Michel Kunz musste als Post-Chef den Hut nehmen, weil er in den Augen von Präsident Claude Béglé nicht "kompatibel" war mit den Visionen der Post. Bundesrat Moritz Leuenberger bedauert den Konflikt. Und Kunz' 62-jähriger Nachfolger Jürg Bucher bleibt nur drei Jahre. Die Rivalitäten zwischen Konzernchef Marcel Kunz und Verwaltungsratspräsident Claude Béglé sorgten mehrmals für Schlagzeilen, nachdem beide am 1. April dieses Jahres ihre Ämter angetreten hatten.
Nun haben nach Darstellung der Post offenbar unterschiedliche Visionen das Fass zum Überlaufen gebracht: Angesichts des Rückgangs im Kerngeschäft der Post wollte Kunz vor allem sparen, Béglé hingegen neue Wachstumsquellen erschliessen. Dass Kunz am Montag vom Verwaltungsrat mit sofortiger Wirkung abgesetzt wurde, erklärte Béglé am Dienstag vor den Medien in Bern mit folgenden Worten: Die Absetzung sei "keine persönliche Beurteilung" von Kunz, sondern habe mit dessen mangelnder "Kompatibilität" mit den Visionen des Verwaltungsrats zu tun.
Kunz' Nachfolger Jürg Bucher ist laut Béglé einstimmig durch den Verwaltungsrat gewählt worden. Zur Frage, nach welchem Modus und mit welchem Stimmenverhältnis Michel Kunz abgesetzt wurde, wollte ein Post-Sprecher gegenüber der Nachrichtenagentur SDA keine weiteren Angaben machen. Der 62-jährige Bucher arbeitet seit rund 25 Jahren für die Post. Er ist derzeit Leiter von PostFinance und wird diese Funktion auch als neuer Konzernchef behalten. Um die Doppelrolle zu meistern, will er einen Stellvertreter in der Konzernleitung einsetzen.
Béglé lobte Bucher als "extrem glaubwürdig" und als jemanden, der dieselben Visionen habe wie der Verwaltungsrat. Bucher wird altershalber nur drei Jahre im Amt bleiben. Seine Aufgabe für diese Zeit sei klar, sagte Bucher: Er will Post und PostFinance in je eine Aktiengesellschaft überführen. Wachstum sieht er vor allem im internationalen Geschäft und bei der elektronischen Post. "Ich habe die Aufgabe als Konzernchef nicht gesucht", sagte Bucher. Erst vor wenigen Tagen sei er durch den Verwaltungsrat angefragt worden. Er habe zwei Nächte darüber geschlafen und schliesslich zugesagt, weil ihm die Post "am Herzen" liege.
Verwaltungsratspräsident und Konzernchef wollen künftig alle zwei Wochen einen halben Tag zusammensitzen, um strategische Fragen zu diskutieren und gegen Aussen mit einer Stimme zu sprechen. Bundesrat Moritz Leuenberger drückte in einem Schreiben sein Bedauern aus: "Ich bedaure, dass zwischen dem Verwaltungsrat und dem Konzernleiter keine nachhaltige Einigung über die Strategie möglich war und nur dieser Ausweg verblieb." Die politischen Parteien stellten sich auf den Standpunkt, die Absetzung des Postchefs sei eine interne Sache der Post. Einzig SP-Präsident Christian Levrat sagte, die Absetzung enthülle einen personellen Konflikt, in welchem Claude Béglé mit der Wahl Jürg Buchers nun "seinen Joker" gespielt habe.
Kritik gab es dafür von den Gewerkschaften. Der Personalverband transfair äusserte sich in einer Mitteilung "irritiert" über die Absetzung von Kunz. Dieser habe sinnbildlich für die Verlässlichkeit der Post gestanden, auch als Sozialpartner. Transfair fordert nun eine Untersuchung durch den Bundesrat. Die Gewerkschaft Kommunikation nannte Kunz' Absetzung "absehbar". "Die Spannungen zwischen Béglé und Kunz waren in den Medien spürbar", sagte Gewerkschaftschef Alain Carrupt. Er fordert einen radikalen Strategiewechsel: Die Post müsse sich auf ihre Mission des Service public konzentrieren und nicht um jeden Preis Gewinn anstreben. (sda)