Herr Janicello, Sie gelten als weltbester Elvis-Interpret. Wie kommt man zu dieser Auszeichnung?
Diese Bezeichnung stammt vom kürzlich verstorbenen Musiker Ben Weisman, welcher mit 57 Titeln der erfolgreichste Liederschreiber von Elvis Presley war. Als er mich zum ersten Mal hörte, war er von meinem Gesang so angetan, dass er mich bat, den Titel "Will you still be there" zusingen. Dies war das letzte Lied, welches Elvis bearbeitete. Es handelte von seiner Scheidung von Priscilla. Leider ist Elvis während der Aufnahmen gestorben. Während zwanzig Jahren lag der halb bespielte Tonträger in einem Tresor, Ben Weisman hat ihn hervorgeholt, als er mich hörte, und zu mir gesagt: "Du musst es singen." Das habe ich getan. Zusammen mit diesem Lied habe icheine eigene Elvis-Show mit dem Titel "Elvis: The Hollywood Years" konzipiert, welche ihre Premiere im Zürcher Kongresshaus hatte. Aufgrund des Erfolges bekam ich zuerst einen Plattenvertrag, "Will you still be there" aufzunehmen, undkurz danach, die Hauptrolle in einem Elvis-Musical, welches im ganzen deutschsprachigen Raum aufgeführt wurde.
Dann sind Sie die Reinkarnation von Elvis Presley...
Überhaupt nicht. Ich verstehe mich auch nicht als Elvis-Imitator, sondern als Elvis-Interpret. Ich bin auch überhaupt kein Elvis-Fan. Ich habe mich nie wie Elvis angezogen oder bewegt, doch die Leute drehen durch, wenn ich seine Lieder singe. Warum, weiss ich nicht. Für Ben Weisman war ich der beste Elvis- Interpret überhaupt, obwohl ich eigentlich ausgebildeter Opernsänger bin. Unter anderem habe ich zusammen mit Liza Minnelli gesungen oder habe ein Duett mit Frank Sinatra aufgenommen. Wegen meiner Scientology-Zugehörigkeit habe ich mir aber selbst die ganz grosse Karriere verbaut.
Das ist tragisch...
Ja, vielleicht. Mittlerweile habe ich mich aber von Scientology gelöst und ein Buch darüber geschrieben. Für viele Scientologen bin ich deswegen ein "Verräter", obwohl sie mir heimlich Recht geben. Den Stempel "Scientologe" werde ich aber nie verlieren.
Sind Sie wegen Elvis in die Fänge der Scientologen geraten?
Nein, ich bin den Scientologen bereits 1993 in New York, also lange bevor ich nach Europa kam, beigetreten. Der Grund war banal: Ich hatte grosse psychische Probleme, die sich in ständiger Migräne ausdrückten. Ein Freund drückte mir daraufhin ein Dianetikbuch in die Hand. Obwohl ich sehr skeptisch war, liess ich mich überzeugen und besuchte eine Sitzung bei den Scientologen. Zu meiner Überraschung hatte ich anschliessend keine Kopfschmerzen mehr. Das machte Eindruck. Heute weiss ich aber, dass ich meine Probleme hätte selber lösen müssen und nicht an die Scientologen delegieren. Doch diese gaben vor, auf jede Frage eine Antwort zu wissen. In meiner Verzweiflung und meinem Unglück war dies äusserst angenehm.
Warum gelten ausgerechnet die Scientologen als so gefährlich?
In Deutschland wird Scientology als Sekte betrachtet. Da Deutschland in Europa meinungsführend ist, wird diese Meinung auch von andern Ländern geteilt. Da sich Scientology gegen den Gebrauch von Psychopharmaka stellt, erklärt man den grossen Pharmafirmen, die sich in Deutschland befinden, einen Krieg, der nicht zu gewinnen ist. Deren Lobbyisten finden in der Regierung ein offenes Ohr, um eine Hexenjagd zu eröffnen.
Warum sind so viele Stars bei den Scientologen?
