail-Adressen, bei denen wir nachweisen können, zu welchem Zeitpunkt der Inhaber diese Einwilligung gab. Auch wenn wir Adressen einkaufen, prüfen wir die Richtigkeit der AGB und ob eine Erlaubnis für Werbung besteht. Auch weisen wir immer am Ende der Werbe-E-Mails darauf hin, dass der Empfänger sich mit einem Klick aus der E-Mail-Verteilerliste austragen kann, sodass er keine Werbebotschaft mehr erhält.
Sind Sie selber gegenüber Direct Mailings tolerant?
Ja, natürlich bin ich da sehr affin. Ich bestelle auch gerne überall, natürlich auch im Internet. Auch registriere ich mich für jeden Newsletter, um zu erfahren, wie die Unternehmen vorgehen. Vor allem will ich natürlich auch Unternehmen, die nicht mit uns zusammenarbeiten auf Schober aufmerksam machen. Ich bin auch offen für Telefonmarketing. Mich interessiert dabei einerseits das Produkt und natürlich auch, welchen Dienstleister das Unternehmen gewählt hat. Wir haben auch schon gute Leute aus dem Telefonverkauf für uns abgeworben.
Interview: Sibylle Lagler