"Das ist alles gute Werbung für uns!"

Montreux Jazz Festival - Im Juli geht zum 46. Mal das Montreux Jazz Festival über die Bühne. Längst geniessen der 76-jährige Claude Nobs und sein Anlass Kultstatus. Was nicht bedeutet, das Festival sei sorgenfrei: Im Gespräch mit "persoenlich.com" spricht Nobs offen über bittere kommerzielle Konzessionen, Qualitätsverlust, das viel diskutierte aktuelle Plakatsujet und arge Kommunikationspannen. Und trotzdem: "Der Vorverkauf läuft so gut wie nie zuvor." Zum Interview:

Herr Nobs, das diesjährige Plakat des Montreux Jazz Festival hat einen ziemlichen Wirbel ausgelöst. Zu sehen ist ein nackter Mann, der dem Betrachter sein Profil zuwendet und nach hinten schaut. Daneben steht: "Listen".

Claude Nobs: Haben Sie die Abwandlungen gesehen, die gemacht wurden? Sehr originell, was sich die Leute so alles haben einfallen lassen.

Darauf wollte ich gerade zu sprechen kommen: Auf Facebook gibt es eine Gruppe namens "Le Monsieur tous nu", auf der etliche Persiflagen Ihres Plakats zu finden sind.

Genau! Da finden Sie mittlerweile Hunderte von Abwandlungen. Fantastisch!

Das war aber nicht beabsichtigt, oder?

Nein. Wir hatten schon 1969 eine nackte Frau mit einer Trompete im Hintern auf dem Plakat. Das gab damals auch Probleme: In den Geschäften wurde das Sujet so zurechtgestutzt, dass man nur noch den Text sah, und nichts mehr von der Frau.

 

Das Original: Der nackte Musikfan von Fotograf Greg Gorman.

 

Wenn die Provokation anscheinend kein Beweggrund war: Was war denn dann die Überlegung hinter der Wahl dieses ungewöhnlichen Sujets?

Nun ja, ich habe den Fotografen Greg Gorman letztes Jahr in St. Moritz getroffen. Bei der Gelegenheit fragte ich ihn, ob er nicht das Poster für dieses Jahr machen wolle. Immerhin ist er einer der besten Fotografen der Welt. Er sagte sofort zu und fragte mich, wie er es umsetzen solle. Und ich meinte: "Wie auch immer du willst. Du bist völlig frei." – Dieser nackte Mann musste dann drei Tage lang am Strand von Mendocino bei eisiger Kälte posieren. In letzter Sekunde ist dann dieses Bild gelungen: Er läuft, und wendet dabei seinen Kopf. Daneben steht: "Listen" – als wenn er am Ufer des Genfersees entlanglaufen und der Musik des Festivals lauschen würde.

Aha. Ich habe es im ersten Moment wirklich für einen Scherz gehalten. Es mutet doch sehr nach einem Parfüm-Sujet an. Nach einer neuen Kampagne für Cool Water von Davidoff etwa. Sehen Sie selbst einen Zusammenhang mit der Musik?

Ja, warum nicht? Es gab in den vergangenen Jahren sehr viele abstrakte Poster, die mir persönlich nicht besonders gefielen.

Konnten Sie schmunzeln über diese Sachen, die sich die Leute da haben einfallen lassen dazu?

Ja, wir haben daraus jetzt einen Wettbewerb gemacht: Die beste Abwandlung wird mit einem Preis belohnt.

 

Abwandlung 1, zu finden in der Facebook-Gruppe "Le Monsieur tout nu".

 

Sprich: Sie haben sich den Hohn der Leute zunutze gemacht?

Natürlich. Das ist alles gute Werbung für uns! Es ist doch positiv, wenn über das Festival geredet wird.

Wirkt sich so etwas denn nicht negativ aus auf die Verkäufe von T-Shirts und anderen Merchandising-Produkten? Damit wird ja doch auch sehr viel Geld gemacht, nehme ich an.

Auf den T-Shirts und Prospekten ist nur der Kopf und nicht der ganze nackte Mann zu sehen. Auf den Postern allerdings schon.

Neben dem nackten Mann, hat noch eine andere Sache zu reden gegeben: Das Programm tauchte zwei Tage zu früh auf der Festival-Website auf...

Ja, das fand ich sehr gut. So waren wir gleichzeitig mit Nyon – und wir haben bessere Kritiken gekriegt.

Manch einer äusserte die Vermutung, dass das Absicht war.