Disziplin ist für die Scientologen sehr wichtig. Man nimmt keine Drogen, nicht einmal Aspirin oder andere Schmerzmittel, ausser es wird einem von einem Arzt verschrieben. Ich glaube, dass viele Menschen der Unterhaltungsbranche mehr Inhalt als nur "Unterhaltung" in ihrem Leben haben möchten, Scientology bietet dazu den Zugang. Ich singe, seit ich vier Jahre alt bin, und habe in kürzester Zeit sehr viel erreicht. So bin ich an vielen Opernhäusern der Welt aufgetreten. Plötzlich hat man Allmachtsfantasien und bekommt das Gefühl, man müsse auch noch die Welt retten. Künstler haben grössere Träume als andere Menschen. Scientlogy weiss, wie man auf deren Klaviatur spielt und auch diese Bedürfnisse befriedigt.
Wie viel Geld mussten Sie den Scientologen zahlen?
90 Prozent aller Geschichten über Scientology sind Schwachsinn. Ich habe die Scientologen lediglich für die Kurse bezahlt, die ich auch besuchte. Die Situation wird nur ungemütlich, wenn man Scientology Geld schuldet. Wenn dies - wie bei mir - nicht der Fall war, hat man keine Probleme. Als Künstler war ich aber keineswegs verpflichtet, einen Teil meiner Gage abzugeben. Dies im Gegensatz zur katholischen Kirche, wo man Kirchensteuer bezahlt. Man bezahlt den Scientologen nur, was man auch nutzt. Selbstverständlich gibt es sogenannte "Berater", die einem mehr aufschwatzen, als man schlussendlich benötigt. Ich habe erst kürzlich einen langjährigen Kollegen getroffen, der die höchste Ausbildungstufe in Scientology schon erreicht hat, sehr viel Geld bei den Scientologen verloren hatte und dessen Ehe nach fast zwanzig Jahren in Brüche ging. Er hatte soeben zwei äusserst schwierige Operationen und ist todkrank. Eigentlich müsste er sterben, doch er fühle sich - sagte er mir - völlig fit. Dank den Scientologen. Das ist doch verrückt.
Sie waren Aushängeschild in Deutschland. Welchen Auftrag haben Ihnen die Scientologen gegeben?
Ich hatte überhaupt keinen Auftrag, ich musste auch bei niemandem rapportieren oder Befehle entgegennehmen. Aber ich bin Amerikaner. In unserer Gesellschaft gibt es viele Probleme und Ungerechtigkeiten, die Religionsfreiheit wird aber bei uns sehr hochgehalten. Deswegen war ich entsetzt, als ich sah, dass viele Scientologen in Deutschland aus den politischen Parteien gejagt oder deren Kinder von den Schulen verstossen wurden, nur weil sie sich zu L. Ron Hubbards Lehre bekannten. Das hat mich wütend gemacht. Als blöder Amerikaner glaubte ich mit meiner John-Wayne-Mentalität dagegen ankämpfen zu müssen. Es war schlussendlich meine Idee, in diesen absurden Kampf einzusteigen, den Scientologen kann ich dafür nicht einmal Schuld geben. Innerhalb der EU ist die Religionsfreiheit bekanntlich garantiert. Das war das Einzige, was ich öffentlich gesagt habe. Dass ich deswegen mit dem Verfassungsschutz solche Probleme bekommen würde, war wirklich nicht vorauszusehen. Vielleicht war ich auch ein bisschen naiv.
Wie hatte sich dies geäussert?
