"Wir werden zu tieferen Preisen verkaufen können, als dies heute der Fall ist", kündigte Coop-Chef Hansueli Loosli am Tag nach der Gründung der Allianz Coopernic in Interviews an. Dank Coopernic wolle Coop die aktuelle Kaufkraftabschöpfung internationaler Anbieter in der Schweiz sowie den Zwischenhandel so weit als möglich aufheben. Lange auf spürbare Preisreduktionen zu warten brauchen die Konsumenten laut Loosli nicht: "Die Kunden werden bereits in den nächsten Wochen sehen, dass die Preise weiter sinken."
Branchenexperten sind indes skeptisch, ob Coop dank der neuen Organisation durchschlagskräftig genug sein wird, um tatsächlich billiger einkaufen zu können. "Wir kennen keine internationale Einkaufsallianz, die einen durchschlagenden Erfolg verbuchen konnte", sagen zwei Detailhandels-Kenner in der NZZamSonntag. Solche Verbunde, die Produkte für mehrere Händler gemeinsam und damit günstiger beschafften, seien komplex und scheiterten oft an den unterschiedlichen Ansprüchen der Konsumenten in den einzelnen Ländern.
Ob sich gerade die Markenartikel-Unternehmen dem Druck von Coop beugen werden, erscheint deshalb ungewiss. "persoenlich.com" wollte es genau wissen und fragte Vertreterinnen und Vertreter der Markenartikelindustrie, welche Konsequenzen sie aus dem Schulterschluss der Grossverteiler im europäischen Detailhandel erwarten. Die Umfrage:
John Peter Strebel, Geschäftsführer Promarca:
"Der Beitritt von Coop Schweiz zur Beschaffungsallianz Cooperinc wird nach Einschätzung von Promarca vor allem die internationalen Markenartikelhersteller betreffen. Eine Chance sehen wir darin, dass zum Beispiel bei einer Vereinfachung von Abläufen in Beschaffung, Logistik oder IT auch eine bessere Kosten-/Nutzeneffizienz erreicht werden kann. In diesem Fall würden beide Partner profitieren. Natürlich wäre es auch schön, wenn Schweizer Lieferanten durch die Einkaufsallianz bei den anderen Allianzpartnern einen Marktzutritt erhalten würden, wie Coop dies in Aussicht stellt! Aus Erfahrung mit bereits bestehenden Beschaffungsallianzen müssen wir jedoch feststellen, dass oft nur tiefere Preise ohne Gegenleistung gefordert werden."
Claudio Capello, Marketing-Direktor Ferrero Schweiz:
"Die Preise der Ferrero Produkte befinden sich in der Schweiz in einem Preiskorridor, der schon heute eurokompatibel ist. Die Differenz zum europäischen Ausland beträgt dabei zwischen 0 und 8 Prozent. Einige Produkte -- so etwa Nutella -- sind in der Schweiz gar billiger als in Deutschland. Hinzu kommt: Die Konsumentenpreise sind nicht ein Thema der Hersteller, sondern vielmehr des Handels."
Viktor Wiederkehr, Managing Director Kraft Foods Schweiz AG:
"Kraft Foods ist sehr skeptisch bezüglich internationaler Beschaffungsallianzen im Detailhandel. Bis anhin haben Erfahrungen gezeigt, dass keine nachhaltigen Vorteile für den lokalen Konsumenten oder Kraft Foods erbracht wurden. Bekanntlich sind die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen, das Wettbewerbsumfeld und die Konsumentenbedürfnisse für Lebensmittel noch heute von Land zu Land sehr unterschiedlich. Aufgrund dieser Tatsache deckt Kraft Foods die Handels- und Konsumentenbedürfnisse in der Schweiz über die lokale Kraft Foods Organisation ab. Als langjähriger Anbieter von wichtigen lokalen und internationalen Marken haben wir unsere marktspezifischen Leistungen kontinuierlich durch Effizienzsteigerungen in der Schweiz verbessert. Dass diese Verbesserungen jeweils den Konsumenten unserer Marken zu Gute kommen, liegt bekanntlich beim jeweiligen Vertriebskanal, der die Endkonsumentenpreise bestimmt."