Viele haben mir das in die Schuhe geschoben. Aber ich sage Ihnen ganz ehrlich: Dafür bin ich im Umgang mit Computern viel zu ungeschickt. Einfach zu doof. Das hätte ich gar nicht hingekriegt.

 

Abwandlung 2, zu finden in der Facebook-Gruppe "Le Monsieur tout nu".

 

Wie konnte das denn passieren?

Wie Sie wissen, gibt es Leute, die sich intensiver mit Computern beschäftigen als ich. Und die schaffen das ziemlich schnell sich Zugang zu solchen Seiten zu verschaffen. Wahrscheinlich war es nicht mal ein besonderes Genie von einem Hacker.

Wie reagieren Sie in solchen Momenten? Sie gehen da nicht in die Luft?

Nein, über solche Sachen darf man sich nicht zu sehr aufregen. Es gibt viel Schlimmeres. Ausserdem: Der Vorverkauf lief noch nie so gut wie in diesem Jahr. Dafür sind ja wohl zum Teil auch das Poster und die verfrühte Veröffentlichung des Programms verantwortlich.

Ich hab mir das diesjährige Programm angesehen und etwas hat mich schockiert: Am 9. Juli tritt der talentfreie Rapper Pitbull im Auditorium Stravinski auf.

Tja... Manchmal muss man auch etwas kommerziellere Sachen machen. Er hatte ja auch ein paar Hits unter eigenem Namen. Einen sogar mit Maroon 5. Und der Vorverkauf ist auch in diesem Fall gut. Ein Teil dieses Publikums würde sonst sicher nie nach Montreux kommen.

Überschreiten Sie damit nicht eine Grenze? Früher galt es als Ritterschlag für eine Band, wenn sie im Auditorium Stravinski spielen durfte.

Ja, aber wir haben ja auch schon Gruppen wie Korn im Auditorium Stravinski spielen lassen.

Ja, das war auch schon grenzwertig.

(Lacht) Ja, das war knapp an der Grenze.

Ich frage noch mal: Wieso muss man denn Acts wie Nightwish, Anastacia oder Pitbull einladen? Die haben doch mit dem ursprünglichen Montreux rein gar nichts zu tun.

Sie müssen sich das so vorstellen: Es gibt unterdessen unzählige Festivals in der Schweiz – allein im Juli und August sind es über hundert. Montreux ist das Längste von allen: 16 Tage ununterbrochen in zwei Sälen. Klar wäre es schön, wenn man da nur hochqualitative Musik präsentieren könnte. Aber die Realität ist nun mal leider eine andere. Die Alternative wäre gewesen einen Tag auszulassen, also ohne Bezahlprogramm.

Sie waren früher voll auf Qualität bedacht. Wieso dampfen Sie das Festival nicht wieder ein und setzen wieder voll auf die Musik, die Ihnen selbst gefällt?

Wir hatten schon alle möglichen Varianten. Angefangen haben wir mit drei Tagen. Wir sind sogar schon bis 21 Tage gegangen. Das ganze Festival-Budget beläuft sich mittlerweile auf 25 Millionen Franken – gegenüber 10'000 Franken im Jahr 1967. Wir haben genau kalkuliert, wie man diese Kosten amortisieren kann. Und da kamen wir auf diese 16 Tage, von Freitag bis zum Samstag der übernächsten Woche.

 

Abwandlung 3, zu finden in der Facebook-Gruppe "Le Monsieur tout nu".

 

Die Kosten bleiben also gleich, egal ob man das Festival ein paar Tage länger oder kürzer macht?

Die Unkosten sind mehr oder weniger dieselben für fünf Tage wie für 16 Tage. Allein die Umwandlung des Kongresszentrums in ein Festivalgebäude kostet ein Vermögen. Aber wir tun auch einiges dafür, um den Einfluss der Sponsoren in einem gewissen Rahmen zu halten: Seit letztem Jahr ist nicht mehr alles mit grossen Bannern, Farben und Fahnen zugepflastert. Alles sieht ein bisschen einheitlicher aus. Aber das kostet eben auch Geld.

Auf welche Künstler freuen Sie sich dieses Jahr am Meisten?

Ich? Ich sehe doch gar nichts vom Festival! Ich bin ja immer hinter der Bühne (lacht)! Nein, im Ernst: Schauen Sie nur mal den New Orleans Abend an: Hugh Laurie, Dr. John und Trombone Shorty. Drei Acts an einem Abend! Und jeder von denen würde alleine die Halle füllen. Das ist ein Abend, wie es ihn nur in Montreux gibt. Drei hochklassige Konzerte für den Preis von einem.

 

Interview: Adrian Schräder