Ich stand auf einer inoffiziellen schwarzen Liste, was aber niemand zugeben würde. Menschen mit "Scientology kills"-T-Shirts kamen in meine Vorstellungen, fotografierten oder störten diese oder zwangen mich zum Abbruch. Ich bekam Morddrohungen, meine Post wurde geöffnet. Man belegte mich mit einem faktischen Berufsverbot. Ich nahm ein Duett mit einem deutschen Schlagerstar auf. Ein grosser deutscher Fernsehstar wurde dann bedroht - wegen mir: Liesse er mich auftreten in seiner Musiksendung, würde er als "Scientology-Förderer" geoutet. Er nahm sofort Kontakt auf mit beiden Schlagerstars und meiner Plattenfirma. Innerhalb 24 Stunden wurde das Single von der Plattenfirma zurückgezogen und die geplanten 14 Fernsehauftritte sowie eine bereits vorbereitete Tournee und Solo-Album abgesagt. Ich war faktisch tot. Innerhalb weniger Minuten verlor ich auf diese Weise 250000 Deutsche Mark. Am schlimmsten waren aber die Hetzkampagnen in der Presse, in denen ich mit völlig konstruierten Vorwürfen behelligt wurde, die jeglicher Wahrheit entbehrten. Da ich keinen Job mehr bekam, war ich gezwungen, nach Alternativen zu suchen. Ich schrieb ein Musical über den amerikanischen Sänger Mario Lanza, welcher mit 38 Jahren in Italien an einem Herzinfarkt verstarb. Als dies bekannt wurde, schrieb die Presse "Scientologen finanzieren Janicello-Musical", was überhaupt nicht stimmte. Ich habe von den Scientologen niemals einen einzigen Rappen gekriegt.
Wirklich?
Ja, das ist ja das Paradoxe. Ich habe von den Scientologen nie Geld gekriegt. Noch besser, als ich sie um Hilfe bat, liessen sie mich im Stich. Aus der Zentrale in Los Angeles hörte ich nur, dass die ganze Angelegenheit nichts mit Scientology zu tun habe. Wie kann man so etwas sagen? Ich setzte meinen ganzen Ruf und meine ganze Karriere für ihre Anliegen aufs Spiel, und sie liessen mich buchstäblich verhungern, obwohl ich weltweit ihr erfolgreichster Foundraiser war. Ich habe für sie x-Tausende Dollars gesammelt. In jenem Moment, wo ich wegen Morddrohungen nur noch mit Polizeischutz auftreten konnte, bekam ich von der Hauptzentrale weder moralische noch finanzielle Unterstützung. Ich befand mich zwischen zwei Fronten. Auf der einen Seite der Verfassungsschutz und die Medien, die mich als Scientologen diskreditierten. Auf der andern Seite die Scientologen, die nichts mehr von mir wissen wollten. Das war der Moment, in dem ich beschloss, aus der Kirche auszutreten.
Priscilla Presley, die Ehefrau von Elvis Presley, ist ein sehr bekanntes Scientology-Mitglied. Die hatte sicher Verständnis für Ihre Anliegen.
(Lacht.) Im Gegenteil. Dass einem die Scientologen keine Unterstützung gewähren, ist vielleicht noch nachvollziehbar. Dass einem aber einzelne Scientologen das Messer in den Rücken stossen, ist völlig unbegreiflich. Ich hatte mit meinem Musical "Elvis" sehr grossen Erfolg. Aus diesem Grund schickte ich ihr und ihrer Tochter Liza-Maria, welche auch Scientologin ist, das Drehbuch, in der Hoffnung auf ein paar wohlwollende Worte. Stattdessen klagte mich Priscilla auf Urheberrechtsverletzung ein. Doch in Europa ist die Urheberrechtssituation eine völlig andere. Ich rief in Los Angeles an, mit der Bitte, mir Priscilla vom Leibe zu halten. Ein vergebliches Unterfangen. Stattdessen hatte ich am Telefon ein paar wüste Wortgefechte mit Elvis Ex-Frau, die glaubte, ihr Erbe verteidigen zu müssen. Es war unglaublich, Scientologen in Amerika bedrohten ihren Glaubenskollegen, den "Religionsfreiheitskämpfer" und Scientology-Fundraiser, der sich in grösster Not befand, mit Klagen. Spätestens da musste ich einsehen, dass es sich bei den Scientologen um eine äusserst egoistische Bewegung handelt, bei der jeder zuerst auf sich selber schaut. Für mich der richtige Moment, um zu gehen. Nein, ich war wirklich kein Held, ich war vielmehr ein Idiot.
Das ganze Interview von Matthias Ackeret lesen Sie in der September-Ausgabe von "persönlich"-Heft.