Anne Zwyssig, Unternehmenskommunikation Unilever:
"Einkaufsgenossenschaften sind an sich nichts Neues. Nicht einverstanden sind wir mit der in den Medien geäusserten Auffassung, die internationalen Anbieter in der Schweiz würden die höhere Kaufkraft in der Schweiz abschöpfen (sprich: zu hohe Preise verlangen). Dies trifft für uns nicht zu, unsere Rendite liegt im europäischen Schnitt, von einer höheren Abschöpfung in der Schweiz kann also keine Rede sein. Wir haben aber in der Schweiz höhere Kosten (zB Logistik, Listungsgebühren, Werbung, und im Food-Bereich die höheren Agrarpreise), dies wirkt sich auf unsere Preise aus. Auf der anderen Seite arbeitet der Handel in der Schweiz mit höheren Handelsmargen als im Schnitt der EU-Länder. Wir erwarten vorerst keine unmittelbaren Auswirkungen, da es sehr viele Produkte gibt, vor allem im Food Bereich, die nicht dieselben sind und die deshalb auch nicht verglichen werden können. Der Handel ist dauernd bestrebt nach tieferen Preisen, und der Preisdruck wird weitergehen."
Erland Brügger, General Manager Wander AG:
"Herr Loosli spricht seine Erwartungen an die Lieferanten direkt an und diese wird in unseren nächsten Gesprächen ein Thema sein. Man wird uns sagen, in der EU seien die Preise günstiger, und von uns Anpassungen verlangen. Dabei wird ausser Acht gelassen, dass es marktspezifische Beschränkungen gibt denen sowohl Händler wie Hersteller unterliegen, etwa die Unterschiede in den Faktorkosten wie z.Bsp. Werbung oder die absolute Grösse des Marktes, auf dessen Basis sich Unterschiede in der Preisführung ergeben. Zusätzlich gibt es Unterschiede in den Investitionen in Marken, die dazu führen, dass diese in unterschiedlichen Märkten einen unterschiedlichen Wert haben.
Philippe Oertlé, Unternehmenskommunikation Nestlé Schweiz:
"Wir haben die Gründung der neuen Allianz zur Kenntnis genommen. Es ist für uns aber noch zu verfrüht , irgenwelche Kommentare zu machen."
Stephan Wehrle, Unternehmenskommunikation Emmi Schweiz:
"Wir glauben, dass globale Marken durch die Allianz Coopernic unter Druck geraten könnten, am stärksten wohl im Nonfood-Bereich. Emmi arbeitet mit Coop sehr intensiv zusammen und versucht schon heute, seine Produkte zu Europapreisen anzubieten. So entspricht der Preis von Caffe Latte bei Coop jenem von Rewe in Europa. Für Schweizer Unternehmen könnte der Zusammenschluss der Grossverteiler mittelfristig auch positive Auswirkungen haben, jedoch unter der Voraussetzung, dass die Unternehmen bereit sind, in der Schweiz nicht viel höhere Preise zu generieren als in Ländern mit weniger Kaufkraft."
Kaspar Fopp, Medienstelle Gillette Schweiz:
"Die Festlegung der Konsumentenpreise liegt in der Hand des Handels. Die veränderte Ausgangslage für die Einkaufsgenossenschaft Coopernic wird von Gillette umfassend geprüft. Zu einer direkten Kontaktaufnehme seitens Coop ist es jedoch noch nicht gekommen."
Pia Lehmann, Sprecherin Coca-Cola Schweiz:
"Coop ist nach der Gründung von Coopernic noch nicht an uns herangetreten. Wir können uns allerdings vorstellen, dass Coop mit der neuen Einkaufsgemeinschaft sehr bald mehr Druck macht. Weil Coop nun mehr Markmacht besitzt, gehen wir davon aus, dass es Preisabschläge geben wird."